Progressive Wohnraumgewinnung

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Eine kurze Geschichte der "p.W."

Früher ein alternativer progressiver Wohnraumgewinner, heute dick und kugelrund. Joschka aus der Frankfurter Szene.

Die progressive Wohnraumschaffung ist ein Relikt der Zeit unserer Großeltern, die sich heute Alt-68er, Müslis oder einfach ökologisch bewusste Generation nennen. Damals wollten alle jungen Leute besonders weltoffen sein und sich jederzeit neuen Ideen aufgeschlossen zeigen. Diese Leute hörten damals Musik von Joan Baez, Bob Dylan und ein gewisses Lied eines gewissen Scott McKenzie aus Florida.

Die Philosophie dahinter

Einer der Wahlsprüche der Generation war

"Come mothers and fathers throughout the land
and don't critisize what you can't understand!

(dt.: Hey Mütter und Väter im ganzen Land, kritisiert nicht, was ihr nicht verstehen könnt.)

Der Wunsch unkritisiert alles Erdenkliche anders zu machen als die Vorfahren, war seit je her ein ungeschriebener Leitfaden für Fortschritt und Kreativität gewesen. Und wo fing man Ende der 60er an, wenn man eine Revolution in die weite Welt tragen will? Vor der eigenen Haustür. Eine dieser Änderungen war damals vor allem in Europa die sogenannte progressive Wohnraumgewinnung (oder im Volksmund auch Hausbesetzung genannt). Leute wohnten nicht mehr in den kleinen Einfamilieneigentumshäusern, die ihre Elterngeneration nach dem zweiten Weltkrieg zeit- und finanzintensiv erbaut hatte. Die kleinen Häuschen mit mit ihren brav gestutzen 40m²-Rasenflächen und den Dahlien in wohlgejäteten Vorgärten wurden als das entlarvt, was sie sind: Spießerparadiese, die den Blick auf die gesamtgesellschaftliche Realität verbauen. Hinter weiß getünchten Fassaden schimmelte immer noch ein beißender brauner Schimmelpilzbefall der Geschichte.

Eine günstige Alternative

Die Logik der 68er war einfach: Wenn man zuhause auszieht, zieht man in ein leeres Haus. Eine interessante Spielart der Kulturgeschichte, dass diese Methode der Wohnraumerschließung seit der Höhlenaneignung in der Steinzeit völlig aus der Mode gekommen war. Dabei ist es doch viel einfacher und vor allem viel billger, leere Wohnungen, Häuser, Straßenzüge zu beziehen, als sich in jahrelanger Planung und Umsetzung ein eigenes Häuschen zu erbauen oder gar zu warten, bis die Eltern versterben und man deren kleines Vorstadtidyll erben kann.
Und solange wohnt man dann mit anderen Gleichgesinnten im frisch erschlossenen Wohnraum zu 12 Leuten auf engem Raum. Das spart darüber hinaus noch Heizkosten und man kann vorzugsweise unbekleidet durch die Kommune tänzeln. Man schaffte sich neue Namen an, Kampfnamen: die nach dem großen Vorbild aller Spießer Johanna König benannte Johanna ließ sich nach der Sängerin Joan rufen und Josef entschied sich für die tschechische Variante Joschka.

Daniel aus Paris - auch er war früher einmal anders!

Die Hausbesitzer und ihr gewonnener Wohnraum

Es gibt zwei Sorten von Wohnraum: bewohnter Wohnraum und leerstehender Wohnraum. Während die erste Sorte meistens aufwendig möbliert und geheizt daherkommt, ist die zweite Sorte dermeist gähnend leer und bitterkalt. Die Hausbesitzer vermieten den Wohnraum, damit er sich mit Möbeln füllt und die Räume geheizt durch den Winter kommen. Und nichts anderes machten auch die Gewinner progressiven Wohnraums. Da jedoch die progressiven einen anderen, leicht anarchistischen Einrichtungsstil pflegten und (wenn sie überhaupt ein Möbelstück käuflich erworben hatten) ihre Möbel nicht wie jeder anständige Mensch beim Schreiner, sondern bei den gefürchteten schwedischen Möbeldealern kauften, wurden Besitzer und Besatzer schnell miteinander spinnefeind. Spätestens im ersten Sommer war der Streit vorprogrammiert, wenn die Besatzung des Hauses den Rasen nicht mähen wollte und sich stattdessen zur Rasenpflege als Ersatz zwei Schafe aus Äthiopien und eine zahme Ziege aus dem Kanton Solothurn anschaffte.
Und so riefen die Besitzer der Häuser oft die Polizei, die mit großen Wasserschläuchen anrückte, um den ungepflegten Vorgartenbewuchs einmal wieder richtig artgerecht zu wässern. In ihrer Gießwut erwischten die Ordnungshüter oft sogar die Besetzenden, woraufhin die ihrer Liebe zur Fauna Ausdurck gebend die Gießtruppen einfach nur als "Bullen" oder als "Schweine" oder in endlicher Kombinatorik als "Bullenschweine" bezeichneten.
Einige wenige Besetzer waren sogar noch kreativer und vermieden den ewigen Streit um die Vorgärten, indem sie stattdessen Lufthansamaschinen vom Typ 737-200 besetzten. Hierdurch wollten sie eigentlich auch ihrem Protest gegen den steigenden Individualverkehr und die umweltfeinliche Verkehrsart Luftfahrt Ausdruck geben, allerdings entschieden sie sich, da sie sich in puncto Flugdistanzen nicht so richtig auskannten, direkt nach Mogadischu in Somalia zu fliegen, weil dort die Wetterprognose besonders heiß war. Doch auch dort beendete die Polizei die Besetzung des fliegenden Wohnraums, damit der Linienflugplan nicht zu sehr durcheinander kommen musste.*

(*Leider hat offensichtlich bei der DB AG noch keine derartige Besetzung stattgefunden!)

Heutzutage ist Somalia auch noch ein internationales Epizentrum der progressiven Wohnraumgewinnung, allerdings hat man sich am berühmten Horn von Afrika auf die schlagartige Besiedlung von Kajüten, Kojen und Kombüsen spezialisert.

Die Wohnraumgewinner heute

Das passierte dann allerdings in der Folge: Einerseits wurden die 68er durch ihre Interpretation des Begriffs der freien Liebe selber zur Elterngeneration und produzierten Anfang der 70er kaum überraschende geburtenstarke Jahrgänge und andererseits verstarb ihre Elterngeneration altersbedingt wie die Fliegen. Die Umkehrung der Besitzverhältnisse war die Folge, die 68er wurden schnell spießiger und reaktionärer als vormals geplant und gewünscht. Sie verkauften den handbemalten VW Bus und zogen mit Hilfe von gemieteten Umzugslastwagen in die Vorstädte, begannen zur Besitztumsfestigung die FDP zu wählen und kauften mit Freude und Stolz im Delikatessenladen die fair gehandelte kubanische Sojabohne. Irgendein Frankfurter Wohnraumgewinner wurde in seiner Eigentumswohnungsphase sogar sehr dickbäuchig und als deutscher Außenminister achter Nachfolger von Joachim von Ribbentrop.
In den Eigentumswohnungen und -häusern angekommen, gebärden sich die einstigen Revolutionäre nicht weniger bourgeois als sonstige Generationen: Bob Dylan ist nach wie vor der einzig gültige Maßstab und "keine heutige Musikrichtung hat ihn je erreicht". Progressive Musik wird als "Technoscheiß" abgetan, progressiver Lifestyle als "schwules Gehabe", progressive Gebäuderverschönerung als "Graffittischmiererei". Und im IKEA-Wohnzimmer dudelt der Dylan fortwährend "don't critisize..."

Rezepte zum Nachmachen

Amsterdamer Variante

Man nehme:

Berliner Variante

Man nehme:

San Francisco Variante

Man nehme:

  • ein Haus mit Sonnenblumen und Aussicht auf die Bucht
  • zwölf nackte Mitmenschen
  • eine Villa mit Veranda und Schaukelstuhl
  • 2 kg Frieden
  • die Blumen aus 430 Vorgärten
  • eine Gitarre
  • sechs Doppelbetten
  • zwei überlebensgroße Poster, eins von Che und eins von Fidel
  • 2400 g mexikanisches Gras