Mein Jahr in der Nothaltebucht

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Piep, piep! Satellit!
Der nachstehende Text erweitert den Zusammenhang des Hauptartikels Peter Handke.

Mein Jahr in der Nothaltebucht ist der vielleicht innovativste, in jedem Fall aber umfangreichste Roman von Peter Handke, in dem es grob gesagt um das Scheitern im Straßenverkehr geht. Der Ich-Erzähler Bodo (genannt der Bär) reist mit seinem baufälligen anthrazitfarbenen Skoda die A7 in nördlicher Richtung, als ihn ein unangenehm scharrendes Motorengeräusch zum Anhalten in einer Parkbucht nötigt. In dieser Parkbucht verbleibt Bodo unfreiwillig ein klein wenig länger als gewünscht. Vordergründig ein ziemlich simples Robinsonade-Motiv, das Handke eindeutig und ziemlich ungeniert aus den letzten erwähnenswerten Filmen mit Tom Hanks (nämlich "Terminal" und "Cast away") abgekupfert hat.

Die Handlung (ungefähr)

Während Bodo sich im Laufe der Wochen und Monate immer klarer über seine Situation und ihre Ausweglosigkeit wird (warum er nicht einfach die Gelben Engel ruft, ist einer der logischen Schwachstellen des Romans, die man auch schon Kafkas "Prozess" hatte anlasten können und müssen), kommen ihm immer häufiger Erinnerungen an sein früheres Leben als Autor und Theaterdramaturg im Pariser Umland, daran, dass damals irgendwie alles romantischer, friedlicher und weniger seicht war; das Bier schmeckte nach Männerschweiß, es gab noch andere Möbel als die von IKEA und Japan war stolz auf seine Atomkraftwerke.

Die Parkbucht - aufmerksame Leser haben längst begriffen, dass es sich um eine Nothaltebucht handelt - ist durch die rund um die Uhr befahrene Autobahn auf der einen Seite und einen undurchdringlichen, typisch deutschen Nadelbaumwald auf der anderen Seite isoliert vom Rest der Welt. Ohne Hilfsmittel (Motorsäge, Polizeiweste oder Sprengstoff) kann man ihr zu Fuß nicht entfliehen. Es dauert ein bisschen, bis Bodo seine Situation begreift, und am ersten Tag hat er noch gute Laune. Im Grunde ist er froh, dass er nicht zu der am Wochenende angesetzten Familienfeier bei Tante Marge fahren muss, auch wenn er seine Lieblingssendung "Galileo" auf Proll7 verpasst. Er schläft sich erstmal richtig aus.

Dann unternimmt er ein paar halbherzige Versuche, seiner Enklave zu entkommen. Auf der Autobahn wird er um ein Haar von einem SUV mit Bad Segeberger Kennzeichen erfasst; im Wald bekommt er, nach ein paar Metern im Gestrüpp steckengeblieben, beinahe eine Panikattacke. In den folgenden Wochen zehrt Bodo seine Keksvorräte auf. Er muss sich fortan von Pilzen ernähren und von totgefahrenen Kleintieren, die er am Straßenrand findet. Für ihn als Bär nicht wirklich ein Problem.

Die Handlung spitzt sich dramatisch zu, als tatsächlich doch mal ein anderer Autofahrer hält und sich vor Bodos längst von Moosen und Flechten überwucherten Skoda parkt. Statt jedoch Bodo zu helfen, uriniert er bloß am Seitenrand und ignoriert unseren Helden böse. Bodo hält es nicht mehr aus und greift den Unbekannten an. Ohne dem Schluss dieses packenden Romans vorgreifen zu wollen, es kommt, wie es kommen muss; jeder weiß, wie in Mitteleuropa mit verwilderten Bären umgesprungen wird.

Der erste Satz des Romans

"Einmal in meinem Leben habe ich die Verwandlung erfahren."

Hui, hier kommt der Anspruch, die gestelzte Rede in Reinkultur! Es soll Leute geben, die von Handke-Texten Ausschlag kriegen. Andere hingegen halten ihn für den größten Sprachmagier der Gegenwart. Wie dem auch sei, egal wie oberlehrerhaft und selbstbezogen die Handke´sche Suada auf hohem Ross dahergeritten kommt, eines ist mit diesem Einstieg klar: Hier schindet keiner Zeilen, hier geht es um das große Ganze. "Wäre ich ein Dichter, ich erlebte mich doch genauso! Nie waren meine Tage vollkommener, und gleichzeitig war das Weitertun und In-der-Welt-Bleiben überhaupt keine Selbstverständlichkeit". Das ist genau der Punkt. Auch wenn ihn nicht jeder versteht.

Versuch einer Interpretation

Quo vadis, Bär? könnte man nach der Lektüre dieses Romans fragen. Oder aber auch: Führt die mobile Gesellschaft letztlich bloß in eine Sackgasse? Und hat nicht jeder mitunter das Gefühl, ausgebremst zu sein und das wahre Leben zu verpassen?

Handke schafft es durch seine anschauliche Sprache und behutsam eingestreute Rückblenden, Bodo dem Bären ein fast menschliches Antlitz zu verleihen und die Leser am Schicksal des gutmütigen Helden teilnehmen zu lassen. Wie der Autor die 30 verschiedenen Grautöne der Fichten im Wald plastisch in 3D nahebringt und ein ganzes Kapitel lang die unerträgliche Leichtigkeit des SUV-Fahrens in Szene setzt, das zeigt eindrucksvoll, dass der Altmeister aus Kärnten es immer noch drauf hat. Hemingway hätte seinen Segen dazu gegeben. Die Moral der Geschichte ist jedoch ein wenig dünn: Auch der Sanfteste kann in unserer kalten durchökonomisierten, atomkraftungläubigen und Nadelwald-durchseuchten Welt in einer Notsituation ausrasten, vor allem dann, wenn seine äußersten Extremitäten zu dick sind, um ein Handy zu bedienen.