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Diverses:Brief an Vodafone (Meine letzte Abrechnung)

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Jan von Sinnen
21.06.2015

Auf der Palme 1
01805 Wutburg
Tel. nicht von Ihnen
Fax(en): dicke

An Mafia AG
Postfach DE 35117 Münchhausen

Betreff: Meine letzte Abrechnung

Sehr geehrtes Vodafone Kundenbekämpfungsteam,

Vielen Dank für Ihren schnellen Anruf auf meine Schadensersatzklage vom Donnerstag, den 11. April 2010. Auch ich finde übertrieben höfliche Begrüßungsfloskeln am Telefon wie "Hallo", "Danke" oder "Tschüs" völlig überbewertet. Gerne habe ich mir die Zeit genommen und ausführlich auf den Fragebogen geantwortet, den Ihre Rechtsabteilung mir in Betreff der von Ihnen hinterzogenen 3679 Taler zugesandt hat. (Ich hoffe, dass mein Geld Ihren Speicher für ein ausgiebiges Bad füllen konnte, ich hätte es sonst eh nur für meine Familie, Freunde oder Ausbildung ausgegeben.)

Zu der Frage wie ich zu Vodafone gekommen bin:

Ich wurde durch einen freundlichen Menschenfänger angehalten, der vor einem Ihrer Nester herumlungerte und mir mit seinem jovialen Sirenenschrei ein bis dato nie gehörtes Angebot machte. Ich, als junger Bursche vom Lande, der in seiner agrarischen Straßenflucht immer ganz am Ende der Datenleitung wohnte und bislang von keinem anderen Provider als der Telekom betrogen wurde, hatte ja keine Ahnung, wie viele Möglichkeiten es gibt, meine niedrigen Erwartungen zu untertreffen. Damals, in einem vom Datennetz versehrten Hinterhaus in einem schlecht versorgten Stadtviertel in einer bedrohlichen Großstadt kam es mir fast wie eine Verheißung vor: Sollte es doch möglich werden, in dieser menschenfeindlichen Betonwüste Internet zu erhalten? Ihre Konditionen hörten sich fabelhaft an, alles sollte über Funk laufen und noch bevor die Telekom ihre ersten Linien für ihre Fieberglaskabel an meine Hauswand sprühen konnte, trocknete mein Blut auf Ihrem schier endlosen Vertrag. Dass der Verkäufer direkt nach meiner Unterzeichnung in Flammen aufging und mit einem dämonischen Lachen im Boden versank, hielt ich für einen beeindruckenden Werbegag. Im Nachhinein hätte mich sein Ziegenhuf, der hinter dem Verkauftresen hervorlugte und seine Warnung, dass ich mich nicht umdrehen sollte, wenn ich aus dem Geschäft gehe, doch stutzig machen müssen.

Welche Leistungen ich genau empfangen habe,

dazu kann ich leider nichts Detailliertes sagen. Ihr hochmodernes Endgerät traf pünktlich wenige Wochen nach meiner Heimkehr von Ihrem Store bei mir ein und auch die Software lief nach acht Systemabstürzen reibungslos, ohne Virenscanner. Leider bin ich nach dem Starten des Browsers mit Ihrer Verbindung prompt auf eine Seite gelangt, die ein Bild hatte und damit war mein Datenvolumen für die nächsten sechs Monate verbraucht und ich wurde mit dem Server auf Postverkehr gedrosselt. Danach funktionierte mein Anschluss jedenfalls die ersten fünf Tage jedes Monats perfekt, d.h. natürlich nur dann, wenn sich kein anderer aus meiner Umgebung in das Netz eingewählt hatte, denn jeder in meiner Umgebung hatte selbstverständlich einen besseren Tarif als ich und damit auch einen besonderen Vorzug. Wirklich jeder. Aber zu den Surf-Stoßzeiten um 04:17 Uhr frühs und mittags um 13:26 Uhr konnte ich mich nie beschweren.

Die Frage, welchen Tarif ich hatte,

muss in meinen letzten 20 Briefen an Sie untergegangen sein. In jedem dieser Briefe finden Sie die zugegeben schlecht zu entdeckende Zeile "Betreff", in der die genaue Bezeichnung meines kurz nach Vertragsunterzeichnung ausgelaufenen Tarifs steht. Sicher war der Studententarif, mit dem Sie mich damals köderten, erstaunlich gering, sodass es mir anfangs fast so schien, als würden Sie mir etwas zahlen. Hätte ich natürlich gewusst, dass ich Ihnen für den bleibenden Studententarif auch minütlich Faxe meiner neuesten Studienbescheinigung schicken muss, wäre ich freilich selbst darauf gekommen, dass Sie Ihre Preise denen Ihrer Konkurrenz erstaunlich genau angleichen, mit dem Unterschied freilich, dass Ihre Konkurrenz manchmal dafür eine Internetverbindung bereitstellt.

Den technischen Support

musste ich in meiner Zeit als Kunde bei Ihnen nur selten nutzen. Gerne habe ich dabei Ihre Beratungsresistenz akzeptiert, wenn das Gerät just in dem Moment, indem ich Sie anrief, wieder funktionierte, Sie mir aber nicht erklären konnten, wieso. Ich hätte von selbst darauf kommen müssen, dass die Bedienung kinderleicht ist: Das Gerät einstecken, keine Reaktion abwarten, es anschreien, vor die Wand werfen und dann von vorne beginnen und in gut 15 Minuten bin ich schon im Internet.
Erst als ich wochenlang nicht mehr am schnelllebigsten Netz Deutschlands teilnehmen konnte und so langsam verstand, warum Sie in Ihrer Werbung immer so viele weinende Menschen zeigen, griff ich für ein längeres Gespräch mit Ihrem Support zum Hörer. Ich kam allerdings nicht direkt durch, eine Frau beim Kundenservice meinte, sie wolle mich verbinden, aber ich war mir sicher, nach der dreiminütigen Schalte dieselbe Stimme am Telefon zu haben, die sich nun als Support meldete. Wenn ich so im Nachhinein darüber grübele, hatte sogar die Pausensängerin in der Warteschleife die gleiche Stimme...naja, jedenfalls entdeckte der Support, dass ich bereits mit einem völlig veralteten Gerät surfte. Er riet mir, es sofort zu deinstallieren, damit es nicht mehr funktioniert und ich einen neuen Tarif mit Vodafone aushandeln muss, der dem Konzern für die gleiche Leistung mehr Geld einbringt. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nicht auf Sie gehört habe.

Der Grund für meine Kündigung

erscheint mir im Nachhinein hochgradig trivial. Ich hätte einfach besser aufpassen sollen, wenn mir mein Provider irgendwann Phishing-SMS von luxemburgischen Briefkastenfirmen weiterleitet. Schließlich sollte mir das ja nur die neue praktische Click&Buy-Methode im Internet nach dem Try and Error-Prinzip beibringen. Wer in eine Schießerei gerät, muss sich ja auch nicht automatisch erschießen lassen. Klar, er kann es ausprobieren, aber das ist dann seine freie Entscheidung.
Jedenfalls hatte ich schon mit dem ersten neugierigen Klick auf Ihre SMS ein Abo abgeschlossen, das mir in jeder Minute mehrere Euro für den Dienst, mich betrügen zu dürfen, abzog. Die Einzugsermächtigung für mein Konto stellten Sie der Firma bequem zur Verfügung, wie dem Bären den Honigtopf. Ja, warum hätten Sie es denn auch nicht machen sollen? Sie haben völlig Recht, ich konnte ja froh sein, dass sich Ihre Mitarbeiter nicht schon selbst da reingehackt hatten, wenn sie knapp bei Kasse waren. Das Konto gehört schließlich meiner Bank und nicht mir. Entschuldigen Sie also, dass ich überreagiert habe, als ich die 527,63 Euro in meiner letzten Abrechnung erspäht hatte. Ich schätze, ich habe da einfach rot gesehen.
Als ich auf die Seite klickte, wo ich laut Angabe der "Firma" mein Abo kündigen konnte, musste ich zunächst meine Kreditkartennummer eingeben und als ich das getan hatte, fragte mich die Seite, ob ich weitere Abonnements zubuchen wollte und als ich Nein klickte, buchte die Seite weitere Abonnements hinzu. Um diese zu kündigen, hätte ich wieder meine Kreditkartennummer eingeben müssen, doch jetzt war ich misstrauisch geworden. Ich rief bei Ihrem Kundenservice an, wo mir eine junge Dame versicherte, dass das Problem bekannt sei und dann kichernd auflegte. Ich rief erneut an, um vielleicht noch das ein oder andere Detail zu erfahren, bekam aber die junge Dame nicht noch einmal ans Telefon. Stattdessen empfing mich der sympathische Kundenberater Micha, der mir versicherte, mein Problem durchschaut zu haben, das Abo für mich kündigen und mich in wenigen Minuten zurückzurufen. Ich wartete daraufhin drei Wochen bei karger Nahrung und ohne Schlaf am Telefon, Tag und Nacht, doch Micha rief nicht zurück. Als ich wieder beim Kundenservice anrief und nach Micha fragte, kannte man dort niemanden mit diesem Namen. Was ist mit Micha geschehen? Wo ist er jetzt? Geht es ihm gut? Ich habe diese Frage zum Thema mehrerer Briefe an Sie gemacht und warte noch immer auf eine Antwort.
Taumelnd vor Angst und Sorge um Micha und die Dispokreditzinsen meiner Bank, sah ich schließlich keinen anderen Ausweg mehr, als am 13. März 2010 meinen Vertrag mit Ihnen zu kündigen, damit Sie von weiteren Abzocken Abbuchungen absehen. Es ist natürlich traurig, aber ich möchte, dass Sie wissen, dass es absolut nichts Persönliches war, sondern nur die Auflösung einer verfahrenen Situation, die durch meinen Fehler zustande kam, Sie als Vertragspartner zu wählen. Ihre Kolleginnen und Kollegen und ja, auch Micha, haben mich in wirklich jeder Situation kompetent und freundlich alleine gelassen, ich möchte, dass Sie das wissen. Ich bin auch froh, dass die Kündigung so reibungslos geklappt hat, nachdem ich alle Ihre Kündigungsbedingungen erfüllen konnte (mindestens drei Jahre im Voraus, einarmig im Handstand auf einem Dreirad jonglierend, die schriftliche Kündigung in das Bürofenster von einem Ihrer Sachbearbeiter im dritten Stock Ihrer Firmenzentrale in Eschborn schmeißen).

Übrigens vielen Dank für die 8296 Werbeanrufe, die kurz nach meiner Vertragskündigung auf Ihrem Anschluss bei mir eingegangen sind. Ich war nur leider nicht in der Lage, mit Ihnen am Telefon über ein möglicherweise günstiges Folgeangebot zu sprechen, weil Sie der Grund waren, von dem ich mit meiner Kündigung weg wollte. Ich honoriere dennoch nicht nur Ihre Beharrlichkeit, die mir in dieser Situation als Zeichen großer Charakterstärke und Seriösität erschien, sondern auch die Leistung, die dahinter steckt, ist sie doch die einzige, die ich wirklich jemals von Ihnen erhalten habe.

Wissen Sie mich Ihnen darin verbunden, dass Sie diesen Brief in zwei Jahren aufmerksam durchgelesen haben werden und sicher bereits eine Folgeklage auf Ihrem Schreibtisch liegen dürfte, über die Sie nach diesem Satz die Augen schweifen lassen (ist es nicht so?). Sie dürfen diesen Brief gerne zu Schulungszwecken abzeichnen.

(Bitte bleiben Sie noch 82 Minuten dran, meine Unterschrift ist gleich für Sie da!)

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Dieser Artikel aus den Namensräumen „Diverses“ oder auch „Spiegelwelten“ besitzt aufgrund seiner Qualität die Urkunde „Schatzkistentauglich“ und wird daher im Portal Rumpelkiste gelistet.
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