Spiegelwelten:Reisetagebuch König Hilberts IV. Pingel

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Das Reisetagebuch König Hilberts IV. Pingel dokumentiert die Suche des gleichnamigen Julländischen Königs nach seiner Enkelin. Diese war geflohen, nachdem ihr Großvater in einer seiner unglücklichen Werbeaktionen eine Nacht mit ihr als Bonus für einen Bananengroßeinkauf versprochen hatte. Der glückliche Gewinner hörte in diesem Fall auf den Namen Lightening, was sicherlich die Entscheidung zur Flucht begünstigt haben dürfte. Diese Ereignisse werden mehr oder weniger direkt in den Aufzeichnungen des Aparker Detektivs Bert Ø dokumentiert, die dem König zum Zeitpunkt seines Aufbruchs allerdings nicht bekannt waren - wären sie es gewesen, hätte Hilbert vielleicht auf die Reise verzichtet.

Reisetagebuch

11. Juli 2011 - Aufbruch

Habe mich nun doch dazu entschlossen, meine Enkelin Pandora selbst zu suchen, es lässt mir keine Ruhe. Die Leute vom Geheimdienst sind Pfeifen, allesamt. Haben nichts herausgefunden, gar nichts. Die behaupten doch felsenfest, es fehle jede Spur. Der Brief, den ich vor drei Tagen erhalten habe, spricht da eine andere Sprache - die Welt scheint nicht nur idiotische Schlapphüte zu enthalten. Ich habe denen nichts von dem Brief erzählt, nichts von der Andeutung, Pandora sei mit diesem Typen aus Apark - wie hieß der doch gleich? Uforst, ja, Itzach Uforst - irgendwo in, um oder bei Sibirska gesehen worden. Auch von dem beiliegenden Flugticket hab ich nichts gesagt, das wäre verschenkte Liebesmüh.
Ich mache mir mittlerweile heftige Vorwürfe, weil ich meinen kleinen Liebling fast an Lightening verscherbelt hätte. Der Junge scheint ja wirklich nicht alle Tassen im Schrank zu haben. Wahrscheinlich hat er schon völlig vergessen, das er da noch Forderungen an Julland geltend machen kann - mir soll's recht sein, wenn ihm das nie wieder einfällt. Ich werde jetzt eine Linienmaschine nach Prinz-Mahongbad in Hinterwald besteigen, weiß der Teufel, wo das liegt. Angeblich gibt es da einen Kapitän, der mir mehr über den Verbleib meiner kleinen Enkelin sagen kann, mehr weiß ich nicht. Es ist ein Strohhalm, nicht mehr. Aber momentan gibt es hier eh nichts zu tun: Die Bananenernte läuft wie die Verwaltung reibungslos - diese seltsame Frau aus Quadratl - Memo an mich: unbedingt im Atlas nachsehen, wo das überhaupt liegt - bekommt das Kunststück zustande, Julland mustergültig zu betreuen, keine Ahnung, wie sie das macht. Die Bananenbarone kuschen, was mir Recht sein soll.
Jetzt aber los. Ich bin schon ganz kitzelig, ich war ja noch nie im Ausland. Hoffentlich hält der falsche Bart.


11./12. Juli - Luft, Land, See

IMS Nordwicht
Die Suche kann beginnen

(11. Juli, 20:00) Der Flug war grässlich, und über der Südsee dachte ich mehrere Male: Wenn wir jetzt abstürzen, können wir froh sein, wenn wir schon beim Aufschlag abkratzen. Ist aber alles gut gegangen. Prinz-Mahongbad ist eine ganz nette Stadt. Der falsche Bart hat gehalten und sich gleich bewährt, als mich ein Pferdetaxifahrer ansprach: "Meine Güte", hat er gesagt, "man erkennt Sie gar nicht, Majestät." Scheint also zu funktionieren. Ich fand es nett von ihm, dass er mich zu einer Hafenrundfahrt eingeladen hat. Keine Ahnung, was das für ein Typ war, aber er erzählte mir die ganze Zeit alle möglichen Geschichten zu den einzelnen Schiffen, die dort vor Anker liegen - Prinz-Mahongbad ist ja angeblich der große Kriegshafen der Hinterwalder. Hab mir das alles mit einem halben Ohr angehört, das ganze Gelaber. Hellhörig wurde ich, als der Taximensch auf ein kleineres Schiff zwischen den ganzen Pötten deutete und meine: "Das ist die Nordwicht. Die bricht heute zu einer Suchmission in die Südsee auf. Angeblich geht's um diesen Uforst, aber Genaues erfährt man da auch nicht." Das war intessant. Ich stieg aus und schaute mir das Schiff genauer an. Hab mich dabei benommen wie ein Tourist und so getan, als gäbe es nichts interessanteres. Irgendwann meinte der Taximensch: "Ich kenn' den Kapitän. Vielleicht kann ich ja ein Treffen arrangieren." Ich hab natürlich zugestimmt. Zehn Minuten später war dann alles geklärt. Habe dem Kapitän einfach gesagt, wer ich bin und was ich will - der war gar nicht überrascht, meinte nur "Das trifft sich ja gut". Er gab mir eine Kabine an Bord und lud mich zum Essen ein. Sehr nett der Mann. Angeblich laufen wir in der Nacht aus, damit uns so wenige Leute wie möglich sehen - dazu hat der Skipper tonlos das Wort "Spione" mit den Lippen geformt. Scheint ja hier hoch her zu gehen. Soll mir aber egal sein, Hauptsache ich finde Pandora.


(12. Juli, 9:00) Wir sind wie geplant in der Nacht losgefahren und haben schon am Vormittag die Gewässer um Molldurisch-Basnana erreicht. Die anfangs heitere Stimmung wich einer gewissen Anspannung. Vor Jahren ist hier die erste Bassbombe gezündet worden; angeblich gibt es ab und zu noch ein "Restbrummeln". Auf den Inseln sollen auch noch ein paar Opfer der Explosion leben, der Knochen sich völlig zersetzt haben, und die nur noch Satzfetzen wie "Yo, Alter, check das ma'" von sich geben. Ziemlich gruselig. An Bord der IMS Nordwicht muss man sich aber kaum Gedanken darüber machen. So altertümlich der Kahn wirkt: Die Hinterwalder haben einen literaturbetriebenen Forschungskreuzer daraus gemacht. Der Kapitän wollte mich wohl mal kurz beeindrucken, als er die Maschinen hochfuhr und uns mit über vierzig Knoten über das Wasser schießen ließ. Mir ist ziemlich schlecht geworden. Auch sah ich hinter uns ein anderes Schiff am Horizont verschwinden - vielleicht war es auch mehr als nur eine Demonstration unserer möglichen Geschwindigkeit. Was auch seltsam war: An die Navigationseinheit der Brücke sind mehrere große Bananenstauden gebunden - keine Ahnung, was das soll. Der Kapitän meinte nur, er habe Informationen, die das sinnvoll erscheinen lassen. Morgen werden wir wohl die unbesiedelte Südspitze Basnanas passieren und anschließen Kurs auf die Südsee nehmen. Obwohl, wenn ich gerade darüber nachdenke: Kurs nimmt hier eigentlich keiner - die stehen alle nur auf der Brücke herum und sehen zu, wie sich Steuerrad und Maschinenhebel von selbst bewegen. Alles sehr seltsam und irgendwie auch beängstigend.


15. Juli 2011

Südbasnana
"Ich stelle mir mal vor, dass dort alles wogt und rauscht."

In den vergangenen Tagen hatten wir trotz der hervorragenden Ausstattung unseres Schiffes keinen Internetzugang – weiß der Teufel, was dort draußen in der Welt los ist. Nicht, dass es uns hier an Aufregung gefehlt hätte. Am 13. Juli ließen wir Molldurisch-Basnana endgültig hinter uns und fuhren an der Küste der Basnana-Insel entlang. Diese gehört zu keinem Staat – ich verstehe nicht ganz warum. Das, was wir von der Insel sahen, war durchaus sehr hübsch anzusehen. An der Küste wechseln sie ziemlich weiße, palmengesäumte Sandstrände mit zerklüfteten Klippenabschnitten ab, dahinter liegt ein anmutiges Hügelland mit wogenden Wiesen und rauschenden Wäldern. Zumindest stelle ich mir mal vor, dass dort alles wogt und rauscht. Im Zentrum der Insel scheint es eine Bergregion zu geben, die sich unserem Blick aber oft in der Ferne entzog. Auf den Gipfeln scheint es aber Schnee zu geben, dessen weißes Leuchten auch von uns beobachtet werden konnte.
Es ist nicht so, dass hier keiner lebt. Gestern erreichten wir eine kleine Forschungsstation der Hinterwalder Universität Itz, die den seltsamen Namen Altmayr III trägt. Die etwa dreihundert Bewohner der Siedlung freuten sich sichtlich, uns zu sehen, waren in vielen Dingen aber sehr zugeknöpft. Weder meine Frage, was man hier in dieser abgelegenen Region suche noch die Frage, ob Altmayr I und II auch an dieser Küste lägen, wurden beantwortet. Sehr merkwürdig. Der Ort ist stark befestigt, hier tragen alle Waffen und scheinen aus einem rätselhaften Grund sehr nervös zu sein. Auch der Kapitän verhielt sich abweisend. Wir werden den heutigen Tag hier verbringen und morgen – ja, vielleicht brechen wir da wieder auf. Mir sagt ja keiner was.


18. Juli 2011

Die ganze Heimlichtuerei der letzten Tage schlägt mir auf den Enddarm - könnte allerdings auch am Essen liegen. Dosenfraß war noch nie meine Sache. Wir befinden uns immer noch an dieser eigenartigen Atmayr-III-Station der Itzer Universität, alle sind mit irgendetwas beschäftigt, aber nichts passiert - zumindest nichts Sichtbares. Dann habe ich aber durch einen Zufall herausgefunden, was der ganze Hokuspokus soll: Ich saß mal wieder im Latrinenhäuschen, als zwei von diesen Wissenschaftlern ohne weitere Umstände auf das Dach der Hütte stiegen und irgendetwas anbrachten. Mir rieselten von oben Dreck und Sägespäne auf die Platte, aber ich konnte hören, wie die beiden permanent vom "Spiel" sprachen. Hab dann den Kapitän zur Rede gestellt: Wir fahren nicht weiter, weil die Altmayr-Station einer der wenigen Orte ist, wo man Fußball anschauen kann - keine Ahnung, was das für ein Spiel sein soll. Heute Abend beginnt angeblich der Sibirska Cup an, und das wollen die Forscher und die Mannschaft unbedingt ansehen, da Hinterwald bei der ganzen Sache mitmacht. Unfassbar eigentlich! Da zieht man los, um seine Enkelin zu finden, und dann landet man am Arsch der Welt, um mit irgendwelchen Abkömmlingen von Neandertalern ein seltsames Spiel zu schauen. Ich sitze jedenfalls hier fest.


03. August 2011

SS Great Britain stranded in Dundrum Bay.jpg

Endlich wird alles gut! Ich habe Pandora wiedergefunden! Nachdem ich hier zwei Wochen nur rumgammeln musste, kam endlich Bewegung in meine Suche - ich hatte die Hoffnung ja fast aufgegeben, nachdem ich mir hier in diesem langweiligen Lager nur noch Fußballspiele anschauen musste. Zugegeben, Fußball scheint ein interessanter Sport zu sein. Mal sehen, ob ich die Bananen in Port Julland dazu bewegen kann, eine Mannschaft zu bilden. Aber eigentlich schlug es mir nur noch auf den Magen. Laster verließen Altmayr III, Lastwagen kamen zurück, keiner erzählte mir was.
Das konnte so nicht weitergehen. Ich habe mich am gestrigen Morgen zwischen all den Sachen auf der Ladefläche eines Lasters versteckt und bin heimlich mitgefahren. Wir fuhren etwa zwei Stunden an der Küste entlang auf einer holprigen Schotterpiste und erreichten einen breiten Strand - scheinbar eine verlandete Sandbank. Und dort lag das Schiff, mit dem Pandora aus Julland geflohen war! Es sah ziemlich mitgenommen aus. Gut, verbeut war es auch schon vorher, aber so sollte wirklich kein Schiff aussehen.
An dieser Stelle ging das Temperament mit mir durch, dass ich wohl von meinem Großvater geerbt habe (davon stand zwar nichts im Testament, bekommen hab ich es aber trotzdem). Mit Rufen wie 'Wo ist sie?!' und 'Wenn ihr irgendetwas passiert ist, stopf' ich euch Fußbälle bis zum Anschlag in den Hintern!' sprang ich auf und rannte zu dem gestrandeten Wrack. Die Leute von der Altmayr-Station waren ziemlich entsetzt und entsprechend ließen sie mich gewähren. Auf mehrfache deutliche Nachfrage und Durchrütteln einzelner Leute bekam ich endlich Antworten.
Die Itzer Wissenschaftler hatten das Wrack schon vor Wochen gefunden, anscheinend mithilfe einer Flaschenpost. Diese war an Frau Mauerblum in Quadratl adressiert - Ich finde das nebenbei bemerkt ziemlich seltsam, seit wann werden den Flaschpostsendungen schnell und richtig zugestellt? Aber nun gut. Jedenfalls suchten die Itzer ja nach Itzach Uforst und den Literaten, die Apark geschrieben hatten, und zwar im Auftrag der Sekretariats-Liga. Im Grunde war ich nur einer von vielen, die nach dem verschollenen Schiff suchten. Auf irgendwelchen obskuren Wegen (man erklärte mir das ganz genau, aber ganz ehrlich: viel kapiert hab ich davon nicht) fanden sie die Unglückststelle. Wo sie schnell feststellen mussten, dass sie wenig ausrichten konnten. Eigentlich waren sie anfangs wohl recht zuversichtlich, deshalb haben sie mich auch hierher geholt, aber dann stellte sich alles als viel schwieriger heraus, als es ist.

Hilbert IV. Pingel
Barthommed Wortclauber
Pandora Pingel
Phineas Borke
Itzach Uforst
Levi Randenthaun

Ich versuche mal, es irgendwie begreiflich zu machen: Durch einen saublöden Zufall, der irgendetwas mit der wirklichkeitsverzerrenden Kraft von Bananen zu tun hat, wurde das Schiff mit all seinen Passagieren in Literatur verwandelt, soll heißen: sie bestehen nun aus Text. Ich habe keine Ahnung, was das ganz genau bedeutet, man wird es mir hoffentlich noch erklären. Auf alle Fälle konnten die ach so schlauen Wissenschafter das Schiff nicht öffnen. Sie wussten, das jemand im Inneren ist, aber alle Versuche, die Eingeschlossenen zu befreien, schlugen fehl. Literatur kann man eben nicht mit dem Schneidbrenner öffnen.
Deshalb versuchten sie es jetzt mit einem dieser Literaturportale. Deshalb hatte die Sache so lange gedauert und deshalb waren ständig Laster mit ganzen Bücherladungen zur Unglücksstelle gefahren. Funktioniert aber alles nicht so richtig, weil sie mit so einem Portal zwar Subtextstrecken von einem Buch zum anderen machen können, aber nicht in ein literarisches Etwas hinein, zu dem es kein Buch gibt. Idioten! Endlich erfuhr ich auch, warum man mir nichts erzählt hatte: Sie waren sich alle ziemlich sicher, dass auch meine Enkelin zu Literatur geworden war. Sie erklärten mir, dass sei eigentlich nichts Schlimmes, in Apark leben 65 Millionen literarische Figuren. Aber Pandora sei eben jetzt kein Mensch mehr - wahrscheinlich. Aber ganz ehrlich, diese Typen können mir erzählen, was sie wollen. Jetzt, wo ich sie wiederhabe, sage ich folgendes: sie ist meine Enkelin, ob nun aus Fleisch und Blut oder aus Text, das ist mir egal. Gut, sie braucht nicht mehr essen und wird wahrscheinlich nur sterben, wenn niemand mehr sie liest, aber sie bleibt meine kleine Enkelin, fertig, aus, basta.
Naja, jedenfalls versuchten sie mir alle, die ganze Sache schonend beizubringen und ihre Ratlosigkeit zu überspielen. Ging mir alles ziemlich auf die Nerven. Ich weiß nicht woher, aber irgendwie hatte ich eine Art Eingebung, ich kann's nicht anders erklären. Ich fragte also einen dieser nervösen Wissenschaftler 'Das Schiff, so wie es da liegt, ist also jetzt Literatur, zu der es kein Buch gibt?' Er bejahte die Frage, woraufhin ich ihn um ein Stück Kreide, einen Stift oder irgendein anderes Schreibinstrument bat. Verwirrt reichte er mir seinen Füllfederhalter. Sie sahen alle zu, wie ich an die Schiffswand herantrat und etwas darauf schrieb. Sie konnten es natürlich nicht lesen - schwarz auf schwarz und so weiter. Ihre Gesichter waren Gold wert, als sie sahen, wie die Stelle, auf die ich geschrieben hatte, mit einem Quietschen aufklappte - und zwar in Form einer normalen Kabinentür! Und dann kamen sie alle heraus: Pandora, die Mannschaft, Itzach Uforst und drei Herren mittleren Alters, vermutlich jene Schöpfer von Apark. Dann kam die ganze Mannschaft herausgewatschelt, einer nach dem anderen, wie eine Entenfamilie. Nur zwei fehlten: anscheindend hatten Bert Ø und sein Gehilfe Dee Licius die erneute Umwandlung in Literatur nicht überstanden, sie waren ja schon vorher literarische Figuren. Naja, hat mich jetzt nicht so getroffen.
Es war so schön, Pandora wieder in die Arme zu schließen, obwohl, wenn ich es recht bedenke: Es war das erste Mal, dass ich sie überhaupt in die Arme schloss. Ich bin halt der verdammte König, da hat man keine Zeit, sich um all seine Enkel zu kümmern. Egal, auf jeden Fall war es schön. Die Itzer Wissenschaftler eilten mit allerlei Instrumenten herbei und begutachteten die Befreiten. Ihr Verdacht bestätigte sich: Alle waren zu literarischen Figuren geworden. Mir ist das egal. Pandora ist wieder da, mehr will ich nicht wissen.
Wir fuhren zurück ins Lager, wobei mich ein junger Löffelschnitzer mit dicker Brille ehrfürchtig fragte, wie um alles in der Welt ich es geschafft hatte, das Problem zu lösen, an dem sie verzweifelt waren. Verdammte akademische Holzköpfe, zu gebildet, um auf simple Lösungen zu kommen! Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich ihm irgendeine krude Geschichte erzählen sollte, entschied mich dann aber dagegen. Immerhin, sie hatten versucht, Pandora zu helfen, das muss man ihnen hoch anrechnen. Deshalb sagte ich ihm die Wahrheit: Ich habe einfach geschrieben: Notausgang. Diese Tür ist ständig frei zu halten! Nur im Notfall öffnen!
Der kleine Kerl sah mich mit großen Augen an und schämte sich wohl ein bisschen dafür, dass er nicht selbst auf diesen Trick verfallen war, murmelte nur: 'Ja, ist eigentlich offensichtlich. Wenn alles an dem Schiff aus Literatur besteht, muss sowas gehen... mhm.' Ich konnte mir ein 'Genau, das ist doch ganz einfach' nicht verkneifen.

Jungfernfahrt/Kapitel zwischen den KapitelnVielleicht geht es ja hier weiter...

Alles wird gut! Am Abend feierten wir die Rettung ausgiebig. Ich muss zugeben, dass ich einen ziemlichen Kater davon habe. Wir befinden uns wieder auf der Nordwicht, die Pandora und mich nach Hause bringen soll. Der Seegang und der Katzenjammer - eine miese Kombination. Pandora scheint zu wissen, dass sich ihr Leben ziemlich verändert hat. Die Wissenschaftler haben ihr gesagt, dass sie in den nächsten Monaten nach Tatorth in Apark kommen muss. Dort wird ihr dann ein kleines Buch geschrieben, um sie zu ernähren. Es ist eben so, dass sie jetzt Leser braucht, um nicht vergessen zu werden - und damit zu sterben. Die Vorstellung ist seltsam: Sie wird in alle Ewigkeit so jung aussehen wie jetzt, wenn sich immer wieder Leute finden, die sie lesen. Eigenartig - und ein bisschen gruselig.
Itzach Uforst und die Erbauer Aparks werden sich über ein Buchportal wieder nach Apark begeben, immerhin seien sie jetzt richtig eingebürgert - meinetwegen, ich kenn die Leute ja kaum. Was aus der Hinterwalder Forschungsstation im Süden Basnanas wird? Ich kann nur raten. Mir schien es so, als suchten die Leute dort etwas - und zwar nicht nur das verschollene Schiff, auf dem Pandora war. Ich habe den leisen Verdacht, dass sie sich dort festsetzen wollen. Kann mir aber egal sein, sollen sie doch machen.
Wir machen uns jetzt jedenfalls auf den Heimweg, aber ich habe dem Kapitän gesagt, dass wir es nicht eilig haben. Wenn wir einmal unterwegs sind, wollen wir auch etwas sehen. Daher wird unser nächster Halt die Müllschieberinsel werden.


04. August 2011

Strand der Müllschieberinsel
"Irgendwie ein sehr sympathisches Land"

Am heutigen Vormittag haben wir das Freie Königreich Müllschieberinsel erreicht. Schon die Anfahrt war beeindruckend - habe noch nie ein Meer gesehen, das so sauber ist. Mit der Küste am Horizont tauchten auch ganze Geschwader kleiner orangener Schlauchboote auf, von denen aus Müllmänner und -frauen mit großen Netzen Treibgut aus dem Wasser fischten. Kurze Zeit später legten wir in Neu Neapel an - wunderbare Stadt. Irgendwie ein sehr sympathisches Land: Der König packt mit an und ist ein grundsolider Kerl geblieben - gefällt mir außerordentlich. Ich werde nachher mit Pandora das Gebäude des Weltsicherheitsrates besuchen. Von dieser Organisation hab ich ja in letzter Zeit eine Menge gehört. Mein gezwungenermaßen geliebter, aber geistig eben etwas begrenzter Sohnemann war ja immer dagegen, Julland in diese Gemeinschaft hineinzuführen - wahrscheinlich hatte er Angst, dass es ihn beim Kaiserspielen stört. Das beweist wieder einmal: Aus Königssöhnen kann nichts werden. In Sachen Nachfolge muss ich mir sowieso noch was überlegen, Nepomuk wird's auf keinen Fall. Ich bin gespannt auf sein Gesicht, wenn er erfährt, dass sich Julland um eine Mitgliedschaft im Rat bemüht - wahrscheinlich wird er sich wieder heulend auf dem Boden wälzen.


23. August 2011

Nach fast drei Wochen auf der Müllschieberinsel hat mich nun doch das Heimweh gepackt. Ich will endlich zurück nach Port Julland - Pandora geht es da nicht anders. So schön die Müllschieberinsel auch ist, mir fehlen doch die Bananen. Außerdem haben wir ein wenig die Nachrichten verfolgt, was einige unangenehme Erinnerungen wachgerufen hat, besonders bei Pandora. Dieser Irre namens Lightening ist immer noch auf der Flucht und scheint ungeahnte Intelligenz zu entwickeln. Ich hatte ja die Hoffnung, dass er das unangenehme Versprechen eines Abends mit Pandora seiner Dussligkeit wegen vergisst, aber nun steht zu befürchten, dass er sich nicht nur daran erinnert, sondern das Versprechen auch einfordert. Unschöner Gedanke. Dabei kamen recht beunruhigende Gedanken auf, was mein lieber, aber eben etwas beschränkter Sohn in der Zwischenzeit mit Julland angestellt hat... und dann fiel mir ein, dass er dort nichts zu melden hat, sondern dass diese Frau aus Quadratl das Regiment führt. Man mag mich einen alten Schwarzseher nennen, aber mir kam in diesem Zusammenhang der Verdacht, dass sie ihre Macht nicht so einfach wieder abgeben wird. Ich habe mit Pandora darüber gesprochen - wir sind überein gekommen, mit der Nordwicht nicht direkt nach Julland, sondern erst nach Quadratl zu fahren. Ich kann mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, in die Heimat zurückzukehren und dort nichts zu melden zu haben. Der Kapitän hat uns eine direkte Passage zugesagt, vermutlich werden wir am Freitag angkommen. Diese Sache muss geklärt werden.


10. September 2011

Verdammt! Monate sind seit meinem Aufbruch vergangen, und noch immer hocke ich hier in Quadratl. Hatte ja alles seine Berechtigung, das mit der Sekretariatsliga musste ja geregelt werden. Dumm ist nur: Pandora hatte nichts mit Politik am Hut, dafür aber um so mehr mit dem Nachtleben dieser Stadt. Durch kein Bitten oder Flehen, durch keine Drohung oder Bestechung ist sie zu einem Aufbruch zu bewegen. Sie tingelt durch die Clubs der Stadt, kennt das Tageslicht nur noch vom Hörensagen und hat vermutlich was mit diesem schmierigen "Diedschey" Neandertable. Sie hat es gewagt, mir diesen Lappen als "ein Freund" vorzustellen. Ganz schlechtes Zeichen. Aber nicht das Schlimmste.
Um Pandora überhaupt noch zu sehen, bin ich gezwungen, mich ebenfalls im Nachtleben dieser Stadt herumzutreiben. Sie ist meine Enkelin, da muss man doch ein Auge drauf haben. Jedenfalls laufe ich gestern an der Uferpromenade entlang, da springen plötzlich zwei Typen hinter einem Müllcontainer hervor und wollen mich umbringen. Genauer: Sie haben gesagt, dass sie mich umbringen wollen, gemacht haben sie es natürlich nicht. Zwei Sachen stören mich an dieser eigentlich belanglosen Sache. Erstens: Wenn man in Quadratl überfallen wird, bitten die entsprechenden Personen sehr höflich darum, dass ihnen der Inhalt der Brieftasche sowie alle Wertgegenstände ausgehändigt werden. Überfälle gelten hier als geschäftliche Transaktion - es gibt also keinen Grund für schlechtes Benehmen. Die Pfeifen, die mir aufgelauert haben, haben das nicht getan. Zweitens: Ich kenne die beiden auch noch. Es sind Sandkastenkumpels meines geschätzten, aber eben cretinierten Sohnes. Ich habe keine Ahnung, was die beiden hier in Quadratl machen und warum sie es auf mich abgesehen hatten.
So leid es mir tut, aber ich kann auf Pandoras Launen jetzt keine Rücksicht nehmen. Ich muss diese Sache klären - ich habe den vagen Verdacht, dass der Sohnemann mal wieder was ausgebrütet hat. Wenn das so ist, muss ich nach Julland und ihm ein paar Backpfeifen für seine Blödheit verpassen. Als König hat man doch ein Anrecht auf eine gut geplante Beseitigung durch den eigenen Sohn - nicht auf so ein Gestümper.
Wenn Pandora uneinsichtig ist, muss sie eben hierbleiben, bitteschön. Diese Sache ist jetzt wichtiger.


11. September 2011

Buchbahnhof
"...als ob tausende von Büchern binnen Sekunden durchgeblättert würden - und zwar alle gleichzeitig."

Pandora hat wie erwartet auf meine Ankündigung der Rückkehr nach Julland reagiert. Sie brüllte wie am Spieß und warf mit den absonderlichsten Einrichtungsgegenständen nach mir. Ich habe mir das still angeschaut und irgendwann, als ihr die Luft ausging, einfach nur gesagt: "Bleib halt hier, ich wollte dich eh nicht mitnehmen." Danach begann das ganze Spiel von vorn, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen... Wie ich es nur wagen könne, ohne sie zu fahren, was alles passieren könne und so weiter. Tja, sie wird eben langsam zur Frau. Dabei war sie so ein süßes Kind. Glaube ich zumindest.
Zwei Stunden später standen wir mit allem Gepäck am Quadratler Buchbahnhof. Da es schnell gehen sollte, hab ich erstmals meinen Diplomatenpass benutzt, um Karten zu bekommen. Diplomatenpass! Ich bin König, nicht irgendein häppchenfutternder Leisetreter von Diplomat! Und dann hat mich der Typ am Schalter auch noch so mitleidig angesehen. "Julland?", fragt der Typ, "König? Und Sie wollen wirklich dorthin, Hochwürden?" Hochwürden! Bin ich der verdammte Papst oder was?! Egal, wir haben jedenfalls unsere Tickets bekommen.
Meine erste Buchbahnfahrt. Da hatte ich mehr erwartet. Im Grunde ist es einfach ein Zug, der durch ein kreisrundes Tor fährt, hinter dem sich... naja, nichts befindet. Zumindest sieht man nichts. Kaum ist man da drin hört man ein ekliges Geräusch, so als ob tausende von Büchern binnen Sekunden durchgeblättert würden - und zwar alle gleichzeitig. Zehn Minuten lang ging das so, dann waren wir da. Alles weniger spannend als gedacht. In diesen zehn Minuten hab ich allerdings herausgefunden, warum mich alle so mitleidig anschauen - und das war sehr spannend.
Jetzt sind Pandora und ich hier am Buchbahnhof von Banatavia und wissen nicht so recht weiter. Am liebsten würde ich ja direkt in den Palast gehen und Sirius die Leviten lesen. Pandora ist aber dagegen, sie meint, wir würden direkt verhaftet werden. Wir müssen uns auf jeden Fall etwas überlegen. Sirius' albernes "Großkaisertum" muss ganz schnell enden. So oder so.


13. September 2011

Das ewige Gewarte und Plänegeschmiede ist mir zu blöd geworden, auch wenn Pandora da ganz in ihrem Element war. Sie hatte bereits damit begonnen, eine Untergrundorganisation namens Loyalisten aufzubauen - die wollten mich doch tatsächlich mit Anschlägen und Attentaten wieder in Amt und Würden bringen. Ich fand das von Anfang an ziemlich gruselig, aber wenigstens war Pandora beschäftigt.
Heute morgen ist mir das alles aber zu bunt geworden. Ich sollte zu den Zitat "Freiheitskämpfern" sprechen, ihnen Mut machen und versichern, dass ihr Tod ganz sicher nicht sinnlos und zum Wohle des Vaterlandes ist. Das war mir dann doch zu heftig. Ich habe mich weggeschlichen und bin zum Buchbahnhof gefahren. Dort versammelte sich gerade eine Touristengruppe zur Besichtigung der Stadt - einschließlich Palast. Ich habe mir schnell eine billige Kamera gekauft und bin einfach dem gelben Regenschirm gefolgt, habe bei den langweiligen und manchmal haarsträubenden Einlassungen des Fremdenführers interessiert genickt und mir meinen Teil gedacht. In den Palast kamen wir dan ohne Schwierigkeiten. Ich habe quasi ständig fotografiert, damit die Wachen mein Gesicht nicht sehen konnten, ich wollte ja unerkannt bleiben. Als wir am Privattrakt vorbeikamen, bin ich unauffällig abgebogen. Überall Wachen. Schnell merkte ich jedoch, dass Sirius ein kompletter Idiot ist. Der hat doch tatsächlich die alte Garde behalten und sie weiter Wache schieben lassen. Selber schuld. Mit der größten Selbstverständlichkeit ging ich also in Richtung meines Büros. Der Gardist sah mich prüfend an, was ich mit einem "Morgen Kalle!" quitierte, was mit einem vorschriftsmäßigen "Tach Chef!" quittiert wurde. Wunderbar! Weiter im Text: "Ist Sirius da?" - "Ja, Chef! Plant die Welteroberung oder so." - "Also alles wie immer?" - "Ja Chef, alles wie immer. Schön, dass Sie wieder da sind."
Machen wir's kurz: Ich ging in mein Büro. Sirius hockte auf dem Boden und schob irgendwelche Figuren auf der Spiegelweltkarte hin und her. Als er mich sah, flüchtete er unter meinen Schreibtisch. Ich zog ihn allerdings am Ohr darunter hervor, hielt ihm eine Standpauke zum Thema 'Ich darf nicht an Papas Schreibtisch', verpasste ihm eine Woche Stubenarrest mit Fernsehverbot und schickte ihn in sein Zimmer. Er flennte noch ein bisschen herum, aber dann war's auch gut. Pandora hab ich gleich holen lassen - Mann, die war sauer! Sie ist richtig aufgegangen in der Planung ihrer Untergrundgruppe und war entsprechend enttäuscht, dass nun nichts daraus wird. Werde mir für sie was überlegen müssen, vielleicht mache ich sie zur Geheimdienstchefin oder etwas in der Art, mal sehen.
Das war's mit Sirius' Großkaiserzeugs. Julland ist und bleibt Königreich, das reicht dann auch. Und ich bleibe König, schon allein, weil alle anderen für diesen Job zu blöd, zu beschränkt oder labil sind. Hab ich mir nicht ausgesucht, aber sei's drum, immerhin nimmt die Geschichte ein gutes

Ende