Diverses:Moby Dick

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Der Pottwal. Oder in Englisch: "The Sperm Whale".

Nennt mich Iglomael. Und hört die Geschichte vom weißen Wal und lernt über die Natur der Menschen.

Kapitel 1 Schemen

Ich war grad' pleite. Konto gepfändet und ein neues konnte ich nicht eröffnen, wegen der Schufa. Und ich musste weg, die Steuerfahndung saß mir im Nacken und das Bundesverwaltungsamt wollte das Bafög-Darlehen zurückerstattet haben. Und die Schnauze voll hatte ich sowieso. In solchen Phasen, wenn zudem die Milz sich meldet und die Leber "Nachschub" schreit, dann suche ich mir etwas, weit weg, wie das Holzfällen in Kanada. Oder mich zieht es auf eine Ölplattform. Oder sonstwohin auf See. Und auch jetzt hatte das Schiksal zugeschlagen und sah für Iglomael eine Walfangreise vor. Und natürlich... ich gebe Dir recht: es mutet schon seltsam an, wenn ein schwuler deutscher Jude auf Walfang geht.

Kapitel 2 Die Reisetasche

Ich packte meine Reisetasche und nahm mit... eine Zahnbürste.
Ich packte meine Reisetasche und nahm mit... eine Zahnbürste und drei Unterhosen.
Ich packte meine Reisetasche und nahm mit... eine Zahnbürste, drei Unterhosen und einen Zahnstocher.
Ich packte meine Reisetasche und nahm mit... doofes Spiel.

Kapitel 3 Die Kirche

Queebeck und ich suchten uns diese Kirche aus. Sie schien geeignet, denn das Dach sieht aus wie eine Harpune.

Von Frankfurt aus ging es mit der prall gepackten Reisetasche und einem ebenso prallen Seemannssack mit dem Intercity nach Hamburg; dort suchte ich vergebens nach einem Isländer und als ich von den substitutiven Griechen die Nase voll hatte, heuerte ich auf einem Kreuzfahrtschiff nach Island an.
Nun... das Anheuern war nicht ganz so gelaufen, wie sich ein Reeder so etwas vorstellt. Ich half beim Verladen der Vorräte und blieb dann einfach auf dem Schiff; ich war auch schon früher mit der KVB schwarz gefahren. Nach zwei Tagen an Bord hatte ich zarte Kontakte zu den phillipinischen Putzmännern geknüpft und mich durch Schrubben der Toiletten und Leeren der Spucknäpfe beliebt gemacht. So kam es, dass der Oberputzman eines Tages sagte: "You sleep... (im Sinne der Leserschaft übersetze ich simultan ins Deutsche:) Du schlafen wollen? Hier, Koje groß genug. Teilen mit Queebeck!" Ups!? Nun denn: Besagter Queebeck war ein Ureinwohner aus Kanada, also ein Apache, und gleichzeitig Friseur auf dem Kreuzfahrer. Quebeck versuchte Skalps zu verkaufen. Die Haarreste vom Frisieren zwirbelte er dazu mit einem Gummiband zusammen, bis er dicke Haarbälle erhielt. Mit Küchenabfällen bastelte er daraus dann kopfähnliche Gebilde. Seine Kunst kam nicht an, im Bett war er aber gut.
So schipperten wir bis nach Island und landeten im Hafen Helguv an. Dort war meine Reise auf dem Kreuzfahrer zu Ende, denn mich dürstete nach Walfangabenteuern und der Kreuzfahrer hatte keine Harpune an Bord, einzig Queebecks Haarnadeln muteten wie Fischfanggeräte an. So mag es nicht verwundern, dass mich dieser außergewöhnliche Apache bei meiner Suche nach einem Walfänger begleitete.

Nun stellt man sich vor, dass auf Island zu Hauf stramme Kerle mit geschulterten Harpunen die Straßen bevölkern. Weit gefehlt. Wir suchten vergebens und hatten Langeweile. So überlegten wir, ob wir nicht heiraten sollten.

Kapitel 4 Biographisches

Die Kirche war geschlossen und deshalb hatten Queebeck und ich Gedanken zu machen. Queebeck war als Kind geboren, während ich früher eine Karnevals-Kamelle war. So kam es mir jedenfalls vor, denn mein Vater war Karnevalsprinz und meine Mutter Tochter eines Muhezzin, was lag also näher, als dass sie mich zu einem Rabbi zur Aufzucht gaben?
Nach der Schule besuchte ich zunächst eine Bäckerlehre, doch das Mehl war mir zu weiß und ich studierte daraufhin Philosophie und Erdkunde. Einen ähnlichen Werdegang hatte Queebeck vorzuweisen. Nach dem auswendig Lernen der Geschichten seines Opas, der General Custer am Little Big Horn vernichtend geschlagen hatte, ging Queebeck zu einem tüchtigen Meister in eine Friseurlehre, studierte Voodoo an der Volkshochschule und heuerte auf einem Kreuzfahrtschiff an. Dort traf ich ihn, als er Voodoopuppen aus Haaren von Jürgen Klopp bastelte.

Kapitel 5 Das Schiff

Die Peecock. Ein stolzes Walfangforschungsschiff.

Während wir so erzählten, kamen mir leichte Zweifel und ich war froh, dass die Kirche geschlossen war. Konnte ich als Jude einen Voodoo-Zauberer heiraten? Welche Religion sollten die Kinder annehmen, die wir bekommen (von Putin abkaufen) würden? Dann kam mir das Schiksal zur Hilfe und zwar in Form eines norwegischen Walfangschiffes. Die Norweger fangen ja Wale zu Forschungszwecken. Die Wale müssen getötet und gegessen werden, erst dann kann man sie erforschen. So machen es die Japaner übrigens auch. Das Schiff hieß Peecock und hatte eine kleine Forschungsfabrik an Bord. Ich erfuhr bei den Allwissenden von Wikipedia, dass die Wale gleich auf dem Schiff in Konservendosen gesteckt werden und da ich ein recht konservativer Mensch bin, hatte ich die besten Voraussetzungen, dass dieses Forschungsschiff mich aufnehmen sollte.

Kapitel 6 Ritter und Knappen

Queebeck wurde dank seiner muskulösen, schwer tätowierten Schultern als Galionsfigur und ich wurde als Schiffskoch für die Kombüse angeheuert und kochte am ersten Tag "Armen Ritter" und dazu reichte ich einen Knappen altes Brot. Dann stachen wir in See.

Kapitel 7 Ahab

Auch Barak Obama (hier liest er grad in "Moby Dick") hat ein Portrait von Käptn Ahab an der Wand.

Die Stimmung an Bord war außergewöhnlich. Wer wie ich das Ursprüngliche mag, den Geschmack nach Salz, die Gischt die vor dem Bugspriet aufschäumt, gleich einer Explosion tausender und abertausender Wassertropfen, die schneidende Kälte des Ostwindes und den Geruch der Männer nach Abenteuerlust, Langeweile oder im Orkan nach schierer existenzieller Angst, der liegt mit einer gewissen Erwartung in der Koje und fiebert jedem neuen Tag entgegen. Doch schien es, bereits als wir die Küste am Horizont versinken sahen, dass sich ein Jeder am Jetzt festklammerte, den vergehenden Tag festzuhalten versuchte, obschon vergebens wie das Klammern an fließendem Wasser vergeblich ist. Bald ergaben sich die Männer aber einem mir für mich zunächst nicht fassbaren Schiksal.
Am dritten Tag wusste ich warum. Queebek und ich standen mittschiffs und um uns herum Gruppen und Trauben der anderen Matrosen. Da sah ich zum ersten mal den Käptn. "Das ist er," stieß Queebek hervor und blickte erschrocken zu Boden, denn obschon fast geflüstert, blickte der Gemeinte in unsere Richtung. Seine Augen stachen wie pechschwarze Malzbonbons aus einem blassen Gesicht hervor, das wiederum von einem schwarzen Kinnbackenbart umrahmt wurde. Die hagere Gestalt erinnerte mich an eine knorrige Birke, während Queebeck, so erzählte er später, an Gregory Peck dachte [1]. "Männer," sprach Ahab in die Runde, denn genau so hieß der Käptn, "bald sind wir in den Fanggewässern, das Sonar wird uns die Beute aus den Tiefen an die Oberfläche treiben, fette Pottwale werden im Dienste der Wissenschaft und zur Freude unserer Konten in wildem Tanz zur Kakophonie des Sonars vor unseren Harpunen umherirren. Und wir werden zuschlagen." Und damit drehte er sich zur Brücke und verschwand im Inneren des Schiffs, woher er kam.

Kapitel 8 Erste Nachtwache

Die Männer wurden langsam unruhiger. Wir schienen nahe den Fangründen zu sein. Für Tag und Nacht wurden Wachen eingeteilt. Für die Backbordtopwestseite, die Steuerbordachternsüdseite, die Nornordsteuerbordwestseite und auch für die Süduntenkielseite (seeehr feucht!). Bald war auch ich mit der Wache dran. Nachts, wo ich doch Farbenblind bin. Und ich weiß nicht, was es war. Doch trieb mich etwas, vielleicht das Nordlicht... Es trieb mich scheinbar genau auf die Brücke. Dort schaltete ich das Sonar aus, drehte mich um und wandte mich meiner Wache zu, als wenn nichts gewesen wäre.

Kapitel 9 Moby Dick

Beim Wachwechsel in der Früh' steht eine kleine Gruppe Männer beisammen und es spricht der erste Maat Bareback: "Das Sonar wurde abgeschaltet. Dadurch hatten die Wale Gelegenheit, sich neu zu orientieren. Sie haben sich in den Morgenstunden auf und davon gemacht. Aber sind sie nach Norden oder Süden? Nach Osten oder Westen?" Und mit einem Blick zum Käptn... "Käptn Ahab, welchen Kurs sollen wir einschlagen?" "Nach Hause!" sagt Ahab und niemand wagt nachzufragen.
In der Nacht stehe ich an der Reling und fange Wortfetzen auf, die durch das geöffnete Bullauge auf die jetzt ruhige See hinauswehen: "Es war Sabotage..." so spricht der erste Maat, "das Sonar schaltet sich nicht versehentlich selbst ab." Ahab antwortet mit einem Unterton, wie man ihn oft von Irren hören kann: "ER war es, dieser Teufel! Der Teufel im Engelsgewand." Die erstaunte Gegenfrage von Bareback konnte ich nicht verstehen aber Ahab schrie mit sich überschlagender Stimme: "Er kann überall sein wo er will und kann in jedem von uns sein, vielleicht sogar in Dir! Dieses Monster, Moby Dick!"

Der Geisterspaut. So bläst ein Wal...

In der Früh' nahm ich Doggy, den zweiten Harpunier mit in meine Kombüse, reichte ihm ein üppiges Frühstück mit Ei und Schinken und fragte ihn, ob er jemals etwas von Moby Dick gehört hätte. Doggy wurde unter seiner dunklen Haut weiß wie Kalk, in der Mischung ergab das einen Milchkaffee, der mich an Starbucks erinnerte. "Dieser Mann bringt Unglück über uns Walfänger," raunt mir Doggy zu, bekreuzigt sich und eilte durch die Kombüsentür fort. "Christen und ihr Aberglaube," denke ich fast laut und wende mich meinen Aufgaben zu. Heute Mittag gibt's "Strammen Max".

Kapitel 10 Der Geisterspaut

10 Tage nach dem Auslaufen lag die Peecock wieder im Hafen von Helguv. Die Stimmung der Männer war bedrückt und der ein oder andere heuerte ab. Ahab äußerte kein Wort mehr. Ich ließ ihn schmollen, den Blödmann, und blieb an Bord. Ich schnitze z.B. für mich und Queebeck kleine Phallusse (oder heißt das Phallen?) aus Kartoffeln, die ich dann kochte. Beim Kochen zerfielen die Kunstwerke leider und Queebeck lachte sich darüber kaputt. Jedenfalls hatten wir eine schöne Zeit an Bord und schoben Müßiggang oder schnitzten. Ich an Kartoffeln und Queebeck an einem Einbaum.

Bis wir eines Abends, es war eigentlich schon Nacht, von einem Landgang an der Küste entlang auf dem Heimweg waren. Da schwebte plötzlich, in hellem, milchigem Weiß vor dem dunklen Abendhimmel ein senkrechter Strich aus Gischt über dem Strand, wenige Sekunden nur. Dann fiel der Spuk in sich zusammen wie die Spaut, manche sagen auch Blas, eines Wales. Verwundert wandten wir uns in diese Richtung und gingen gerade mal eine Minute, als ein erneuter Spaut in den Himmel zischte. Aber landeinwärts! Und ein Wal, obschon Säugetier, spaziert selten durch die Gassen der Hafenstädte. Von Furcht und Neugierde gleichsam angestachelt, wandten wir uns der Richtung zu, aus der wir den Geisterspaut zuletzt gesehen hatten.

Auch diese Robbe dachte bis zuletzt, dass Wale nicht an Land gehen...

Wir gelangten in einen Teil des Städtchens, der uns bisher auf wundersame Weise fremd geblieben war. In der Gasse war nur ein Haus beleuchtet und Laute drangen durch die angelehnten Fenster nach Außen. Durch einen Fensterspalt war ein großer Raum zu erkennen mit ein paar derben Tischen und Stühlen, die von ebenso derben Menschen besetzt waren. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich in einen Bereich des Raumes, der von unserer Position aus nicht einzusehen war. Doch wir konnten hören: "Und der Herr wird Jene, die aus Habgier handeln, strafen und die Mildtätigen werden Eingang ins Himmelreich erhalten." "Eine Predigt," vermuteten Queebek und ich wohl richtig. Wir sahen uns an und verstanden uns blind, denn noch immer waren wir nicht getraut, vielleicht ließ sich mit dem Pastor ein Deal machen. So saßen wir bald an einem hinteren Tisch, genauso derb wie der Rest der Bagage.

Kapitel 11 Die Bestattung

Der Geistliche. Später erfuhren wir, dass dies niemand anderes als Moby Dick war.

Vor der Theke stand an einem improvisierten Altar ein Mann ganz von Blubber. Seine fleischigen Hände lagen als dicke Wülste an der Thekenkante und sein Schädel ruhte eingebettet in einem Speckdepot, das anscheinend ein Hals sein sollte. Gekleidet war er in einem Zirkuszelt von Zirkus Krone, allerdings nicht bunt, sondern strahlend weiß und ein kleines Kreuz aus schwarzem Alabasterstein, anscheinend aus der Niere von Helmut Berger ausgeschieden, an seinem Revers wies ihn als Priester aus. Seine Augen waren rege und zuckten wie Quecksilber von hier nach dort. "So lasst uns denn," sprach er, "unserem Bruder gedenken, der der Habgier Opfer ward und beten zu Gott, aufdass er seine Mörder strafe. Und beten wir weiter, dass der Herr auch morgen seinen Willen hier auf Erden geschehen lässt, vielleicht durch einen Schiffskoch." Da wurde mir aber ganz blümerant: "Wie kommt der jetzt auf Schiffskoch?" dachte ich und "Was hat das mit Mord zu tun?"

Dann kam Bewegung in die ganze Truppe und der Fleischberg, der so gewaltig war, dass er ein leichterer Bruder von Gottfried Fischer hätte sein können, wälzte sich auf die Gasse. Die Derben folgten ihm und so pilgerten auch Queebeck und ich hinterdrein zum mitternächtlichem Strand. Je näher wir dem Strand kamen um so aufdringlicher wurde ein beißender Gestank, der an die Unterhosen von Boris Becker erinnerte.

Am Strand angekommen wurden wir enttäuscht, denn nicht der rotblonde Besenkammerrist, sondern ein riesiges Fleischgebilde lag am Strand und verströmte Verwesungsgestank. "Bruder Wal," hob der Dicke an, "mit zermalmten Hörorganen liegst Du vor uns, Deines lebensspendenen Fluidums beraubt, auf dem Trockenen. Dein Leben ausgehaucht wie von tausend Anderen, die bei reichen Japanern und Norwegern auf den Tellern landen. Wir aber, Deine Brüder, werden nicht eher ruhen, bis Deine Nachfahren in Sicherheit leben können." Und dann zückten alle Anwesenden, bis auf Queebeck und mich, kleine Esslöffel und -nein, sie verspeisten den Kadaver nicht- sondern hoben in einem irrem gollumistischen Tun eine Grube aus und wälzten den Pottwal, denn so einer war es, hinein. Noch bevor diese symbolträchtige Zeremonie vollends beendet war, suchten Queebeck und ich das Weite.

Die Trauergemeinde begann, mit Esslöffeln ein Grab für den Wal auszuheben.

Kapitel 12 Der Überzieher

Wir waren schnell wieder auf dem Schiff und verschanzten uns in der Koje. "Was war das?" fragte Queebeck. "Wieso die verbuddeln gestrandet Walfisch?" (Queebeck ist zwar Kanadier und hat 4 Semester Germanistik studiert, zu einem Voodo-Zauberer passt aber besser etwas radebrechendes). "Zerbrich Dir nicht den Kopf, mein Lieber," erwiderte ich, "lass' uns mal nachforschen, wen Ahab mit Teufel im Engelsgewand gemeint hat." Mir war klar, dass es dieses Hinweises nicht bedurft hätte, denn Queebeck, der nicht nur Germanistik sondern auch Jura und Philosophie studiert hatte, war dieser Verbindung gedanklich schon längst auf der Spur. Er war sogar noch weiter: "Hast Du Sonar ausgeschaltet?!" Ich nickte kaum merklich: "Ich weiß auch nicht recht warum. Vielleicht taten mir diese Kreaturen leid..." Bis in den Morgen saßen wir nachdenklich in unseren Kojen. Was das mit einem Überzieher zu tun haben kann, bleibt der Phantasie der Leser überlassen.

Kapitel 13 Ahabs Bein

Es war schon gegen 6 Uhr in der Früh und ich konnte noch nicht lange geschlafen haben, da wurde ich durch einen Radau wie von paarenden Katzen geweckt. Ein Wimmern und Kreischen ging irgendwo von Oben aus. Queebeck und ich eilten an Deck. Neben vier oder 5 Matrosen der Besatzung stand da auch der erste Steuermann Bareback mittschiffs und starrte mit ungläubigem Ensetzen zur Brücke. Auf einem umlaufenden Sims der Brücke stand Ahab und hiefte mit einer Motorwinde, die eher unfachmännisch an der Außenwand der Bücke verschraubt war, einen Gegenstand vom Deck hoch, den ich zunächst vor lauter Kabeln und Schläuchen und Streben nicht erkennen konnte.

"Käptn?" rief Bareback fragend. Aber Ahab zeigte keine Reaktion und werkelte weiter. Nach einigen Minuten entsetzter Stille, die nur von den mechnischen Lauten des ahabschens Tun und fernen Geräuschen der erwachenden Hafenstadt unterbrochen wurden, erkannte ich, dass Ahab eine Wasserkanone auf die Brücke zog und dort auf fast wundersam genaue Weise in eine aus Stahlstreben bestehende Haltevorrichtung bugsierte. "Käptn, halten Sie ein," rief Bareback, "die Sache wird nur eskalieren!" Doch die Worte schienen Ahab entweder nicht zu erreichen oder durch ihn hindurch zu fliegen. Ich sah Bareback mehrfach ansetzen, als ob er Anlauf suche, um dann hinauszupressen: "Das ist es nicht wert!" Ahab hielt mitten in der Bewegung inne und es schien, als ob sich zwischen ihm und Bareback über die Distanz von gut 20 Metern eine Spannung aus blankem Hass aufbaute. "Nicht wert?" schrie Ahab, "Es hat mich das Bein gekostet. Dieses Monster hat mir meine Träume geraubt!" Von Ahabs Lippen sprühte ein feiner Nebel aus Spucke und kondensiertem Atem. Eigentlich ein hübscher Kontrast zu seinem wutroten Gesicht. Dass der Käptn eine Beinprothese tragen sollte, das hatte ich bis dahin nicht gewusst. Ich konnte es so recht auch nicht glauben aber dass zwischen dem Käptn und dem Ersten Steuermann ein Streit biblischen Ausmaßes aufkochen sollte, das beunruhigte mich und deshalb zog es mich weg von dort, Richtung Unterdeck und Bareback zog ich einfach mit.

Kapitel 14 Mitternacht auf der Back

Ahab wollte Bein zeigen. Seine Desing-Entwürfe missfielen dem Papst jedoch.

Der erste Steuermann hieß mit vollem Namen Bart Simpson Back oder verkürzt "Bareback". Er weihte mich in meiner Kombüse bei einer schönen Tasse Knorrfix in das Geheimnis von Ahab und dem Priester Moby Dick ein: Beide hatten eine gemeinsame Vergangenheit in der katholischen Kirche. Moby hatte zunächst Ernährenswissenschaft und Ahab hatte Nähen an der Universität von Jena studiert und beide hatten Reli als Nebenfach. Nach 12 Semestern hatten sie im Vatikan als Hilfsputzfrauen angeheuert und so allerlei religiöse Erzählungen mitbekommen. Und die von Jonas im Wal faszinierte sie besonders.

Während Ahab sich mit Jonas identifizierte, fühlte Moby mit dem Wal und so stritten sie sich immer weiter auseinander. Ahab war dabei der aufbrausende Typ, was beim damaligen Papst Carola Woytila nicht gut ankam. Der ruhige Moby galt als der Besonnere und wurde deshalb und wegen anderer Gefälligkeiten zum Blaspastor ernannt. Der Blaspastor war als Spezialist für die Belange der Wale (in Kapitel 10 hatten wir gelernt, dass die Kondensfontäne des Wals "Blas" genannt wird) von Woytila in die Katholikenhierarchie hineinerfunden worden. Hingegen wurde Ahabs bescheidener Traum, eine Soutane tragen zu dürfen, und sei es nur als Hilfskaplan, vom Papst vereitelt. Und das aus Neid, denn der Pontifex erlangte Kenntnis von der Kreativität Ahabs, der als selbsternannter pontifikianischer Damenschneider modische Soutanen für Hilfskaplane plante.

Der arglose Moby Dick als Anhänger weißer Anzüge aus Zirkuszeltplanen kam ganz unbeteiligt in Verdacht, dem Papst Ahabs Entwürfe zugespielt zu haben und wurde von Ahab seither für seinen Ausschluss aus der Vatikangemeinschaft verantwortlich gemacht.

Kapitel 15 Die Jagd, erster Tag

Am nächsten Tag ließ Ahab die Leinen lösen und wir stachen in See. Erhaben schäumte die Gischt um den rostigen Bug, als sich die Peecock mit voller Kraft in Richtung Fanggründe der Pottwale bewegte. Dabei kreuzten wir auffällig häufig vor der Küste, wohl, wie Queebeck messerscharf vermutete, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ahab kontrollierte stündlich seine Kanone. Und als ein Wasserfahrzeug von einem kleinen Naturhafen an der Küste ablegte, studierte Ahab es intensiv durch sein Fernglas.

Dann ließ der Käptn den Kurs ändern, Richtung Beringsee (die Beringsee heißt ursprünglich Heringsee. Aber Graffitikünstler hatten den Globus von Alexander von Humboldt beschmiert und so hat sich seitedem der Fehler durchgeschliffen.). Das kleine Wasserfahrzeug folgte uns in so großem Abstand, dass wir Einzelheiten ohne Fernglas nicht erkennen konnten, und aus Gründen der Eitelkeit trug ich nicht einmal eine Brille. So ging der Tag zu Ende und die Sonne versank in den bleiernen Fluten des Nordmeeres. Fast schon ein Omen.

Kapitel 16 Die Jagd, zweiter Tag

Vormals Papamobil, nun schwimmende Kapelle für Wale.

Wir waren so weit weg von Island, dass man selbst auf den höchsten Wellen vom Dach der Brücke aus keinen Landstrich mehr erkennen konnte. Um uns herum Wasser, Wasser, Wasser und weit hinten, ein eigentümliches Gefährt. Es glich eher einem Schuhkarton als einem Schiff, als es so auf uns zusteuerte, dennoch schien es hochsehtüchtig zu sein und topseits prangte ein großes weißes Kreuz. "Das Kreuz ist aus Walbein," erklärte Doggy, "das stand sogar in der Bild-Zeitung. 1998 muss es gewesen sein." Ich sah den Harpunier fragend an. "Der heilige Vater persönlich hat dieses schwimmende Papamobil gesegnet, nachdem es für Moby Dick umgebaut wurde, um den Walen göttlichen Beistand zuzusprechen. Für Ahab war der Stapellauf der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und so heuerte er auf einem Walfänger an um genau das Gegenteil zu bewirken."

Mir wird schlagartig so einiges klar. Auch die Situation, auf die wir zusteuern, erkenne ich schmerzlich. Nun also sollte es zum letzten Gefecht, zum Armageddon, zum Brudermord an Abel, zur Steuerhinterziehung durch Hoeneß, zum Wechsel von Götze zum FC Bayern kommen. Ahab lässt die Maschinen auf halbe Kraft gehen und leitet eine Wende ein. Das Orcamobil hält weiter auf uns zu und wir erkennen die gewaltige Masse von Moby Dick hinter der großen Frontscheibe. Das Steuerrad umklammert, den Blick fest auf die Peecock gerichtet. Seine derbe Gemeinde begleitet ihn und hier und da tauchen massige Rücken in den Fluten des Meeres auf...

Kapitel 17 Die Jagd, dritter Tag

Aua!

Wen vermag es verwundern, dass es am zweiten Tag noch nicht zum Showdown kam, wo doch aller guten Dinge drei sind?

Moby war klug genug, einen unkritischen Abstand zu halten und zudem war die Orcamobil wendig genug, die Peecock an der rostigen Nase herumzuführen. Vom Katz- und Mausspiel zermürbt, befahl Ahab, die Motoren ab- und das Sonar anzustellen. Eine fatale Entscheidung für die in einem Radius von ca. 5 Seekilometern (das sind ungefähr 3,775 nautischen Meilen oder 6,04 Euro) schwimmenden Meeressäuger. Sonarwellen breiten sich viele Kilometer weit aus. Sie können die Gehörorgane der Wale schädigen und veranlassen die Tiere zu einer panischen Flucht an die Meeresoberfläche, dadurch funktioniert aber die notwendige Dekompression nicht mehr und es bilden sich Gasbläschen im Blut der Säuger. Dadurch wiederum erhält der Wal noch mehr Auftrieb und schießt noch schneller Richtung Oberfläche.

Ahab legte den Sonarregler auf Stufe 12 der 10-stufigen Richter-Skala. Das hat vor ihm noch niemand gewagt! Und tatsächlich, in einem Radius von wenigen Kilometern stiegen Wale auf, doch ihr Blut war so von Gas gesättigt, dass sie die Wasseroberfläche durchbrachen und direkt zum Firmament flogen. Immer mehr Tümmler, Schweinswale, Orcas und andere zog es zu den Wolken. Dort stieg ein blendend weißer Belugawal auf, fast schon dachte ich, es sei Moby Dick, doch der starrte aus der Orcamobil ungläubig in den Himmel; hier schwebte ein Buckelwal durch die Luft. Die handtellergroßen Seepocken, Buckel und Runzeln auf seiner Haut erinnerten mich kurz an Claudia Roth, ich weiß auch nicht warum. Ganz in der Nähe durchbrach eine Schule aus Pottwalen den Wasserspiegel und stieg auf ungefähr 120 Meter über NN; unmittelbar vor uns schwebte ein Blauwal majestätisch im stetigen Nordostwind ein paar Spannen hoch über der Wasseroberläche. Mit seiner Fluke wedelte er komisch in der Luft herum, anscheinend brachte ihn das auf Kurs Richtung Peecock. Die Pottwalschule schien mit Blas-Arbeit zu navigieren; es kann aber auch alles Einbildung gewesen sein.

Die Tümmler, die zuerst aufgestiegen waren, klatschten allmählich wieder ins Wasser zurück. Der sichere Tod für die Tiere, die keinen Fallschirm dabei hatten. Je größer die Wale wurden, die aufgrund der zurückgehenden Gaslaktose ins Meer zurückkrachten, um so näher schienen die Einschläge zu kommen. Kratergleich teilte sich das Meer beim Auftreffen eines kapitalen Grönlandwales, knapp 100 Meter von der Peecock entfernt. Die 80 Tonnen schwere Masse des Walkörpers verursachte eine gewaltige Welle, die die Peecock schwer schaukeln ließ. "Maschinen volle Kraft voraus," brüllte Ahab und der Schiffsdiesel erwachte blubbernd zum Leben. Schmerzlich langsam nahm die Peecock Fahrt auf, während Wal um Wal herniederging. Die See brodelte. Die Orcamobil hatte wieder Kurs aufgenommen und pflügte rammbockgleich duch die Gischt. Dann sah ich Doggy, der ein Kreuz schlug, und das ist das Letzte, an das ich mich erinnern kann. Sein Blick war gen Himmel gerichtet. Auf die direkt über uns schwebende Pottwalschule!

Epilog

"Und ich allein bin entronnen, daß ich dir's ansagte." So schrieb Hiob. Warum überbringt man hier noch einmal eine Hiobsbotschaft, wo es doch scheint, dass die Geschichte ein apruptes Ende genommen hat? Eine Geschichte über zwei Männer, die eine ähnliche Vergangenheit hatten. Und sich dann so auseinanderlebten, durch komische Zufälle oder vielleicht auch Zufälle, die gar keine waren, dass sie erbitterte Feinde wurden. Und in ihre Feindschaft andere, Menschen und Tiere, einbezogen.

Ist das nicht der Stoff, aus dem Kriege gemacht werden? Der eine erstrebt eine beinfreie Soutane, der andere aber, derweil zu dick, mag lieber verhüllende Beinkleider. Lächerlich? Mitnichten! Es ist alltäglich: Die einen haben z.B. Meinungsfreiheit und die anderen Burkapflicht. Ist ein Streit darüber dann unwichtiger, als einer über Geld, Gold oder Öl?

Und egal worum es geht, kann man solch erbitterten Feinde trennen? Queebeck und ich dachten: "Wohl nicht!" Und verzogen uns grad noch rechtzeitig mit Queebecks Einbaum von Deck, vom Schiff, vom Ort des Geschehens. Zwei Tage lang trieben wir so dahin. Bis uns die "Eugen", ein Seenotrettungskreuzer der DGzRS, aufgabelte. Dank GPS-Peilung heutzutage kein Problem.
Die Peecock und das Orcamobil, Moby Dick und Käptn Ahab und auch die Crew sahen wir nie wieder.