Diverses:Wiedergefundene Weihnachtlichkeit

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Manchmal spürt man es einfach nicht.
Als Thomas Kalaf an einem milden Dezemberabend aus der überfüllten Straßenbahn stieg, um zur Altlerchenfelder Pfarrkirche zu gelangen, wo man in Kürze ein Konzert geben würde, begriff er, dass Weihnachten vor der Tür stand. Er hatte es zwar schon in der Weise gewusst, in der man weiß, wer die Post bringt, nämlich der Postler, was, wenn jemand, etwa ein neugieriges Kind, danach früge, mit Leichtigkeit beantwortet werden könnte, ohne dass man beim Leeren des Briefkastens je wirklich an dieses Faktum dächte, doch nun war es ihm ganz und gar bewusst geworden, wie einem Mann, der seine Gattin in flagranti erwischt hatte und plötzlich verstand, dass seine Ehe in Scherben lag, aber nicht, weil er betrogen worden war, denn vielleicht hätte der Gehörnte die Stärke gefunden, den Fehltritt zu verzeihen, sondern weil ihm der Betrug wie auch seine Frau gänzlich gleichgültig waren. Diese Einsicht, dass nur mehr wenige Tage vor Weihnachten lagen, rührte Kalaf so sehr, dass er auf der Stelle stehen blieb und sich von ihr ausfüllen ließ. »Bald ist Heilig Abend«, dachte er staunend, versuchte diese Erkenntnis in ihrer Gänze zu erfassen, während sich die Masse der Aussteigenden leise fluchend an ihm vorbeizwängte, bis ein grober Rempler, untermalt durch eine beiläufige Beleidigung, den jungen Mann aus seiner Verwunderung riss und er sich mechanisch in Bewegung setzte.

Langsam, fast schon linkisch, trottete er über das Trottoir, ging, einfach weil er aus fremder Anregung damit begonnen hatte, und ging weiter, weil die neu gewonnene Einsicht ihn viel zu sehr in Beschlag nahm, als dass er dem ewigen Fortgang der Schrittfolge, welche kommoderweise sine consilio ac ratione von Statten ging, Beachtung hätte schenken können. Mit großen Augen betrachtete Kalaf die weihnachtliche Straßenbeleuchtung, die festliche Ausschmückung der warm leuchtenden Schaufenster, die prall gefüllten Sackerl der vorbeiströmenden Passanten. Ohne Zweifel musste die Welt wissen, dass Weihnachten nahte, denn aus Jux und Tollerei würde niemand die Fassaden hochkraxeln, um ein paar Glühbirnen zu montieren, oder grundlos einige Tannenzapfen und -zweige neben Presswurst und Blunzen hängen, um danach alles mit Dosensprühschnee zu dekorieren. Warum also, wenn es offensichtlich jeder wusste, war es einem jungen Mann solange nicht bewusst gewesen?

Vielleicht lag es daran, dass er als Mehlspeisenbeauftragter einer großen Bäckerei schon zu Ostern die Kreationen für Weihnachten kostete, damit diese ab August im Handel veräußert werden konnten, und er so den festlichen Geist, der dieser Tage ausströmte, einfach nicht mehr schmeckte. Wer das ganze Jahr über Zimtodeur und Mandelgeschmack ausgesetzt ist, muss irgendwann abstumpfen. Sicherlich gab es Gebäckeinspritzer, die, da sie ständig Marillenmarmelade in Krapfen drücken mussten, glaubten, dass das ganze Jahr Fasching sei und daher nur mehr in Maske aus dem Haus gingen. Kummervoll wartete Kalaf am Straßenrand darauf, dass die Fußgängerampel auf Grün schaltete. Sollte seine geliebte Profession tatsächlich diese verheerenden Auswirkungen haben? Er hatte immer schon gewusst, dass er einer gefährlichen Tätigkeit nachging, die viele Risiken barg. Diabetes war eine Bedrohung, der er bereitwillig ins Auge blickte. Auch nahm er in Kauf, dass er eines Tages durch einen Arbeitsunfall zu Grunde gehen könnte, weil eine hübsche Konditorsassistentin Arsen statt Vanillezucker unter den Teig gemischt haben würde. Nur die Aussicht, dass der Mehlspeisengenuss ihn für andere Freuden des Lebens unempfindlich machen sollte, betrübte Kalaf ungemein, bis er merkte, dass sein Beruf gar nicht vermochte, ihm die Weihnachtlichkeit zu rauben, da diese nicht dem Gebäck entsprang, sondern anscheinend andere Quellen hatte.

Ist vielleicht gar die globale Erwärmung der Weihnachtlichkeit abträglich?
Gedankenverloren betrat der Mehlspeisenbeauftragte die Altlerchenfelder Pfarrkirche und setzte sich ohne große Suche in die Nähe einer gemalten Darstellung der Leiden Christi am Ölberg vor Jerusalem. Unter dem durch dunkelblaue Farbe zum künstlichen Gestirn gesteigerten Gewölbe des Mittelschiffs fragte er sich, ob vielleicht seine Unempfindlichkeit der winterlichen Kälte gegenüber die Schuld trug. Es war bislang ein milder Dezember gewesen und wie sollte sich denn Weihnachtlichkeit einstellen, wenn die Kälte am Christkindlmarkt nicht in den Fingern stach, sondern stattdessen der Schweiß im Nacken perlte? Doch so recht zeigte sich Kalaf nicht von seiner eigenen Erklärung überzeugt. Sie hatte, so fand er, gewisse Flausen. Warum, wenn gefühlte Wärme und gefühlte Festlichkeit zueinander indirekt proportional waren, saß man dann nicht nackt in der Christmette, warum verteilte man die Geschenke im Kreise der Familie nicht unbekleidet, wenn es der Stimmung doch zuträglich sein sollte? Wie zelebrierte man überhaupt die Geburt Christi in Lateinamerika, wenn offensichtlich nur ein Teil der Anwesenden in den Kühlschrank passte? Es ergab schlicht keinen Sinn. Kalaf hätte zwar behaupten können, dass nur er auf diese Art von Kälte affiziert werde, was aber einerseits nicht begründete, warum er bei der Bescherung immer noch Anzug trug, andererseits durch die Trennung vom Menschengeschlechte allen möglichen Erklärungen, etwa dem Einfluss der Krawattenwahl, Tür und Tor öffnete. Nein, es lag eindeutig nicht am Wetter.

Ratlos beobachtete der Mehlspeisenbeauftragte, wie sich die Musiker unter allgemeinem Applaus vor der Chorschranke sammelten, als eine Frau im dunkelroten Mantel neben ihm Platz nahm. Sie war von hohem, hagerem Wuchs, hatte pechschwarzes Haar und bleichte Haut, sowie gemeinsam mit Kalaf die Straßenbahn verlassen. Ihr verdankte er die Erkenntnis, dass Weihnachten bevor stand, denn sie war wie eine enge Freundin des Mehlspeisenbeauftragten gekleidet, welche immer verlässlich Feststimmung verbreitet hatte, bis sie letzten Frühling ohne Erklärung, ohne Scena ultima, aus seinem Leben verschwunden war. Während das Konzert mit dem Eingangschor aus dem ersten Teil von Bachs Weihnachtsoratorium begann, empfand der junge Mann keine Freude mehr darüber, dass die Festtage nicht mehr fern waren.