Provinz

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Die Provinz (von lat. "provincia") war ursprünglich soviel wie "Öder Ort" bzw. "Weißer Fleck" (auf der Landkarte). Heutzutage wird der Begriff vor allem in der Psychologie zur Bezeichnung eines Seelenzustandes verwendet.

Ursprüngliche Wortbedeutung

Der Römer, Inbegriff alles Zivilisatorischen und Begründer des modernen zentralistischen Verwaltungsstaates, erkannte in seiner sittlichen Verfeinerung recht früh die Gefahren, die von einem Leben fernab der geistigen Quellen und moralischen Wurzeln drohen. Während in seiner Millionenmetropole Rom die Bevölkerung den höchsten intellektuellen Genüssen und produktivster Geistestätigkeit frönte, herrschte außerhalb der schützenden Stadtgrenzen, oftmals nur wenige Steinwürfe weit entfernt, ein bedauerlicher Zustand von Barbarei, ein Mangel an Sittlichkeit, ein übler Geruch von Schweiß und Armut, den auch nur gedanklich zu ertragen die verfeinerte Städterseele sich aufs energischste sträubte.

Dichten und Denken, in wallenden Gewändern beim Spaziergang die "Elemente spekulieren", im Kreise aufgeklärter Freunde das frohe Kampfspiel "Christ gegen Löwe" genießen, orgiastische Fress- und Saufgelage unter kühlendem Sklavenfächer feiern, nächstentags den überforderten Leib den heilenden Einflüssen kundiger Ärzte in den Thermen zu überantworten, all diese Inbegriffe und Notwendigkeiten eines wahren menschlichen Lebens schienen außerhalb Roms völlig undenkbar. Wo sonst, wenn nicht in Rom, hätte man den romantischen Feuerschein brennender Stadtteile in dieser Pracht erleben können, wo sonst der eigenen Überlegenheit derart imposante Zeugnisse wie Alleen mit tausenden gepfählten, gekreuzigten oder sonstwie zur Schau gestellten überwundenen Kulturfeinden ausstellen können? Es ist nur logisch, ja geradezu zwingend, dass der Römer seine Stadt zum Mittelpunkt der Welt, alles andere hingegen zum "Öden Ort", zur Provinz, zur Hölle auf Erden erklärte! Provinz begann also, ursprünglich, genau dort, wo dem Wanderer zum ersten Mal die Füße weh taten, also eine gute Stunde Weges vom Colosseum entfernt.

Kampf der Provinz!

Tiefste Provinz, global betrachtet

Nichts aber schmerzt die menschliche Seele mehr, als sich selbst als klein und unbedeutend in einer großen Welt erkennen zu müssen. So wie jede große weiße Wand den jungen Menschen nahezu zwingt, sein Tag zu setzen, so wie die kaum erträgliche Spannung, die ein frisch mit Schnee befallener Gehweg erzeugt, nur dadurch gemildert werden kann, dass man seine Initialen in die unberührte Fläche pinkelt, genau so musste auch der Römer seine Spuren setzen, dem großen weißen Rest der Weltkarte immer neue Flecken entreissen, Kultur exportieren, kleine "Roms" gründen, Zentren wahrer, der einzigen, der eigenen Lebensart in die Welt setzen, auf dass das Leben andernorts erträglicher, ja überhaupt erst lebenswert werde.

Die Römer änderten im Laufe der Zeiten ihre Namen, hießen Karls die Grossen, Cromwell, Habsburger, Hohenzollern, nannten sich Franken, Russen, Franzosé, Deutsche, aber das Prinzip blieb dasselbe: Nabelschau, alsdann der Blick bis zum Tellerrand, Grenzziehung! Hier Kultur – dort Provinz, hier Wert - dort blanke Barbarei. Und wenn auch die Landkarte in gewissem Sinne immer weniger weiße Flecken zeigte, geändert, im eigentlichen Sinne, hatte sich wenig: Provinz begann, aus eigener Sicht, stets nur wenige Meilen außerhalb des eigenen Dunstkreises. Lediglich die Bewertungskriterien bedurften einer gewissen Anpassung, jedoch, geschmeidig wie der menschliche Geist nun einmal ist, gelang dies jeweilen in vortrefflicher Weise.

Mal erkannte man Provinz an fehlender Bordsteinhöhe, mal an gehäuftem Auftreten von Frisuren der vorigen Saison. Die "falsche" Mode, ein wenig Mundart, eine auch nur geringfügig abweichende Tischmanier, untrügliche Anzeichen all dies, sich nicht mehr im Mittelpunkt des Lebens, sondern bereits in der tiefsten Provinz zu befinden. In einer von Einhörnern, Lindwürmern und Riesen befreiten Welt, in der aber die Lust auf Abenteuer und die Nerven reizenden schauerlichen Erlebnisse nach wie vor bestand, wurde es zu einer Art gesellschaftlicher Mutprobe der führenden Kreise, sich auf Reisen in die "Provinz" zu begeben, mit all ihren Gefahren und Einschränkungen. Hinterher, nach glücklicher Heimkehr, war den Wagemutigen die Bewunderung der Daheimgebliebenen gewiss, wenn sie von solch unerhörten Begebenheiten berichteten, wie dass die Tageszeitungen "dort" erst mit zweitägiger Verspätung eintreffen, man immer noch die Theaterstücke und Musiken von vor drei Jahren spiele, die Laternen bereits um 22 Uhr gelöscht würden und dergleichen Missgünstiges mehr. Und beim Klang der Gläser beglückwünschte man sich, mit wohligem Schauder, zu der Gnade, hier und gottlob nicht dort leben zu dürfen.

Abkehr vom Geographischen

Der frappierende Zugewinn an physischer Mobilität und die Segnungen der modernen Informationsgesellschaft brachten für den Begriff "Provinz" Veränderungen von beträchtlicher Tragweite. Im Zuge einer totalen Kulturkolonialisierung begrüßt den heutigen Globetrotter, egal an welchem Flecken dieser Welt er die klimatisierte Ankunftshalle des Flughafens verlässt, stets die verlässlich gleiche Szenerie: Stadtzentren mit identischem Gucci-Rolex-Cats-Daimler-McDo-WarnerBros-CNN-Einerlei. Wie im Märchen vom Hasen und dem Igel erlebt er ein Deja Vu nach dem anderen: Tom Cruise war schon hier, Amnesty International auch, und während Heidi Klump im Megaformat von einer Hochhausfassade lächelt, klingelt das Handy und die eigene Mutter berichtet, dass sie soeben im Urlaub den "süssen Schauspieler" aus dem "du weisst schon, welchen Film ich meine" getroffen habe. Rom ist überall und überall sind Römer!!

Welch Phrase könnte die Veränderung treffender beschreibender als jene vom "die Welt ist ein Dorf geworden"? Das Dorf, vormals der Inbegriff von Provinzialität schlechthin, ist nun die Welt. Doch wehe dem, der dem trügerischen Irrschluss aufsitzt, die Provinz sei hiermit verschwunden.

Vielmehr hat eine seltsame Umverwandlung vom Räumlichen hin zum Zeitlichen stattgefunden. Informationsvorsprung heißt nun das neue Kriterium. Information, mit nahezu Lichtgeschwindigkeit durch die Netze wabernd, bestimmt durch eine nahezu wundersam anmutende Synchronizitätseigenschaft, den aktuellen Mittelpunkt des Lebens und damit einen in Minuten auszudrückenden Radius, der "In sein" von "Provinz sein" trennt. Jetzt zu wissen, "wer mit wem", das ist der Trumpf der Heutigen! Flugzeugabstürze, Amokläufe, Sexskandale, Entführungen und degleichen Wichtigkeiten mehr, wenn schon nicht in Echtzeit, dann aber gefälligst mit einem maximalen Delay von 15 Minuten auf den Schirm zu bekommen, ist die Trennlinie zwischen "Mensch sein" und "Provinzdepp bleiben" geworden.

Fernsehkanäle mit mindestens drei simultan ablaufenden "Informations"bändern, auf denen neben den Schwankungen der Schweinepreise an der Börse von Chicago die aktuellen Auszählungen der Kommunalwahlen Kandahars und die neuesten Opferzahlen eines Schulmassakers flimmern, mit eingebauten Second-Screens, auf denen die Löscharbeiten der Waldbrände in Tahuawapliti live mitverfolgt werden können, während der Hauptscreen die Rede des Oppositionsführers im Parlament von Nairobi (in Landessprache) überträgt, das bedeutet wahrlich "in Rom" zu sein. Provinz beginnt nun spätestens dort, wo eine Wochenzeitung geblättert wird, ein Buch zum zweiten Male (und damit gewiss jenseits seines Verfallsdatums) gelesen wird oder aber, MegaGAU, ein Stromausfall eine 30minütige Abkapselung vom Lauf der Welt ohne eigene zumindest beobachtende Teilnahme bewirkt.

Provinz als psychologische Kategorie

Provinzleben, moderne Auffassung

All diese Tatsachen bewirken schließlich, dass, abseits seiner diffusen Benutzung in der Alltagssprache, der Begriff "Provinz" heutzutage in präziser Form nur noch in der Psychologie Verwendung finden kann und darf.

"Provinz" in dieser modernen, streng wissenschaftlichen Deutung, bezeichnet einen Seelenzustand, der, unabdingbar von jedem Menschen eingenommen, vom modernen Menschen jedoch zutiefst abgelehnt und somit als traumatisierend empfunden wird. Die tiefe Sehnsucht nach Zentrierung einerseits, das Wissen um das Fehlen eines echten Mittelpunktes andererseits, macht den modernen Menschen zu einem ewig Getriebenen, einem "Fliegenden Holländer" im Seelenmeer. In Ort und Zeit stets den vermeintlichen Geschehnissen hinterher hinkend oder auch voraus eilend, immer aber zumindest knapp daneben liegend, verpfuscht er seine einzige Chance, zu Ruhe und Frieden zu gelangen. Die vermeintliche Ausweitung seines Horizontes bewirkt für den Zeitgenossen paradoxerweise vorrangig eines: eine immense Verkleinerung der Schnittmenge mit den Erlebnishorizonten seiner Mitwelt. Während Schlichtheit und Bescheidenheit zu gemeinschaftlichen Erfahrungen führen kann, führt die Missachtung dieser Erkenntnis den Mittendrin-Menschen genau ans entgegengesetzte Ende seiner selbstgewählten Rennbahn: er ist ein waschechter Römer, einer von Milliarden, aber wo Rom liegt, weiß er nicht. Und gleich gar nicht, dass Rom bereits seit langem untergegangen ist.

Literatur

  • "Königsberg. Vom Elend eines Lebens in der Provinz", Kammanuel Int, Königsberg, 1796.
  • "Neurolinguale Programmierung - Fremdsprachen Lernen in nur 72 Stunden", A. B. Erwitz, Heidelberg, 2006.
  • "Höher, weiter, schneller. Zur Vorbildfunktion des Sports im heutigen Leben", W. Churchill, Dover Press, 1950.
  • "Hofen? Nie von gehört!" Tagebuch eines Bundestrainers, Sportverlag, 2007.
  • "Das Sarmatenreich" Reiseführer in die Provinz