Gustaf Gründgens

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Schauspieler,die über exorbitante Fähigkeiten verfügen und daher den Olymp gehoben werden, besitzen eine ganz besondere Eigenschaft: sie sind gesichtslos, seelenarm und so unscheinbar, dass sie niemals alleine eine Straßenüberquerung passieren können, da selbst eine einfachgestrickte Ampel sie übersehen und nicht umspringen würde. Als Meister dieses Faches gilt Gustaf Gründgens, durch seine Unscheinbarkeit in jede erdenkliche Rolle schlüpfen konnte und erst mit seiner Verwandlung der Figur eine Seele einhauchte.

Jugend

Gründgens erblickte am 22. Dezember 1899 in Düsseldorf das Licht der Welt. Er galt als unauffälliges Einzelkind, bis seine Eltern sich entschieden, ihm ein Schwesterchen zu schenken. Von Eifersucht getrieben, entwickelte sich der Junge, der zu diesem Zeitpunkt Gustav mit Vau nannte, zum störrischen Eigenbrödler, eine Rolle, die er Zeit seines Lebens außerhalb der Bühnen beibehalten sollte. Gleichaltrige Kinder mieden ihn, sodass sich sein Charakter noch verstärkte. Aber er erkannte, dass bei Spielen wie Verstecken er nichts weiter machen musste, als nur stehen zu bleiben. Niemand der Kinder nahm ihn wahr und er wurde nie entdeckt. Ebenso verhielt es sich bei sportlichen Übungen in der Schule, bei der er nie in eine Mannschaft gewählt wurde, was nicht einmal dem Lehrer auffiel. Er stand beim Sport nur teilnahmslos am Rand und erzeugte eine Aversion gegen jede sportliche Betätigung. So etwas prägt und im Falle Gründgens entpuppte sich dies zu einem Segen.

Erste Metamorphosen

Die Hochzeit mit Erika Mann (links) entpuppte sich als Farce. Schon während der Trauzeremonie steckte GG sich lieber etwas Längliches in den Mund.

Die Schulzeit überstand er auf diese Art problemlos. Erst als Oberprimaner entdeckte er seine Leidenschaft für die Schauspielerei. Gründgens bewarb sich an der Theaterlaiengruppe seiner Schule und sofort bemerkten alle seine gestalterischen Fähigkeiten in diesem Fach. Er wurde von seinen Mitschülern sogar gefragt, ob er ebenso auf einem Gymnasium sei und wie er speziell an diese Mimengruppe geraten war. Dass man Gründgens nun erstmals wahrnahm, gilt als einschneidendes Erlebnis seiner Biografie und legte den Grundstein für den weiteren Werdegang.

Mit Begeisterung und jugendlichem Hurra zog er als Soldat in die tobenden Wirren des Ersten Weltkrieges. Obwohl er stets als Kanonenfutter an den Fronten auftauchte, überlebte er die Schlachten um Verdun, an der Somme, der Krim und in den Karpaten auf wunderliche Weise. Er fiel den Feinden nicht auf und wurde daher nie von ihnen anvisiert.

Nach dem Krieg entschied er sich daher für ein Studium der Schauspielerei und auch hier erkannte man sein Talent, sodass er nach der Ausbildung ein Engagement in Kiel, der Geburtsstadt seines Erzkonkurrenten Bernhard Minettis und des Matrosenaufstandes, fand. Er besetzte zunächst klassische Altersrollen (King Lear, Claudius, Prospero und Philippe II.) und wurde bereits nach einer Spielzeit von den Hamburger Kammerspiele weggelobt. Hier wechselte Gründgens ins Fach der weiblichen Darstellung (Lady Macbeth, Marthe). So wurde ein junger Autor auf ihn aufmerksam, der noch Darsteller seines Lesbendramas Anja und Esther suchte. Es war der erste Bühnenerfolg Klaus Manns, der Sohn des literarischen Übervaters Thomas, der namentlich mit Norbert Sternmut verheiratet war und schwul wie dessen Frisör, dem mit Gründgens später auch eine innige und intime Freundschaft verband. Um seinem Geliebten näher zu sein, ehelichte Gründgens dessen Schwester Erika, sehr zum Missfallen Thomas Manns, der ebenfalls ein Auge auf den Mimen geworfen hat. Der Schauspieler nannte sich ab diesem Zeitpunkt Gustav mit Eff, worauf viele „Wie jetzt, Fustav?“ fragten, was ihn störte und er immer lakonisch mit „Ne, Gustaffffff“ zu beantworten pflegte.

Seine Popularität wuchs und es dauerte nicht lange, bis das Deutsche Theater Berlin auf ihn aufmerksam wurde. Hier blieb er Shakespeare treu und spielte die Rollen seines Lebens: Hamlet, Romeo und Cäsar. Später durfte er bereits im Alter von 28 Jahren den Mephisto geben, eine Rolle, die ihn entscheidend prägte, bis heute populär machte und ihn bis zum Tode begleiten sollte. Der Mephistopheles, den er ironisch tuntig interpretierte, galt als stilbildend und beeinflusste alle nachfolgenden Schauspieler, Dramaturgen und Intendanten.

Der Tanz auf dem Vulkan

Klaus Mann (liegend) und Gründgens (rechts) in trauter Harmonie bei einer kreativen Besprechung. Doch das Glück hielt nicht ewig. Die Nazis beendeten die Romanze.

Berlin glich in der Vorkriegszeit einem brodelnden Hexenkessel. Politische Aufmärsche, Armut und Volksküchen bei den Nicht-Theatergängern stellten sich sexuelle Anarchie, Dekadenz und Überfluss der Kulturbemühten gegenüber. Gustaf Gründgens entschied sich schnell, zu welcher Seite er gehören möchte. Doch das Leben auf der Wolke hielt nicht ewig. Klaus Mann, der ihm Zugang zur kulturellen und intellektuellen Elite verschaffte, verliebte sich in seine eigene Schwester, die sich daraufhin von Gründgens scheiden ließ. Nun war der Weg für Thomas Mann frei. Doch GG, wie er unter Freunden genannt wurde, war erpicht auf ein juveniles Schönheitsideal, sodass ihn die Annäherungsversuche des gealterten und nach Zigarre stinkenden Literaten abstieß.

Nachdem dann die Nationalsozialisten an die Macht kamen, emigrierten die Manns ins Ausland und GG verlor seine festen Verbündeten. Da er Zeit seines bisherigen Lebens nur deutsche Texte auswendig gelernt hatte, empfand er ein Auswandern in eine fremdsprachliche Region als zu umständlich, sodass er der Einfachheit halber in Berlin blieb. Die nationalsozialistische Führungsebene nahm Kontakt zu ihm auf und konnte ihn für ihre Bewegung gewinnen. Ihm wurde freie Liebe und sexuelle Ausschweifung zugesichert, was bei den Nazis nicht alltäglich war, so dass Gründgens keinen Grund sah, seine Mitwirkung am Deutschen Theater aufzugeben. Als zusätzliche Belohnung sicherte man ihm die Intendanz zu. Er war auf dem vorläufigen Zenith seiner Theaterkarriere angelangt.

Doch es sollte nicht bei dieser Aufgabe bleiben. Den Nationalsozialisten entging nicht seine Unscheinbarkeit, wenn er nicht maskiert war. So wurde er für Spionagezwecke eingesetzt. Seine Wandlungsfähigkeit förderte zudem ein Agentenleben als Frau oder Mann. Auch sexuell gab es keine Tabus (Erika Mann verlangte zeitweise die Erfüllung ehelicher Pflichten, sodass GG der Intimbereich einer Frau nicht gänzlich unbekannt war) und Gründgens erwies sich als Idealbesetzung für diese Tätigkeit. Doch auch er erkannte, dass letztendlich der Krieg nicht zu gewinnen war und er sicherte sich Möglichkeiten des Rückzugs ab, indem er sich der militärischen Gegenbewegung um Graf von Stauffenberg anschloss. In seiner atemberaubenden Verkleidung als deutscher Schäferhund erschlich er sich das Vertrauen Adolf Hitlers und konnte die oppositionellen Generäle stets über die aktuellen Bettgeschichten Hitlers informieren. Nur durch Gründgens unermüdlichen Einsatz kam beispielsweise heraus, dass Eva Braun nur dazu diente, morgens die Bettlaken zu wechseln und das Schlafzimmer zu lüften, während Hitler mit GG seinen Morgenspaziergang machte.

Diese offenen Aussagen retteten Gründgens später vor dem Nürnberger Kriegsgericht. Hermann Göring, der sich Gründgens als sklavisch ergebenen Spielgefährten hielt, bekam, als er Gründgens auf der Anklagebank erblickte, einen Lachanfall, an dem er letztlich verschied. Die Nürnberger Richter nahmen Gründgens dieses Zwischenspiel zwar übel, sprachen ihn dennoch frei.

Aufstieg im Nachkriegsdeutschland

Deutschland glich nach dem Krieg einem Trümmerhaufen. Da Gründgens Berlin mit einem negativen Vorzeichen versah, entschied er sich, einstweilen wieder zu seiner Mutter zu ziehen. In seiner Geburtsstadt Düsseldorf fand er die Wärme und Zuneigung, die ihm im Dritten Reich trotz waghalsiger Experimente fehlte. Er weinte sich am Busen seiner Mamutschi aus und sie spendete Trost. So wohlig geborgen fühlte er sich lange schon nicht mehr. Nie dürfte dieser Augenblick vergehen. Doch die resolute Dame erkannte schnell, dass ihr Gustaf sich von ihr lösen musste. Zu Zeiten seiner Berliner Intendanz war sie die große Frau Gründgens, der man allerorts Respekt entgegen brachte. Das schmeichelte ihr und sie sonnte sich am Erfolg ihres berühmten Sohnes.

Emmy Gründgens ließ ihre alten Beziehungen spielen und sorgte dafür, dass GG eine Anstellung am neu erbauten Düsseldorfer Theater bekam. Zwar haftete ihm immer noch der Ruf eines undurchschaubaren Mitwissers des Nazi-Regimes an, doch da er innerhalb der Theaterszene einen exzellenten Namen innehielt, bekam er sogar den Posten des Intendanten. Nebenher spielte er immer öfter Rollen in den neu erstarkten Film- und Fernsehproduktionen. So erreichte sein Name ungeahnte Bekanntheit auch in der bildungsferneren Gesellschaft. Der Name Gründgens wurde verbunden mit leichter Muse, Hoffnung, Zuversicht und entsprach idealerweise genau dem Volksgeschmack seiner Zeit.

Doch das, was er durch seine schauspielerischen Fähigkeiten mühelos nach außen transportieren konnte, entsprach nicht seinem Innersten. Zerrissen und verzweifelt nagten alte Geschichten an seiner Seele. Zumal er durch die Familie Mann, die sich nach dem Krieg wieder lauthals zu Wort meldeten und Gründgens öffentlich demütigten (Klaus Manns Mephisto, Thomas Manns Doktor Faustus), es immer wieder Anzeichen dafür gab, dass es Menschen gab, die um seine Zeit als des Führers Schäferhund wussten und nun drohten, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Um sich unabhängig und ebenso unsterblich wie unantastbar zu machen, wechselte er ins Filmfach und übernahm dort jede erdenkliche Rolle. So war er unentbehrlich und wusste sich gegen etwaige Erpressungsversuche zu behaupten.

Schauspielerische Glanzleistungen

Wenn man bei Gründgens die Introvertiertheit, die Opportunität, die Charakterlosigkeit und die Unscheinbarkeit abzieht, bleibt ein begnadeter Schauspieler übrig. Es gab keine Aufgabe, die er nicht beherrschte. Zu den Höhepunkten seiner Schaffenskarriere zählen die nachgenannten Rollen.

Hamlet

Die Prinzenrolle des Shakespeareschen Improvisationstheaters brachte frühzeitigen Erfolg. Gründgens spielte den Hamlet so eindringlich, so warmherzig und inbrünstig, dass selbst hartgesottenen Sozialdemokraten die Tränen kamen. Sein beim Anlegen eines Ledersuspensoriums unsterblich gewordenes „Sein.... oder... mein? Das ist hier die Frage!“ beflügelte die Phantasie der zuhauf im Publikum auftauchenden Männerrunden. Ebenso die barsch vorgetragene Schelte an Horatio „Weswegen lachet ihr denn, wenn ich sagte: Ich habe keine Lust am Manne?“, nachdem Hamlet sich eine libidinöse Pause erbat, gilt als wegweisende Pionierleistung schauspielerischer Gestaltungsgabe.

Mephisto

Unsterblich eingebrannt in alle nachfolgenden Schauspielergenerationen ist die Ausformung des Mephistopheles in Goethes Faust. In blickdichtem Catsuit und einem Antlitz gehüllt in weißer Theaterschminke setzte Gründgens ein Zeichen seiner Interpretationsfähigkeit für den bis dahin nur als Nebenrolle agierenden Verführer. Gründgens holte den Mephisto aus den Tiefen der Unbedeutsamkeit ins Rampenlicht. Dank dieser Hervorhebung wird heute der Darsteller des Mephisto vor dem des Dr. Faust im Abspann eines Films oder in den Programmzeitschriften genannt.

Horst Tappert

Ein Gründgens, zwei Tappert. Allein durch Einsatz einer dezenten Brille konnte der Mime völlig wesensfremde Kreaturen schaffen. Links Tappert debil, rechts Tappert tappert.

Frühzeitig erkannte GG die Macht des Fernsehens. Da aber in den Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts das Fernsehen noch in den Kinderschuhen steckte, hatte es im Vergleich zum Theater einen Ruf wie ein Klassiker gegenüber einem Comic oder wie heutiges Privatfernsehen gegenüber Arte. Da Gründgens extrem eitel war, wollte er seine Theaterlegende nicht durch eventuelle Imageschäden durchs Fernsehen zerstören. Folglich gab er sich einen Künstlernamen: Horst Tappert im Dunklen, später aus werbestrategischen Gründen auf "Horst Tappert" reduziert. Zudem maskierte er sich mit Tränensäcken, fliehendem Kinn und zurückweichendem Haar. Sollte es zur Rufschädigung kommen, könnte er sich sofort demaskieren und den Spuk beenden

Glücklicherweise wurde die Figur des Tappert beliebt und dank Gründgens hervorragender Schauspielkunst (er verlieh Tappert den Nimbus eines hölzernen Volltrottel mit debilen, leicht autistischen Zügen) konnte er die Figur glaubhaft rüberbringen. Später erweiterte er den Horst Tappert (Nomen est omen!) noch um eine beachtliche Senilität, sodass GG den Tappert bis ins hohe Alter spielen konnte.

Lassie

Schon immer schwebte Gründgens die Rolle eines Tieres als mimische Herausforderung vor. Dass er solche Rollen besetzen konnte, hatte er ja bereits bei Hitler bewiesen. Durch Zufall erfuhr er, dass in einer Hollywood-Produktion ein Hundedarsteller gesucht wurde. Als Tier brauchte er keine Texte zu sprechen, was den Vorteil hatte, an einer amerikanischen Serie Protagonist zu sein, ohne ein Wort englisch zu können. Die Serie wurde ein internationaler Erfolg und wurde auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Nachdem die humanen Hauptdarsteller jedoch alterten, drogenabhängig wurden oder sich dem Alkohol hingaben, wurde die Serie eingestellt.

Gründgens Genialität wird daran deutlich, dass alle Remakes, ob als Serie oder als Spielfilm, scheiterten. Kein Schauspieler hat Lassie je so überzeugend interpretiert wie GG.

Trude Herr

Nach seinem Ausflug in die Unkultur amerikanischer Filmproduktionen suchte GG die nächste Steigerung seines mimischen Talents. Wie zu Beginn seiner Theaterkarriere übte er sich in einer Frauenrolle. Jetzt, zur Zeit des Wirtschaftswunders, galt es gute Laune zu verbreiten. Die Schönheitsideale weiblicher Verführungskunst waren besetzt. So entschied sich GG, eine Dame von drolligem Aussehen zu besetzen. Die Figur der Trude Herr, die nicht nur resolut, sondern auch komisch daherkam, entsprach seiner Vorstellung vom lauten Wonneproppen, die nicht nur schauspielern, sondern auch singen konnte. Sein „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“ sang er mit einer solchen Inbrunst, dass es zum meistgehörten Schlager der frühen Fünfziger Jahre wurde.

Die Kritiken seiner Zeit überschlugen sich, nachdem bekannt wurde, dass Gustaf Gründgens die Rolle der Trude Herr spielte. So titelte theater heute: Mephisto ohne Maske, was die BILD-Zeitung noch mit: Bill Ramsey ohne Bart zu überbieten wusste.

Klaus Kinski

Gründgens wechselte nach diesen Episoden vorläufig zurück zum Bühnenfach. Erst als sich in Deutschland eine neue Ära filmischer Schaffenskunst abzeichnete, man sprach jetzt von Autorenfilmen, die unter Leitung Werner Schroeters und Volker Schlöndorffs zu internationaler Anerkennung fanden, traute sich GG wieder an Pfade jenseits der Bühnenbretter.

Nachdem der hervorstechendste deutsche Filmschauspieler aller Zeiten (Klaus Kinski) bei einer Edgar Wallace Inszenierung (Edgar Wallace – Der Bäcker mit dem Seidenstrumpf, 1968) durch ein Bad in einem Säurebehälter, das Kinski so echt wie möglich darstellen wollte, ums Leben kam und sich dann noch dessen Körper auflöste, sprang GG in diese Nische und ersetzte den exaltierten Filmschauspieler. Er gab wirre Interviews, verprügelte ahnungslose Moderatoren und pinkelte in Talkshows die Gäste an. Es herrschten wilde Zeiten, der deutsche Herbst begann und Gründgens alias Kinski war das Kind dieser Zeit.

Erst als sich die Wogen glätteten und die extrovertierten Ausfälle von Schauspielern nicht mehr en vogue waren, ließ Gründgens die Figur des Klaus Kinski sterben. Noch heute sprühen Enthusiasten „KINSKI LEBT!“ an Hausmauern und in Tunnelgänge. Ein Schicksal, dass er übrigens mit Uwe Barschel und Jürgen Möllemann teilt.

Fred Clever

Gründgens war Vorbild für diese Comicfigur. GG übertraf sich selbst, als er Fred Clever in einer Realverfilmung darstellen durfte.

Der Ruf Gründgens galt innerhalb Europas als Markenzeichen höchster Wandlungsfähigkeit. Kein Wunder, dass es nicht ewig dauerte, bis ein talentierter Zeichner die Figur des Gustaf Gründgens in einer Comic-Serie präsentierte. Francisco Ibanez, ein damals 22jähriger Künstler, nahm die Idee von Gründgens Undercover-Schäferhundrolle für seine Comic-Helden Mortadela y Filemón auf und lagerte die erfolgreiche Serie ins Agentenmilieu. Bei General Franco, dem seinerzeitigen letzten überlebenden amtierenden Diktator europäischer Schule, fand diese Idee Anklang und er ließ Ibanez ungefoltert weiterzeichnen, was bei anderen spanischen Kreativen nicht als üblich galt.

Die Comicfiguren wurden schnell berühmt und die Serie breitete sich auf Europa aus. In den 80er Jahren wurde sie sogar verfilmt. Als besondere Ehre sahen es die Filmproduzenten an, die Rolle des Fred Clever, wie Filemón in Deutschland bezeichnet wurde, Gründgens anzutragen. Hier konnte er seine Wandlungsfähigkeit aufs Extremste darstellen. Die Rolle des Fred Clevers verlangte Verwandlungen in Gegenstände (Blumenvasen, Sessel, Laternen), Tiere (Elefanten, Hunde, Mäuse) und Personen. Alles spielte Gründgens so perfekt, dass eine nachträgliche Animation nicht mehr nötig war. Auf Grund dieser beachtlichen Leistung erhielt er 1998 einen Eintrag im Internationalen Filmlexikon. Chapeau!

Tom Buhrow

Nachdem die Figur des Tappert wegen allzu großer Hinfälligkeit nicht mehr für das deutsche Fernsehen geeignet war, ließ der Sender die Figur fallen und sanft entschlafen. Doch Gründgens, mit nunmehr weit über 90 Lebensjahren, suchte eine weitere Aufgabe. Da er alle geriatrischen Forschungsergebnisse in den Wind schob und nicht für sich in Anspruch nehmen wollte, musste es eine Aufgabe sein, bei denen er sich mittels Rollator fortbewegen oder er eine sitzende Tätigkeit ausüben konnte. So erschuf er die Kunstfigur Tom Buhrow, ein Darsteller, dem nicht angekreidet wird, dass seine Gesichtsfarbe durch die jahrelange Nutzung von Theaterschminke ausgeblichen war und dessen wackeligen Beine nicht zu erkennen waren.

Die ARD war hocherfreut, dem alternden Star noch eine Aufgabe geben zu können und ließen ihn als Gnadenbrot die Tagesthemen moderieren. Gründgens erwies sich als Idealbesetzung für diesen Job, da er durch verschiedene Gesichtsoperationen zwanghaft lächeln musste, was bei den teilweise traurigen Meldungen den Zuschauern immer ein Stück Optimismus mit auf den Weg gab.

Die letzte Doppelrolle: Im Seniorenheim

Alternde Künstler haben durch ihre eingezahlten Beiträge in die Sozialkasse Brotloser Künstler (SBK) Anspruch auf eine seniorengerechte Unterbringung in einem sogenannten Künstlerhaus. Hier treffen sich an ihrem Lebensabend bildende Künstler, Musiker, Schlagerstars, so sie noch keinen Suizid unternommen haben, Bühnenbildner und Schauspieler.

Gründgens war dieser nach einer Mischung aus Desinfektionsmittel und abgestandener Luft riechende Aufenthaltsort immer zuwider. Allerdings blieb auch ihm im betagten Alter von 106 Jahren nichts weiter übrig, als sich seinem Schicksal zu beugen und ins Casa Vitalis, einem Künstlerheim in Potsdam, zu ziehen. Doch Gründgens wäre nicht Gründgens, wenn er auch hierbei nicht noch eine Rolle übernehmen würde. So doubelte er zunächst frische Leichen, um junge Assistenzärzte zu erschrecken. Doch dies wurde ihm aufgrund des Fachärztemangels, der sich durch seinen Schabernack besonders auf das Casa Vitalis auswirkte, von der Heimleitung verboten. Für die letzte beiden Lebensjahre schlüpfte er in die Rolle eines Geriatrie-Chirurgen, der munter seine kreativen Kollegen unter die Erde operierte. Sie konnten stolz darauf sein, so sein Gedanke, wenigstens durch einen der ihren gestorben zu sein.

Erst nachdem der Heimbewohner Gustaf Gründgens einem Herzversagen erlag und zeitgleich ein Dr. Kolpitis nicht mehr auftauchte, wurde der Schwindel aufgedeckt. Es war durch die kriminaltechnische Untersuchung, die das Heim bundesweit bekannt machte, ein fulminanter Abgang.

Nachruf

„Ein durch und durch charakterloser Phorkias, ein immoralischer Markgraf, der stets dem Glanz hinterher jagte, der sich in der Suche nach Ruhm und Glanz mit Federn, die ihm mitnichten zugestanden haben, verging.“ So wetterte noch 1998 Bernhard Minetti, der sich für wenigstens 80 Jahre mit Gründgens den Ruf des bedeutendsten Schauspieler Deutschlands teilen musste und nie verwinden konnte, dass Gründgens hierbei die prominentere Position bezog, obwohl er der intelligentere, bessere und dramatischere Mime war. Aber seine Weigerung, fürs Fernsehen zu arbeiten, brachte ihm entsprechenden Punktverlust. Daher seine verbitterte Einstellung zu seinem Kollegen.

Für Gründgens stellte sich dieser Vergleich nicht. Er wusste nur, dass er nicht so enden wollte wie Johannes Heesters, der am Tiefpunkt seiner Karriere nur noch von Auftritten im Panoptikum der Harald Juhnke-, Jörg Pilawa- oder Carmen Nebel-Shows leben musste. Obwohl gleichaltrig, verband die beiden Darsteller, die zusammen mit Ernst Jünger drei Jahrhunderte erleben durften, nichts. Ernst Jünger, dessen Nikontinleidenschaft den 103jährigen Kettenraucher durch ein Lungen-Endotheliom dahinschiedem ließ, war Gründgens „ein Mann, der durch Geburtszwang privilegiert war und dessen Können von der Leistungsbereitschaft einer deutschgestählten Seele Zeugnis abliefert.“

Mit Gustaf Gründgens ist einer der letzten großen Schauspieler von der Bühne abgetreten. Wir schließen den Vorhang und gedenken einem Heroen der mimischen Gestaltungsgabe.

Filmographie

Filmtitel Jahr Rolle Genre Alias Regie
Danton 1930 Danton Mantel und Degen als Gründgens Hans Behrendt
M – Eine Stadt sucht einen Buchstaben 1931 D, F, W Krimi als Gründgens Fritz Lang
...dann die ganze Welt! 1941 General von Brodt Endsieg-Epos als Gründgens Leni Riefenstahl
Hurra, wir leben noch! 1954 Heiratsschwindler Knoop Lustspiel als Gründgens Geza von Bolváry
Lassie geht unter 1958 Lassie Romanze als Hund Billy Wilder
Ein Dussel tappt im Dunklen 1965 Corth Jörgens Krimi als Horst Tappert Herbert Reinecke
Wer andern in die Möse beißt... 1974 Sozialfall Hans Pagel Sozialdrama als Klaus Kinski Werner Schroeter
Derrick in der Falle 1978 Oberinspektor Stefan Derrick Krimi als Horst Tappert diverse