Diverses:Loderndes Eis (Verwechslungskomödie)

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Man denke sich an dieser Stelle bitte Musik; nach Möglichkeit den Walzer ‚Frühlingsstimmen‘ von Johann Strauss (Sohn)

An einem lauen Septemberabend saß Peter Müller, der geschäftlich in Wien weilte, im Café Central und wartete freudig auf seine Sachertorte mit Schlagobers, die der aus Ostfriesland stammende Physiker auf Anraten seines papierenen Reiseführers geordert hatte. Behütet durch das gewesene Wiener Schnitzel, das der Deutsche zum Entsetzen eines in der Nähe speisenden Wieners in Ketchup ertränkt hatte, sowie umschmeichelt vom unprätentiösen Spiel des Pianisten, das virtuos in den Klangteppich eingewoben war, sodass es das Geschehen untermalte, anstatt zu bestimmen, döste er derweil im kleinen, unscheinbaren Sessel, las mit ehrlicher Neugier, aber ohne eine irgendwie geartete, fortführende Intention die umfangreiche Kaffeekarte, wissend, dass ihm letztendlich die Schneid fehlen würde, um eine dieser lockend beschriebenen, für seinen deutschen Gaumen fremden Spezialitäten zu bestellen, sodass er sich mit der Vorstellung zufrieden gab, wie es wohl sein würde, eines dieser exotischen Heißgetränke auf der Zunge zu spüren. Im Kontrast zu dieser gelösten Stimmung stand der unförmige, von Müller getragene, graue Polyesteranzug, den die Sitzposition in Falten zwang, dessen billiger Stoff sich spannte und wellte, womit auch die hellrote Krawatte sowie das zerknitterte, weiße Hemd in Unform gepresst wurden. Kurzum: Der mit dem Gewand fraternisierende Beobachter konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich die Kleidung vor Qualen wand, mit jeder würdelosen Plastikfaser kriecherisch um Hilfe bettelte. Von diesem Leid bemerkte Müller, der mangels leistungsfähiger Imagination das Interesse an der Kaffeekarte verloren hatte, nichts, war er doch damit beschäftigt, dem Liebreiz einer blondgelockten Beauté zu verfallen, die mit größerer Hingabe als es ihre zierliche Figur erwarten ließ einen Mohren im Hemd verschlang, die Mehlspeise unter dem ekstatischen Blick jadegrüner Augen durch die Pforte aus Lippen von berückendem Kolorit zwängte, als müsste sie alles, was ihr auf Erden lieb und teuer sei, in dieser Höhle vor den Gefahren der Welt verstecken. Träumerische Überlegungen, in denen der Physiker herbeispann, mit dem Begleiter der jungen Schönheit Platz zu tauschen, um selbst ihr glückstrunkener und liebestreuer Buhle zu sein, fanden ein abruptes Ende, als eine fremde Person gegenüber Müller Platz nahm und gleich darauf das Wort zum Gruß hob: »Servus Kupferschädel!« Der Unbekannte, dem diese Worte wohl aussagekräftig genug erschienen, lehnte sich lässig zurück, sodass die Knopfleiste seines farbenfrohen Hawaiihemdes sich teilte und eine rasierte Brust bloßlegte, nahm den leger im Mundwinkel liegenden Zahnstocher zwischen Zeigefinger und Daumen, um ihn dann mit übertrieben nonchalanter Geste wegzuschnippen. Irritiert erwiderte Müller, der sich in Gedanken noch nicht vollständig von der zauberischen Beauté gelöst hat: »Es tut mir leid, aber Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.« »Immer locker. Zieh den Stock aus dem Arsch. Ich bin hier einfach reingeschneit, um ein paar Schnecken abzuchecken, und dann sehe ich wie ein weiterer Zinnoberhengst hier abhängt. Nichts Schwules. Ich bin keine Tucke oder so, sondern ein Cadmiumcasanova wie du. Du weißt schon: Roter Bruder fickt das Luder. Roter Engel, Riesenschwängel. Roter Kranz, Feuerschwanz.« 

Behagliche Weltentrücktheit und belanglose Konversation im Café Central

Tatsächlich waren beide einem bestimmten Menschenschlage zuzurechnen, dem man gemeinhin eine irisch-keltische Abstammung nachsagt, sprich sie teilten sich kupferrotes Haar, smaragdgrüne Augen und marillenfarbene Sommersprossen. Überdies konnte keiner von ihnen in Anspruch nehmen, von durchschnittlichem Wuchs oder gar groß zu sein, wobei Müller schon fast zwergenhaft zu nennen war, während der Unbekannte immerhin so viele Zentimeter maß, um sich geduldet durch die mitleidsschwangere Milde anderer als normal von Statur bezeichnen zu dürfen. Doch damit endeten die Gemeinsamkeiten, die bei brünettem Haar und braunen Augen kaum der Rede wert gewesen wäre. So hatte der deutsche Physiker knabenhafte Züge mit kräftigen Wangenknochen und kleiner Nase, während das Gesicht seines Gegenübers von spitzbubenhafter Physiognomie war, deren für Frauen unleugbare aber auch nicht preisungswürdige Attraktivität eine viehische Grobheit, die sich vor allem dann zeigte, wenn die zu kurzen Lippen beim Reden das Pferdegebiss entblößten, nicht zu verstecken vermochte. Da Müller aber unter blond- und schwarzkopferten Leuten großgeworden war, sah er sich als einer der ihren und missachtete daher alle Differenzen und Similaritäten, sondern fragte staunend: »Sie sind auch aus Ostfriesland?« »Wenn du es so nennen willst, bin ich halt aus Ostfriesland. Und da wir beide aus Ostfriesland sind, schenke ich dir eine Karte fürs Burgtheater.« »Vielen Dank. Das ist aber nett!« »Lass stecken, roter Baron. Für meinen Bruder von ‘nem and’ren Luder ist das doch selbst verständlich. Bin auch selbst schuld. Ich hatte dicke Eier, weil eine geile Schlampe mit Prachtarsch an mir vorbeigelaufen ist und deshalb gedacht, dass Stück heißt ‚Was ihr stöhnt‘. Aber nachdem mir das Miststück einen geblasen hatte, war der Druck weg und plötzlich hieß der Scheiß ‚Was ihr wollt‘. Mit Theater ohne Titten kann ich nichts anfangen, also kriegst du die Karten,« erklärte der Unbekannte, griff in die Innentasche seines schwarzen Sakkos und lege das weiße Billett auf den hellbraunen Marmortisch, um nach dramatischer Pause, in der er effekthascherisch die Lippen schürzte, fortzufahren: »Der Name ist Horsecock, Bill Horsecock. Falls jemand fragen sollte. Denn eigentlich darf man den Scheiß nur auf Kommission nach Genehmigung weiterverkaufen, aber fick die Polizei, wenn sie einen geilen Arsch hat, sonst brunz ihr ins Gesicht.« »Jetzt muss ich es aber wissen. Ist Horsecock ein Künstlername? Ich kenne nämlich niemanden aus Ostfriesland, der so heißt.« »Natürlich ist Horsecock ein Künstlername. Oder glaubst du, meinen Eltern wäre so etwas Cooles, so etwas Treffendes eingefallen?« »Ich verstehe. Ein Name mit Aussage. Sie wollen zum Nachdenken anregen.« »Was? Mein Schwanz ist so groß wie der von einem Pferd. Die Schlampen hören Horsecock und schon fallen die Schlüpfer. Der Name ist Programm« Eine im schwarzen Kostüm gewandete und mit roten Halstuch geschmückte Kellnerin trat heran, stellte die Sachertorte, dann das Schlagobers, welches im gläsernen Kelch gereicht wurde, auf den Tisch und entschwand wieder in Richtung Küche, nachdem sie den genuschelten Dank nickend und mit einem lieblichen Lächeln zur Kenntnis genommen hatte. Gedankenverloren stocherte Müller im ehemals jungfräulichen Schaum, wobei sein Blick zuerst der Bedienung folgte, dann starr auf die Eintrittskarte gerichtet war. Er staunte über die sonderbare Szenerie, deren Protagonist mit dem raren Namen Horsecock sich seltsam gebärdete, ordinär sprach, aber dennoch angenehm amical auftrat, empfand eine zwanglose Sympathie, eine unverbindliche Zuneigung, sodass er keine Zweifel aussprach, sondern besorgt aufzeigte: »Aber das Stück beginnt in zehn Minuten. Dass schaffe ich doch nie.« »Das geht sich locker aus. Das Burgtheater ist gleich ums Eck. Beim Ausgang rechts, dann die erste links und am Ende der Gasse ist das Theater.« »Aber ich muss noch zahlen.« »Du gibst mir einfach das Geld und ich kümmere mich schon darum. Ich muss sowieso noch ein paar Schnecken abchecken. Also die Kellnerin wird heute Nacht fix einen Rotschwanz singen hören.« Der Physiker legte einen Fünfzigeuroschein auf den Tisch, griff Dankesworte sagend nach seiner Aktentasche, in der sich Dokumente und Bewerbungsunterlagen befanden, dann verließ er im Glauben, dass Horsecock sein Wort halten werde, das Kaffeehaus, doch dieser dachte nicht daran, sondern steckte das Geld unauffällig in seine Börse, aß mit Freuden die Sachertorte und entschwand danach ungesehen in die Nacht.

Nach kurzer Suche befand sich Müller endlich am Fuße der Kaiserstiege des Burgtheaters.

Nach zweimaligen Erkundigen, wo er den hinmüsse, sowie einem kleinen Umweg über den Minoritenplatz stand Müller endlich vor dem Burgtheater, drückte zuerst gegen und zog dann an der holzumrahmten, durch metallene Ornamente verzierte Tür, nach deren Durchschreiten ein älterer Billeteur mit eingefallenem Gesicht und stumpfen Blick die Eintrittskarte zu sehen wünschte, um dann mit linkischer Handbewegung den barbarischen Akt der Entwertung zu vollziehen, der von indolentem Nuscheln untermalt wurde, das ehedem vor Verlust der Motivation eine taugliche Wegbeschreibung gewesen sein mochte. Doch der Physiker besaß nicht den Sinn für diese Feinheiten, sondern ließ das geschändete Billet achtlos in seiner Aktentasche verschwinden, schritt geleitet und begleitet von marmornen Statuen gewesener Schauspieler, steinerne Denkmäler der Vergessenen und Verblassten, die Kaiserstiege hinauf, deren prunkvollsten sowie üppigsten Deckengemälde, ergreifende Darstellungen aus der Geschichte des Theaters, gefertigt von berühmter wie talentierter Hand, gesteigert durch einnehmen Zierrat der umgebenden Stuckatur um die Gunst des Besucherblicks buhlten, sodass der Physiker durch die schlichte Stiege in einem Akt philiströser Eifersucht zu Fall gebracht wurde, sprich er stolperte über eine ungesehen Stufe, weil sein Blick an der Decke pickte, und fiel mit theatralischem Armkarussell sowie entglittener Mimik gegen den harten Stein, um dann winselte leise zu winseln: »Au.« Ungläubig richtete sich Müller auf, starrte einige Augenblicke auf seine linke Handfläche, danach trotte er mit gebeugtem Haupt sowie gesenktem Blick zur Loge 9 im dritten Rang, die er erreichte, als die Glocke zum dritten Mal schellte. Kaum hatte er die Tür, indem er zuerst gegen sie drückte und dann an ihrem Griff zog, einen Spalt breit geöffnet, als ihm der süße Duft von Jasmin in die Nase stieg und eine dunkle, im Klang volle, wenngleich etwas rauchige Frauenstimme an sein Ohr drang: »Man trug ernstlich Sorge, dass er uns versetzt habe.« Diese Worte wurden langsam, fast gravitätisch vorgetragen, wirkten dabei jedoch weder schwerfällig noch träge, da die wohlklingende Intonation der Sprecherin, deren Melodik an das Italienische erinnerte, sie trug. Zögerlich betrat Müller, der sich irritiert zeigte, dass man ihn erwartete, obwohl er bis vor wenigen Minuten gar nicht gewusst hatte, dass man ihn im Burgtheater überhaupt hätte erwarten können, die Loge, hob schüchtern einer Manekineko gleich die Hand zum Gruß, dann begann er stottern zu sprechen, ohne jedoch seinen Arm zu senken: »Also. Es tut mir leid. Ich glaube, Sie müssen wissen, dass Irren ein Missverständnis ist. Ein geschenkter Gaul kennt kein fremdes Maul. Im Becher ersaufen mehr Leute als im Bach.« Die unbekannte Dame, die im Durchgang zwischen Vorraum und eigentlicher Loge stehend das Treiben im Parterre beäugt hatte, wandte nun dem neuen Besucher das Gesicht zu, welches jener mit mühlradgroßen Augen begaffte, wie es ehedem wohl Zephyr bei Floras Anblick getan hatte. Mit drolligem Entzücken staunte der deutsche Physiker über das zauberische Antlitz, dessen strahlendster Zierrat die großen, weißen Augen mit einer wie aus dunkelstem Obsidian geschliffenen Iris waren, zwischen denen eine längliche Nase von majestätischer Eleganz lag, der ein großer Mund, umrandet von sinnlich-vollen Lippen und bekränzt durch einen lieblichen Kupidobogen, folgte. Gekrönt wurde diese, Gottes Ode an die Schönheit durch rabenschwarzes Haar, welches, obschon nur in einer simplen Hochsteckfrisur gebändigt, der Königin der Nacht zur Ehre gereicht hätte. So ganz war er im Anblick versunken, dass die Beauté fragte: »Befindet er sich wohl oder hat ihn der Schlag getroffen?« »Der Verkehr. Eindeutig der Verkehr. Darum konnte ich nicht früher,« stammelte Müller, als hätte sein Verstand tatsächlich die letzten Augenblicke ausgesetzt, dann wurde es dunkel und er beeilte sich, nachdem er seine schwarze Aktentasche abgestellt hatte, der schönen Dame zu den Plätzen zu folgen.

Müller entschied sich nicht auf die Bühne, sondern auf die unbekannte Beauté zu schauen.

Gleichwohl der Physiker so tat, als gäbe es ihm Auditorium allerhand, das des Begaffens wert wäre, zuvörderst wäre hier wohl das eigentliche Bühnengeschehen zu nennen, hatte er nur Augenwinkel für die Person, die mit ihm die Loge teilte, sprich er starrte schon fast in den eigenen Schädel hinein, um einen Blick auf die hinter ihm sitzende Dame erhaschen zu können, und doch – aller Anstrengung zum Trotz – erschien nie mehr als die linke Hand, die ihm die einer morgenländischen Prinzessin zu sein schien, sowie der dunkelgraue, mit Tartanmuster verzierte Stoff des eleganten Kostüms in seinem Sichtfeld. Aber das tat seiner Laune keinen Abbruch, vielmehr freute er sich spitzbübisch darüber mit so einer schönen Frau die Loge zu teilen, das jasmingeschwängerte Odeur ihrer Existenz atmen zu dürfen. Geborgen von schwüler Trunkenheit, diesem Zauber der aus Pandoras Schoß entsprungenen Schülerin Circes, den der naive Narr wohl mit dem trivialen Terminus der Liebe verballhornt hätte, erspann er allerlei harmlose Träumereien, grübelte und rätselte wie er ein Lächeln über das hübsche Antlitz huschen lassen, wie er den Funken der Sympathie entfachen könnte. Kurzum: Müller scherrte sich nicht um das gegebene Theaterstück, brachte er doch in Gedanken ein wenig geistreiches und daher wohl allgemein beliebtes Sujet auf seine eigene Bühne und zwar in einer Inszenierung, die ob ihres lüsternen Kitsch‘ Frauenheld wie Tugendritter gleichermaßen als Zielscheibe für hämischen Spott gedient hätte. Vor diesem Hintergrund beschämt es vielleicht, aber wundert es sicher nicht, dass er seinen Blick bereitwillig von der wirklichen Bühne abzog, wo dieser ohne lästiges Gedankengeleit für kurze Zeit Ausgang gehabt hatte, als ihm das leiseste Knarren und Ächzen des Sessels ans Ohr drang, ihm ein sanfter Hauch im Nacken sowie eine Woge sinnlichen Jasmindufts verriet, dass die Dame aufgestanden war, um die Loge zu verlassen. Gierig harrte der deutsche Physiker ihrer Rückkehr, blickte so oft und beim kleinsten Geräusch zum Vorhang, der die Loge vom Vorraum trennte, dass man den Eindruck gewann, er kommentiere die Burgtheaterinszenierung mit Missfallen expressierendem Kopfschütteln. Als Müller das Warten leid wurde, was schon nach wenigen Minuten der Fall war, die ihm gequält durch die Möglichkeit des Verlustes wie eine halbe Ewigkeit erschienen, stand er unter den Klagerufen seines geschundenen Sessels sowie den missbilligenden Blicken der Nachbarloge auf, trat in den Gang, der das Auditorium umrundete, indem er zuerst am Griff zog und dann gegen die Tür drückte. Dort sah er sich hektisch um, dann erblickte er einen Billeteur, den er fragte: »Wo ist die Damentoilette?« »Die Damentoilette?« lautete die erstaunte, von unsicherem Minenspiel begleitete Antwort, Doch der deutsche Physiker war zu sehr durch das Herbeisehnen von schwarzem Haar und weißen Zähnen eingenommen, als dass ihm die Irritation seines Gesprächspartners oder gar die Absurdität seiner Frage aufgefallen wären, weshalb er mit Nachdruck versicherte: »Die Damentoilette« »Meint der Herr vielleicht die Herrentoilette? « »Was soll ich dort machen?« »Das ist Ihr Privatgeschäft.« »Dann habe ich dort nichts zu suchen, denn momentan bin ich arbeitslos. Sagen Sie mir bitte einfach, wo die Damentoilette ist. Meine Begleitung«, die Wonne dieser unscheinbaren Worte ließ seine Stimme leicht vibrieren, »sollte schon längst zurück sein, und ich habe Sorge, dass ihr vielleicht etwas passiert ist.« Die gerunzelte Stirn des Billeteurs glätte sich unter dem Gewicht der Einsicht, als hätte der deutsche Physiker nicht nur durch seine Ausführungen das Missverständnis aufgehoben, sondern nebenbei auch den Schopf des Auskunftsverweigerers gepackt und so kräftig daran gezogen, dass alle Haut im Gesicht sich spannte. »Die Dame, die vor einigen Minuten aus Ihrer Loge kam hat sich aber nicht für die Toilette, sondern für den Ausgang entschieden. « »Das kann nicht sein«, stieß der Ostfriese schockiert hervor und wartete gar nicht die Erwiderung des Billeteurs ab, dass die Dame – im roten Mantel gewandet und mit schwarzer Aktentasche bestückt – zur Stiege geschritten sei, sondern stürzte eilig in den Vorraum oder hatte dieses Maß an Dramatik zumindest im Sinn, doch die Tür machte ihm einen Strich durch die Rechnung, da er sich in seiner Sorge gegen sie warf, anstatt – wie er es nun schon wissen sollte – an ihrem Griff zuziehen. Schlussendlich schaffte er es trotzt aller widrigen Hindernisse, die ihm zu Fortunas Amüsement in den Weg gelegt worden waren, in die Loge, stellte zu seinem Schrecken fest, dass Mantel sowie Aktentasche – bei der es sich tatsächlich um die seinige handelte, denn ein dunkelbraunes Exemplar mit schmalen Griff ruhte noch neben dem weinroten Sofa – abgängig waren, und stürmte getrieben von Sorge um Beauté wie Aufbewahrungsbehältnis gleichermaßen zum Ausgang, wo das sonderbare Maß der Stiegen abermals Tribut forderte, sprich eine übersehene Kante ein gewisses Ungleichgewicht des Schwerpunkts zur Folge hatte, das zuerst die Arme zum Rudern, dann den Körper zum Rollen brachte. Als der deutsche Physiker bei der Tür am Boden liegend zum Stehen kam, öffnete er vorsichtig seine Augen und blickte in das Gesicht des greisen Billeteurs, der wiederum mit den seinigen auf ihn hinabschaute, begleitet von leisem Nuscheln, das, wenn die diffusen Lautmalereien tatsächliche, verständliche Wörter gewesen wären, wohl teilnehmenden oder gar mitfühlenden Charakter gehabt hätte, so aber ungemein belanglos wirkte. Müller rappelte sich auf, missachtete aber seine verrutschte Krawatte, sondern stürzte ins Freie, wo er sich, da die entschwundene Schönheit nicht unter den Bäumen des Volksgartens wartete, zur Ringstraße hin orientierte, auf deren Trottoir sich sogar ganze Menschenaufläufe, aber keine Dame mit den Händen einer morgenländischen Prinzessin fand.

Die Straßenbahn ist abgefahren, die zauberische Beauté ebenfalls.

Nachdem er seinen Bick erfolglos durch die pittoreske Szenerie schweifen gelassen hatte, betrat er, um durch die zurückgebliebene, braune Aktentasche Hinweise oder gar eine Adresse zu erlangen, das Kassenfoyer des Burgtheaters, indem er sich zuerst gegen die Tür warf, dann an ihrem Griff zog, doch sein Aufstieg in den dritten Rang endete schon auf Höhe des Parterres, als sich ihm eine Billeteuse von zierlichem Wuchs in den Weg stellte und bat: »Würden Sie mir bitte Ihre Karte zeigen?« Eilig suchte er in seinen Taschen, bis ihm wieder gewahr wurde, dass die Billet beherbergende Tasche wohl außerhalb des Theaters, aber sicherlich nicht in seiner Hand befand, dann stotterte er: »Die habe ich leider nicht bei mir.« »Aber ich muss hinein, um an meine Eintrittskarte zu kommen.« »Schauen Sie, ich kann Ihnen anbieten, dass ich Sie in der Pause hineinbegleite, aber bis dahin müssen Sie hier warten«, erläuterte die junge Frau. Doch Müller hatte nicht die Zeit auf die Pause zu warten, oder hatte sie vielleicht schon, denn eigentlich wusste er nicht, wann die Unterbrechung beginnen würde, dennoch wollte er sich Fortuna nicht auf Gedeih und Verderb ausliefern, sondern selbst die Zügel in der Hand behalten, hatte ihm Horsecock doch erzählt, dass das Verschenken von Karten illegal sei, was nach Möglichkeit nicht Thema dieses Gesprächs werden sollte: »Es ist dringend. Ich muss nur rasch in die Loge, eine Aktentasche holen.« »Ich kann jemanden bitten, sie für Sie zu holen. Welche Loge?« »Das weiß ich nicht mehr, aber sie ist auf den Namen Horsecock reserviert.« »Wie bitte?« »Horsecock. Der Name ist Horsecock.« Das freundliche Lächeln der zierlichen Frau erstarb. Sie erklärte mir kühler Stimme: »Ich kann nicht nachschauen, wer welche Plätze reserviert hat.« Doch den sorgenkranken und schönheitstrunkenen Physiker, dem diese Posse Realität war, hatten die ergreifenden Ereignisse blind gemacht, weshalb er einem Fiakerpferd mit ledernen Scheuklappen gleich nur stur seinen Weg im Auge behielt, sprich nicht beachtete, ob seine Worte keine Taten, jedoch Zweifel folgen ließen, sondern seiner Rolle treu blieb und drängte: »Es gibt sicherlich jemanden hier, der das weiß. Könnten Sie diese Person bitte kontaktieren und fragen, welche Loge Horsecock reservierte? Bitte, es ist dringend. Ich verlange auch nicht viel, Sie sollen bloß fragen, wo Horsecock sitzt.« »Ich soll also fragen, wo Horsecock sitzt?« »Genau. Falls ich mich nicht irre, ist es die letzte Loge ganz oben ganz hinten, aber ich glaube, sie heißt anders.« »Die letzte Loge ganz hinten?« »Genau!« »Einem glücklichen Zufall zum Dank weiß ich, dass diese Loge einer gewissen Miss Chickenpussy zugeteilt wurde.« »Ein Name so schön wie ihr Gesicht», nuschelte Müller verträumt, dann wandte er sich erleichtert an die Billeteuse: »Wunderbar! Haben Sie vielleicht die Telefonnummer dieser liebreizenden Dame? Sie hat nämlich versehentlich meine Aktentasche mitgenommen. Ich will nicht unhöflich sein, aber die Menschen in Wien tragen ungewöhnliche Namen.« »Sie sollten erst meinen hören. Ich heiße: Lecken Sie mich am Arsch.« »Das ist in der Tat exotisch und doch so vertraut. Stammt Ihre Familie vielleicht aus Polen?« »Ich weiß nicht, was Ihr Problem ist, aber eine Billeteuse ist nicht dafür zuständig. Ich muss Sie bitten, das Gebäude zu verlassen.« 

Nachdrücklich erläuterte die Billeteuse, dass das Kassenfoyer nicht zu den aktuellen Spielstätten des Burgtheaters zählt.

»Aber Fräulein Leckensiemichamarsch«, stammelte Müller, der die Welt nicht mehr verstand. Er hatte schon den Namen der Beauté, die seine Tasche versehentlich mitgenommen hatte, und war nur einen Anruf davon entfernt, das Missverständnis aufzuklären, dadurch vielleicht sogar das Verhältnis zur Schönheit zur vertiefen, doch die störrische Billeteuse sperrte sich, vielleicht aus Narretei, vielleicht aus Eifersucht, bestärkte ihren Widerstand durch eine erneute Aufforderung: »Wir haben alle gelacht, aber die Komödie wird auf der Bühne und nicht im Kassenfoyer inszeniert. Verlassen Sie also das Gebäude oder ich sehe mich gezwungen, die Polizei anzurufen.« »Wissen Sie was? Ich gehe selbst zur Polizei. Ich wollte die Sache Frau Chickenpussy zuliebe nicht an die große Glocke hängen, aber Sie lassen mir keine andere Wahl, Judas Leckensiemichamarsch«, drohte der Ostfriese, wobei er seinen Zeigefinger wider die junge Frau richtete. Dann stürmte er, in dem er zuerst am Griff zog und dann gegen die Tür drückte, hinaus in die [[Diverses:|Nacht]], um von dort in sein Hotel zu gelangen, wo er sich die ersehnte Hilfe erwartete, aber dieser Weg fand schon vor den Toren des Palais‘ Lichtenstein ein Ende, als er jener Dame begegnete, die ihm Tasche wir Herz genommen hatte. Nur war sie nicht allein, sondern in Begleitung eines Mannes. Er war groß, schon fast riesenhaft in seiner Statur, in seiner Erscheinung aber weder erhaben noch stolz, vielmehr verlieh ihm sein kleiner Buckel ein linkisches, fast schon verschlagenes Auftreten. Im Gesicht fand sich an Stelle einer Nase ein tuberkulöses Gesichtserkergeschwür, dessen wohl mehrfach gebrochener Rücken mehr Höcker als ein Kamel hatte und zwischen zwei dumm gaffenden Rindsaugen wurzelte, die so weit auseinanderlagen, dass es zweifelhaft war, überhaupt von einem Paar sprechen zu dürfen. Dieser deformierte Luftansaugschlauch, dem im Vergleich wohl eher ein Pelikan- als ein Adlerschnabel gerecht geworden wäre, mündete in einem großen, weiten Mund, dessen schwülstigen, blutroten Lippen der Traum jedes Bajazzos waren. Die fleckige Haut, welche das Gesicht bespannte, schuppte dort, wo sie der ungepflegte Bart und die buschigen Augenbrauen nicht verdeckten. Kurzum: Dieser Mann war hässlich, ohne dass seine Hässlichkeit ästhetische Qualität oder gar Bühnentauglichkeit besessen hätte, vielmehr hätte sich eine weniger involvierte Person gedacht, dass sie selten einen so schiachen Menschen auf den Straßen Wiens gesehen habe, hob der Frack, den der unbekannte Mann trug, doch die Ridikülität, die schon von der Natur in seine Züge gelegt worden war, nochmals hervor. Irritiert hielt Müller, der sich nicht sicher war, ob er eine Neuinszenierung des Zeichentrickfilmklassikers „Die Schöne und das Biest“ sah, inne, doch ehe er das Moment der Überraschung überwinden konnte, um durch das Entwirren aller Missverständnisse allgemeine Sympathie zu heischen, fragte die Beauté unterstrichen von Zeigefingerdolchstößen: »Wo ist das Rezept?« Der deutsche Physiker glotze dumm. »Wir wiederholen uns äußerst ungern. Wo ist das Rezept?« »Welches Rezept? Sie haben meine Aktentasche,« stammelte er. Sie wiederum verschärfte den Ton: »Das Rezept für das lodernde Eis.« »Loderndes Eis?« »Wenn wir ein Echo hätten haben wollen, wären wir ins Gesäuse gefahren. Da wir aber das Rezept für das lodernde Eis wünschen, wandten wir uns an Monsieur Horsecock.« »Horsecock? Da scheint ein Missverständnis vorzuliegen. Ich bin nicht Horsecock.« »Er gebe sich nicht retardiert, sonst tragen wir Sorge dafür, dass er es in Zukunft wirklich sein wird. Jesus, man übe etwas Druck aus.« Der hässliche Hühne ließ seine Pranke im Frack verschwinden, dann zog er einen Revolver. Müller quickte wie ein angesengtes Hausschwein, besaß aber die Geistesgegenwart in ausschweifender Gäste seine Hände gen Burgtheater zu winken, um dann, als vier Augen folgten, in die entgegengesetzte Richtung zu laufen und zwar um sein Leben, in der Hoffnung dieser Weg führe in Sicherheit und nicht zu einem Bestatter. Nur wo er diese, in der fremden Stadt finden könne, wusste der deutsche Physiker nicht und so rutschte er in seinen Kunstlederoxfordschuhen über die Pflastersteine am Minoritenplatz, stieß mit drei Passanten in der Herrengasse zusammen, dann stürzte er sogar noch am Michaelerplatz über die Motorhaube eines im Parkverbot stehenden Maserati 3500GT, weshalb es ihm erfolgsversprechender erschien, nicht zur Sicherheit zu kommen, sondern in einem geeigneten Versteck auf sie zu warten, sprich Müller rappelte sich auf und schlich durch den Eingang der Michaelerkirche, um zwischen Heiligenstatuen sowie Kirchenbänken Asyl zu finden.

Während seiner Flucht vor der martialischen Schönheit schenkte Müller dem schlichten, aber architekturhistorisch bedeutsamen Looshaus (links) am Michealerplatz sträflicherweise keine Beachtung.
Das hohe, weiß geputzte Schiff war dunkler, auch leerer als der Platz vor der klassizistischen Westfassade des Gotteshauses. Nur wenige, vom gotischen Deckengewölbe hängende Lampen, deren schwacher Schein Staub und Dunst der weihrauchgeschwängerten Luft zeigte, spendeten Licht in diesem toten Wald aus Säulen und Altären, durch den die aufgeregten Schritte des schutzsuchenden Physikers hallten, untermalt von den ersten Takten aus Mozarts großer Messe in C-Moll, die aus den billigen Lautsprechern hinter dem Hochaltar tönte. Plötzlich sah Müller einen großgewachsenen Mann im dunkelbraunen Anzug, der versuchte mit einem Opferlicht eine Cigarre anzuzünden, und erschrak darob so sehr, dass er zwei Schritte zurückwich und dabei gegen einen hölzernen Sessel stieß, welcher gemeinsam mit dem Ostfriesen unter aufsehenerregendem Fracas zu Boden stürzte. Einige Augenblicke lag Müller benommen am Boden, dann erinnerte er sich, dass ihn eine streitsüchtige Schönheit mit revolverschwingendem Bastard verfolgte, und stand energisch auf, um nach Augenblicken des trunkenen Schwindels gemeinsam mit zwei weiteren Sesseln gestürzt durch die Schwerkraft auf den harten Stein hinabzusinken, dessen kalte Umarmung weder Trost noch Geborgenheit spendete. Durch einen Nebel aus dumpfen Schmerzen getrübt bemerkte er, wie der großgewachsene Mann im dunkelbraunen Anzug neben ihm Platz nahm, die Spitze seiner Cigarre über ein Opferlicht hielt und dann, nachdem er dieses weggeschmissen hatte, sprach: »Ich bin keiner dieser geweihten Kinderficker, also ist es mir wurscht, wenn du hier die beschissene Einrichtung zerlegst, aber draußen steht mein Maserati im verfickten Parkverbot. Am besten machst du also schnell, damit ich in den Wagen steigen und zu deiner unbefriedigten Schlampe fahren kann, um es ihr richtig zu besorgen. Dann ist der Scheiß erledigt und du kannst weiter die Maria anbrunzen oder was auch immer ein perverses Schwein wie du geil findet.« Als keine Antwort, sondern Schweigen folgte, zog der Unbekannte an seiner Cigarre und fuhr dann fort: »Wenn ich keine Antwort will, gehe ich in irgendeinen Puff am Gürtel, wo die Nutten kein Deutsch können, weil man sie als Putzfrau aus Rumänien geholt hat.« Hektisch sah sich Müller nach einem Fluchtweg um, als ihm eine unscheinbare, kleine Eisentür am Beginn des linken Seitenchores auffiel. Eilig rappelte er sich auf, doch in seinem Kopf schien sich alles zu drehen, als hätte man das nördliche Seitenschiff mit weichen Matratzen gepflastert, sodass er unsanft mit einer steinernen Säule kollidierte, die sich ihm dreist in den Weg gestellt hatte, um wenige Schritte später vom Mann im dunkelbraunen Anzug gegen eine Betbank geschleudert zu werden, die vor einer Skulpturengruppe stand, welche die Grablegung Christi zeigte. »Ich habe keine Zeit für diesen Scheiß, Horsecock. Mein Maserati steht im beschissenen Parkverbot. Du sagt Dirty Mike jetzt, welches Arschloch das lodernde Eis herstellt und wo ich diese Missgeburt finde, oder deine verhurte Mutter kann dich morgen als Faschiertes beim Billa verkaufen.« »Ich habe es schon versucht, Frau Chickenpussy klar zu machen. Hier liegt ein Missverständnis vor. Ich bin nicht Horsecock. Mein Name ist Peter Müller.« »Willst du mich verarschen? Willst du Dirty Mike verarschen? Wenn du mich verarscht, nehme ich einen Sessel und schiebe ihn dir so tief in den Arsch, dass du keinen Arsch mehr haben wirst, um mich zu verarschen.« 
Mann links: »Erst der dürre Wanderprediger, dann der Trottel im schiachen Anzug. Immer muss man malochen, selbst für die Toten.«

Müller starrte Dirty Mike einige Augenblicke lang konsterniert an, blickte für wenige Sekunden schreckensvoll in das grobe Gesicht, in dessen breitem Kiefer und buschigen Augenbrauen sich bedrohliche Züge archaischer Männlichkeit zu manifestieren schienen, die den Versuch der rektalen Einführung trotz physischer Unmöglichkeit durchaus plausibel wirken ließen, dann stammelte er: »Bitte nicht. Es tut schon weh, wenn ich Verstopfung habe. Ich weiß nicht, wer Sie sind oder was Sie wollen, aber wie sind zwei vernünftige Menschen, die-« Doch der deutsche Physiker wurde unterbrochen, als eine ihm mittlerweile wohlbekannte Frauenstimme das Wort ergriff: »Das ist ein kurioser Humor, den er hat, Monsieur Horsecock, aber wir werden uns später mit ihm befassen. Zuvörderst ist es uns eine Freude, endlich Dirty Mike kennen lernen zu dürfen. Er unterlasse es aber bitte vor lauter Glückseligkeit um sich zu schießen, denn – wie er sicherlich schon bemerkt haben wird – ist ein Revolver auf ihn gerichtet.« Dirty Mike zog bedächtig an seiner Cigarre, dann nahm er mit spöttischer Feierlichkeit seinen dunkelgrauen Filzfedora vom Kopf, während er im zwang- und belanglosen Plauderton erwiderte: »Habe die Ehre. Wäre das gnädige Fräulein so freundlich und würde mir den werten Namen verraten, damit ich weiß, welche Schlampe ich heute Nacht ficken werde?« »Fräulein Fanferlüsch« »Migrantin zweiter Generation oder ist das Kopftuch beim Waschen eingegangen? Ist ja wurscht, du bist es so oder so gewohnt, eins auf die Goschn zu kriegen. Was ist mit Quasimodo dort drüben? Ist der verfickte Circus in der Stadt?« »Jesus überzeugt Menschen, denen unserer Argumentation im ersten Augenblick nicht vernünftig zu sein scheint. Wir finden, dass es jeglichem Akt der Brutalität an Eleganz fehlt, aber Jesus hat eine infantile Freude daran Schmerzen zuzufügen.« »Da muss mir wohl die verdammte Bibelstelle entfallen sein, in der steht: Wer seinen Nächsten auf die eine Wange schlägt, soll ihn auch auf die andere Wange schlagen.« »Der Name Chuck Norris stand im Raum, aber wir wollten uns nicht den Zorn einer höheren Macht zuziehen.« »Ein depperter Chuck-Norris-Witz. Ein depperter Chuck-Norris-Witz! Ich pack`s nicht mehr. Draußen steht mein Maserati im verfickten Parkverbot und ich steh hier dalkert rum wie ein steifer Beidl bei einer Bordellrazzia, weil mir eine geile Schlampe verfickte Chuck-Norris-Witze erzählt.« »Wir sind ihm in dieser Sache auch zu Dank verpflichtet, denn hätte er seinen auffälligen, italienischen Sportwagen nicht widerrechtlich vor der Kirche abgestellt, hätten wir diese vermutlich nicht betreten. Er soll sich nicht grämen, mit Rücksicht auf seine Unterstützung würden wir die Kosten der Organstrafverfügung übernehmen, wenn er sich nun kooperativ zeigt.« »Kann man dieser verfickten Gorillainzuchtschwuchtel ein Plastiksackerl über den Schädel ziehen? Bei dem schiachen Gfries wird einem ja schlecht.« Dirty Mike spuckte auf den Boden. Jesus verzog sein Gesicht, was ihm bei der linken Hälfte besser gelang als bei der rechten, deren eigentümlich entspannte Züge mehr an ein debiles Grinsen denn an eine bedrohliche Zornesregung gemahnten, dann, nachdem sich etwas Geifer in seinem rechten Mundwinkel gesammelt hatte, machte er einen Schritt nach vorne, schritt mit breiten Schultern und Schlaganfallsfratze auf den Mann im dunkelbraunen Anzug mit der schwarzen Krawatte zu, doch bevor er sich nähern konnte, hieß ihn Fräulein Fanferlüsch mit einer dezenten, aber bestimmt ausgeführten Geste stehen zu bleiben. »Wenn er weiterhin seine humoristisch fragwürdigen Bonmots zum Besten gibt, traktieren wir mit Freuden sein Gesicht so lange mit einem Fleischermesser, bis er nicht mehr in den Spiegel schauen kann, weil selbst das Silber schwarz vor Scham wird. Warum interessiert er sich für das lodernde Eis? Er antworte kurz und auf die Frage.« »Mein verfickte Kühlschrank ist kaputt und ich will nicht, dass mein Steak ein beschissenes Asylantenheim für Fliegen wird.« »Wir schätzen es nicht, wenn man sich in unsere Angelegenheiten einmischt. Er erkläre uns jetzt glaubwürdig, warum er kein Interesse am lodernden Eis hat oder wie erklären ihm überzeugend, warum er kein Interesse am lodernden Eis haben will.« »Willst du mir jetzt einen blasen, damit ich die verfickte Scheiße mache, die du von mir verlangst? Du kannst mir gerne einen blasen, aber Dirty Mike macht, was Dirty Mike will. Ich bin kein verdammter Stiefellecker wie Horsecock und erst recht kein verficktes Schoßhündchen wie dieser Gesichtshitler mit der Kamelnase.« »Jesus, er überzeuge ihn.« Stumm und starr vor Schreck beobachtete Müller, der fürchtete als zweite Leiche neben Christus in der Skulpturengruppe hinter ihm zu enden, das verbale Kräftemessen, hoffte, dass beide Konfliktparteien sich als Folge der allgemeinen Spannung in einem Strom gewaltsamer Ereignisse gegenseitig umbrachten, denn weder in den Armen von Fräulein Fanferlüsch noch in Dirty Mikes Händen schien eine rosige Zukunft zu liegen. So sah er auch mit Erleichterung wie sich der hässliche Hüne dem Mann im dunkelbraunen Anzug näherte, doch dieser schnippte jenem die Cigarre ins Gesicht. Jesus wich zurück, zischte durch die speichelbenetzten Lippen, sodass sich feiner Schaum vor dem Mund bildete. Dirty Mike schlug zu. Der Revolver fiel zu Boden. Müller glaubte im Dunkel des Kirchenschiffs die Umrisse einer Machete erkennen zu können. Plötzlich fiel ein Schuss. Metall klirrte, als es auf den Steinboden prallte. Das Gerangel endete schlagartig. Fräulein Fanferlüsch hielt eine kleine Pistole in der Hand und deutete ihrem Handlanger den Revolver aufzuheben, dann sprach sie: »Wir waren geduldig, haben ihm ein generöses Angebot zur Kooperation unterbreitet und erhielten dafür nur Spott. Jetzt lohnen wir Undankbarkeit, wie man sie lohnen sollte.« »Mit einem verdammten Schießeisen in der Hand kann jeder große Töne spuken. Ich hasse verfickte Schwindler. Betrügerpack!« schrie Dirty Mike, dann sank er ohnmächtig zu Boden, als ihn der von Jesus geführte Revolverkolben am Kopf traf.

Keiner der Beteiligten schenkte dem barocken Hochaltar aus dem 17. Jahrhundert, der von irgendeinem Franzosen entworfen wurde, Beachtung.

Mit blankem Entsetzen untermalt durch eine grotesk-musikalische Melange aus Schrei und Keuchen sah Müller wie der stolze Körper einem leeren Jutesack gleich in sich zusammenfiel. Die letzten, unschuldsschwangeren Hoffnungen, dass alle großen Drohungen letztendlich nur martialische, aber folgenlose Posse wären, fuhren dahin, gingen in dichter Angst auf und ließen dabei einen desperaten Mann einsam und verlassen zurück, der sich getrieben vom Strom seiner reißenden Verzweifung umwandte und über die prophetisch drohende Skulpturengruppe aus Gips hinweg zum Bilde Marias mit dem Neugeborenen hinaufsah: »Erbarme dich meiner.« »Römerbrief, Kapitel eins, Vers 23 und 28: Sie vertauschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes mit Bildern, die einen vergänglichen Menschen darstellen. Und da sie sich weigerten, Gott anzuerkennen, lieferte Gott sie einem verworrenen Denken aus, sodass sie tun, was sich nicht gehört.« »Das ist alles nur ein riesiges Missverständnis. Ich bin nicht Horsecock. Ich schwöre bei Gott, dass ich nicht Horsecock bin. Ich bitte Sie, meinen Worten Glauben zu schenken, so wie es Jesus tun würde; also der richtige Jesus und nicht Ihrer.« »Wir gehören nicht zu diesen Götzendienern, sondern wissen, dass Mammon der einzig wahre Gott der Menschen ist, haben Kenntnis von der Bedeutungslosigkeit des Einzelnen. Aber wir sind nicht hier, [[|Diverses:Philosophers Club|um mit ihm über Theologie zu debattieren]], obschon er mit dieser Kirche einen vortrefflichen Ort dafür gewählt hat. Stattdessen interessiert uns, wo sich das Rezept für das lodernde Eis befindet.« »Ich weiß es nicht. Ich weiß weder, was loderndes Eis ist, noch wie man es herstellt.« »Wenn man hört, was er alles nicht weiß, und wer er aller nicht ist, könnte man meinen, seine Mutter sei ein Negationspartikel gewesen. Nun hat er gesehen, dass unsere Drohungen mehr als façon de parler sind. Möchte er also mit Rücksicht auf seine fragile Gesundheit vielleicht seine familiären Bande verleugnen und uns die Information geben, für die wir ihn entlohnt haben?« »Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Weder habe ich das Rezept für das lodernde Eis, noch habe ich Geld entgegengenommen als Lohn für irgendetwas. Ich bin ja arbeitslos. Das ist alles ein riesiges Missverständnis.« »Es handelt sich tatsächlich um ein Missverständnis, wenn er glaubt, seine Lügen könnten uns täuschen. Wir haben Monsieur Horsecock beauftragt uns das Rezept zu bringen. Nun wird er uns dieses liefern oder erläutern, warum er gescheitert ist und die Konsequenzen tragen.« »Ich bitte Sie, hören Sie mich an.« »Wir werden ihn anhören, aber an einem Ort, wo man uns nicht stören wird. Am Ende wird er singen, auch wenn wir ihn nicht auf die Bühne der Wiener Staatsoper, sondern durch ein Meer von Qualen geschickt haben werden. Er wird uns folgen und schweigen, bis wir wieder eine Frage an ihn richten,« befahl Fräulein Fanferlüsch barsch, dann wandte sie sich um und schritt ohne Hast und Eile dem Ausgang entgegen. Müller, der verzweifelt nach Worten suchte, spürte wie sich Jesus‘ Finger einer Fessel gleich um sein Handgelenk schlossen, wie sie unnachgiebig, ohne ein Zeichen der Schwäche zogen, bis er wieder auf den Beinen stand und der Dame folgte. Diese kümmerliche Karawane, in deren Mitte ein als Melkkuh missverstandener Mensch wandelte, querte den Michaelerplatz, schlich die Schauffergasse entlang, zog an der ehemaligen Hof- und Staatskanzlei vorbei, ehe sie in der Löwelstraße unweit des Palais Lichtenstein, wo die Jagd ihren Anfang genommen hatte, in einen roten Alfa Romeo 156 stieg. Hierbei kam es zu einem kleinen Tumult, weil der deutsche Physiker den in der Dachsäule versteckten Griff der Hintertür übersah und sich daher anschickte in suspekter Unterwürfigkeit am Beifahrersitz Platz zu nehmen, was Jesus durch einen unangekündigten und wohlgesetzten Schlag auf rechte Niere zu unterbinden wusste, ehe Fräulein Fanferlüsch den schmerzgekrümmten Störenfried ohne große Motivation unterwies, wie man eine Autotür öffnet. Es war ein verzweifelter Mann, der sich auf die Rückbank setzte, den der grobgesichtige Hüne mit grotesker Zärtlichkeit anschnallte. Schweiß perlte auf seiner Stirn, trat aus seinen Wangen, quoll aus seinem Halse, um der Schwerkraft gemäß zu fließen, sich zu kleinen Bächen zu sammeln, vereinzelt sogar zu großen Strömen zu binden, welche dann im Stoff der Kleidung versickerten. Nur wenige Tropfen, die auf Ohrläppchen und Fingerspitzen wuchsen entgingen diesem Schicksal, fielen auf den Lederbezug der Sitzfläche, wo sie unter leisem Geräusch zerbarsten. Für dieses kümmerliche Naturschauspiel, das auf obszöne Weise mit dem Wolkentod in den Nebelwäldern verschwägert schien, hatte Müller keine Aufmerksamkeit. Es war ihm simpel nicht bewusst; so wie seine Augen dumpf aus dem Fenster starrten, er aber weder die schwache Reflexion seines bleichen Gesichts noch die vorbeiziehenden Straßen und Plätze sah. Vergangenheit und Zukunft drängten und drückten, ließen der Gegenwart keinen Raum, raubten dem Moment seine schöpferische Kraft. Was hatte er getan, um das zu verdienen, von dem er nicht wusste, was es sein würde? Was würde er tun müssen, um die Fehler auszumerzen, die er nicht wissentlich begangen hatte? Gewesene Stunden warben mit Deutungsmacht. Kommende Zeiten lockten mit Phantasievollzug. Der gegenwärtige Augenblick jedoch bot bloße Ohnmacht. Der deutsche Physiker, dessen furchtbedrängte Imagination tausende Kulissen aus dem Staub ihrer Vorgänger formte, um sie nach ihrem Einsturz zum Fundament der Nachfolger zu machen, ent- und verwarf Scenarien im Sekundentakt, ließ sich vor dem sicheren Tode retten, damit er in nächsten Augenblick um die Erlösung gebracht werden konnte. Bilder manifestierten sich, lösten sich auf, flossen ineinander, gezwungen in eine heterogene Einheit. Heroisch begrüßte Müller den Tod aus den Händen seiner schöngesichtigen, aber kaltherzigen Peinigerin, nur um Augenblicke später von ihrer übermenschlichen Gnade und Güte innerlichst berührt tränenreich den Kopf zu beugen. Die angsterhitzte Brust, deren Zittern und Pochen dem unbedachtsamen Beobachter durch das verschwitzte Hemd verborgen blieb, war dem furchttrunkenen Kopf, dessen verquollene Haut sich je nach Stelle wächsern-bleich oder kränklich-rot zeigte, bei dieser inzestuösen Geschwisterfickerei eifrig zu Willen, deren retardierte Ausgeburten nach Momenten des Übermuts an ihrer Tollheit krepierten, um vom nächsten Sprössling dieser schändlichen Liaison abgelöst zu werden. Einer dieser abersinnigen Bankerte säuselte Müller ins Ohr, dass Gott zu seiner Rettung käme, wenn er oft genug das Vater Unser aufsägte, aber als diesem die vierte Zeile des Gebets nicht einfiel, was ob des kläglichen Versagens vor dem Tode einige Tränen fließen ließ, stand schon die nächste Sinnentleertheit parat, die Erlösung nicht in den Armen des Allmächtigen, sondern der anfangs milden, später wollüstigen Fanferlüsch prophezeite. Oftmals spendierte die jüngste Vergangenheit, die man mit generöser Nachlässigkeit ausdeutete, den Rahmen der abenteuerlichen Überlegungen, gestatte freimütig die Inszenierung einer Verschwörung, erlaubte großzügig das Schmieden von Liebesränken. Selbst Dirty Mike durfte gestärkt durch die Kraft der Imagination, gewandelt durch die Macht der Phantasie mit einer Meldung bei der Polizei das gute Ende herbeiführen. Dieser Reigen an ridikülen Szenarien fand ein abruptes Ende, als Jesus den Gefangenen aus der Rückbank hob und in den Keller einer Villa aus der Zeit der Jahrhundertwende brachte, wo er ihn mit wenigen gekonnten Handgriffen an einen Holzsessel fesselte.

In einem besonders absurden Scenario gelingt Müller (verkörpert durch Cary Grant) nach monatelanger Gefangenschaft in einer Wüstenbasis die spektakuläre Flucht.

Es war ein großer Raum mit holzverkleideter Kassettendecke, in deren Zentrum sich, umrandet von Ölbildern spärlich bekleideter Tänzerinnen, die stuckgeschmückte Aufhängung des prächtigen Lusters fand, der unterstützt von vier Kandelabern indischen Gepräges, die in den Ecken standen, Licht spendete. Karminrote Seidentapete mit aus Goldfäden gefertigten orientalischen Ornamenten ornierte die hohen Wände, die den abgewetzten Parkettboden begrenzten, auf dem zusätzlich zum Holzsessel noch zwei weitere Möbelstücke – ein beiger Divan sowie eine Kommode im Empirestil – etwas abseits standen. Nach einigen Minuten des Wartens trat Fräulein Fanferlüsch ein, stellte sich hinter Müller und begann: »Er hat uns einige Unannehmlichkeiten bereitet, Monsieur Horsecock. Nicht genug, dass er sein Wort nicht hielt, er nahm auch unser Geld an sich und gab uns im Tausch dafür nichts als Lügen. Wir müssen ihn bestrafen, denn er war böse. Aber nach der Strafe wird er erkannt haben, dass er falsch lag und er darf sich rehabilitieren, indem er uns danach alles verrät, was er über das lodernde Eis weiß. Meistens sitzen Männer – seltener auch Frauen – auf diesem Sessel, die viel auf Ehre halten und glauben, dass das stoische Ertragen von körperlichen Qualen dieser zuträglich sei, weshalb wir sie bei einem Akt ihrer Erniedrigung filmen und dann drohen das Material publik zu machen. Als sehr effektiv hat sich ein Procedere herausgestellt, in dessen Verlauf Jesus die Betroffenen durch einen in die Harnröhre eingeführten Schlauch zum Orgasmus bringt. Aus einem uns unverständlichen Grund legt dieser Menschenschlag, der sonst keine Skrupel kennt, eine sonderbare Form der Prüderie an den Tag. Aber da Monsieur Horsecock sich nicht sonderlich um das Bild seiner Männlichkeit zu kümmern scheint, verzichten wir auf den Schlauch, denn das gibt immer eine unschöne Sauerei. Stattdessen soll ihm Jesus die Nägel der linken Hand ziehen. Er hole mich dann einfach, wenn er fertig ist. Möchte man uns vielleicht etwas sagen, ehe wir den Raum verlassen?« Müller hatte tausend Antworten im Sinn, doch nur Schluchzen drang aus seiner Kehle, Tränen füllten seine Augen. Während der hässliche Hüne in der Kommode das geeignete Werkzeug suchte, schritt Fräulein Fanferlüsch zum Ausgang, als eine junge Blondine von zierlichem Wuchs mit leichtem Überbiss und haselnussbraunen Augen den Raum betrat: »Fräulein Fanferlüsch, Horsecock ist hier und möchte mit Ihnen reden.« »Er hat es gerade abgelehnt.« »Fräulein Fanferlüsch, Horsecock wartet noch im Salon darauf, vorgelassen zu werden.« »Questo è assurdo! Zwei Horsecocks aber kein Rezept. Umgekehrt wäre es uns lieber. Sie schicke ihn runter, damit er das Ganze aufklären kann.« Die junge Frau beeilte sich dem Befehl Folge zu leisten. »Wir müssen uns wohl bei ihm entschuldigen. Da ist uns ein Fehler unterlaufen.« Mit diesen Worten kommentierte Fanferlüsch lakonisch den überraschenden Wandel der Ereignisse, dann gab sie Jesus durch eine Zeichen zu verstehen, dass er sich zu ihr stellen solle. Der deutsche Physiker nahm all dies schweigend zu Kenntnis, wusste nicht, was er sagen sollte, suchte nach einer passenden Antwort, doch bevor diese noch gefunden war, trat Horsecock schon durch die Tür und begann augenblicklich sowie ungefragt seine Rede: »Das ist echt crazy shit. Ich habe mir gedacht, das Ding wäre mit links gedreht, also habe ich einmal voll gechillt und es dieser geilen Schlampe aus Hernals besorgt. Maria heißt die Puppe, glaube ich. Die bläst wie ein Industriestaubsauger. Wenn man da noch vorher Gras-« Die Beauté schnitt ihm das Wort ab: »Er erspare uns die Radotage.« »Was?« »Sein Geschwätz interessiert uns nicht. Ist er Horsecock?« »Natürlich bin ich Horsecock. Oder muss ich jetzt die Hose runterlassen, damit Sie mir glauben?« »Warum ist dann nicht er, sondern der rotkopferte Mensch dort drüben am Treffpunkt erschienen?« »Weil ich mehr Zeit gebraucht habe. Ich dachte, das wäre alles easy cheesy, einfacher als würde man einem Baby den Schlecker klauen, aber der Josef wollte mir das Rezept nicht geben. Der hat irgendeinen Scheiß dahergeredet, dass das Zeug zu gut gehen würde, und dass wir keine echten Freunde wären. Was für ein Arschloch. Zum Glück habe ich seine Alte vor ein paar Monaten gefickt. Die ist jetzt nicht gerade Gene Tierney, aber die Titten sind nicht-« »Das Rezept, Monsieur Horsecock.« »Auf jeden Fall habe ich ihr gedroht, das Ganze dem Josef, diesem Hurensohn, zu erzählen, wenn sie mir nicht hilft. Ich weiß nicht, was der Josef an diesem Miststück findet. Schlau ist sie auch nicht. Erst heute Abend ruft sie mich an und sagt mir, dass sie mich in sein Büro lassen könnte, wenn er nicht da ist. Also habe ich meinen Arsch gleich hierher bewegt, denn vielleicht wollen Sie ja mehr als bloß das Rezept.« »Was hat dieser Mann, der jetzt gefesselt in unserem Keller sitzt, mit seinen Problemen zu tun?« »Ich konnte ja schlecht mit leeren Händen zum Treffpunkt kommen. Da habe ich diesen Spasten im Café Central gesehen und ihm einfach die Karten geschenkt. Ich habe mir gedacht, wenn seine Eier im Ofen hängen, werden meine nicht gegrillt. Und es hat funktioniert. Wie sieht’s aus? Nur das Rezept oder mehr?« »Wir werden mit ihm reden, aber vorher müssen wir uns noch einer anderen Sache annehmen,« erläuterte Fanferlüsch, dann gab sie Horsecock durch eine herrische Handbewegung zu verstehen, dass das Gespräch beendet sei.

Die Maskerade findet ein Ende. Der Bauer wird geopfert.

Nachdem dieser den Raum verlassen hatte, fällte die Beauté ihr Urteil: »Jesus, er erschieße diesen Mann.« »Das können Sie nicht tun,« schrie Müller in Panik. »Ich bin unschuldig und habe Ihnen die ganze Zeit die Wahrheit erzählt. Sie können mich nicht einfach töten.« »Der Mensch ist klein, eine Ameise. Keine moralische Schuld, sondern nur Unglück bei der Wahl von Ort und Zeit führen ihn unter Riesenstiefel.« »Was?« »Wir lassen ihn nicht aus moralischen Gründen erschießen.« »Weshalb dann? Man kann sicher darüber reden. Es gibt ohne Zweifel eine andere Lösung als meinen Tod« »Hat er Brechts Theaterstück ‚Mutter Courage und ihre Kinder‘ gesehen?« »Nein, ich habe mir nie viel aus Theater gemacht. Aber wenn das der Punkt ist, gehe ich öfter ins Theater. Gleich morgen kaufe ich mir Karten.« »Er sei nicht albern. Hat er ‚Der Alpenkönig und der Menschenfeind‘ gesehen?« »Nein.« »Der böse Geist Lumpazivagabundus?« »Nein.« »Hamlet?« »Nein.« »Sapperment! Man ist ernstlich in Sorge, dass dieser Schädel implodiert, wenn man eine Kugel hineinschießt.« »Auch das Stück habe ich nicht gesehen, aber deshalb muss man doch niemanden umbringen. Sie schreiben mir einfach eine Liste und ich werde das nachholen. Versprochen. Indianerehrenwort.« »Für diese Narrheiten haben wir keine Zeit. Jesus, er erschieße diesen Bajazzo,« befahl Fräulein Fanferlüsch entnervt und wandte sich ab, um den Raum zu verlassen, doch Müller schrie ihr nach: »Keine Entschuldigung? Keine großen Worte des Abschieds?« Die Beauté antwortete, ehe sie die Tür hinter sich schloss: »La commedia è finita!« »Was heißt das? Ich spreche doch kein Spanisch.« Es sollten Peter Müllers letzte Worte bleiben, denn kaum hatte er sie ausgesprochen, schoss ihm Jesus in den Kopf.