2 x 2 Silberauszeichnungen von Mixtli und NoVeXX

Diverses:Kultureller und sozialer Verfall der Gesellschaft aufgrund des Telefonzellenrückgangs

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Wir alle haben mit schweren Schicksalen zu kämpfen. Doch dank unserer Freunde und Familien, oder mithilfe von Psychologen und Castingshows, schaffen wir es, solche Tiefpunkte in unserem Leben immer wieder zu überwinden.

Die Gesellschaft zerfällt zunehmend und das kann ich nicht ertragen. Bin auf der Suche nach dem Grund, doch niemand will ihn mir sagen. Entourage. Am Tag als Johnny Drama starb. Die Werbung schreit mich an: „Mach was gegen hässlich!“. Ich schreie zurück, doch meine Stimme wirkt schwach. Ich weine viel in letzter Zeit. Mein Herz blutet, wurde falsch programmiert. Heartbleed, das Fazit. Die Gesellschaft hat sich verloren, kein Aufbäumen in der Nachspielzeit. Mir geht alles zu schnell. Immer erreichbar, immer bereit, immer informiert, keine Freizeit. Aus dem Stadtbild verschwand mit den Jahren ein Zeichen gemäßigter Moderne. Summer moved on and the way it goes you can’t tag along. Moved ohh~ohhh~ooon. Der Herbst meines Lebens, ein Herbst ohne sie… Denn des Pudels Kern ist das Geld. Des Pudels Kernseife wäscht dieses Geld rein und nennt es sauberen Umsatz, doch das Fett in fettarmen Joghurt bleibt Fett und wird kein sauberes oder besseres Fett, nur weil man mit den Plasmapistolen der Wirtschaft auf Kinder in Bangladesch statt auf amerikanische Bürger zielt und dabei „Es lebe die Freiheit, denn dank ihr erfand man die Radialsymmetrie und offene Beziehungen“ schreit. Lest meine Geschichte, die Verse die ich dichte.

Kapitel IV

#disgustingworld

Es war einmal. Die ersten Worte meiner Geschichte fassen diese bereits zusammen. Die Details dokumentierte ich in der Straßenbahn mit Selfies, während ich die Aufnahme eines "National Geographic"-Reporters lautstark über mein Smartphone abspielen ließ und die Straßenbahn daran teilhaben ließ, wie der Reporter über Pavianärsche sinniert, während ich Fotos schieße und den Leuten "#disgustingworld" ins Ohr flüstere. Eines Tages spiele ich dir diese Aufnahmen zu. Eines Tages...

Ich versuche mich modern zu geben und Trends mitzugehen. Mustere mich mit Printleggings im Spiegel. Die aufgedruckten Tigermotive unterstreichen meine Männlichkeit. „Männliiich“, raune ich mein Spiegelbild an, meine basstriefende Stimme lässt meinen Kehlkopf vibrieren: „Männlöööööch.“. Yeah. Nur widerwillig gebe ich meiner Frau ihre Hose wieder. Ein kleiner Streit hat noch niemandem geschadet – Zitat Norbert Meier. „Na mein kleiner Unfall!“, streichle ich meinem Sohn über den Kopf, welcher mir daraufhin unvermittelt in den Schritt boxt. Ich sinke zu Boden, Tränen in den Augen, und meine Frau lacht mich an: „Männlüüüüüch.“. Ich liebe meine Familie, misskapieret nicht! Der Tag an dem wir vollkommenes Glück erfahren, ist der Tag an dem wir gehen möchten. Bis dahin gehe ich durch jeden schönen Tag mit dem Glauben, dass er noch perfekter sein kann und finde dadurch Spaß am Leben. Die Werbung im TV zerfrisst meine Gehirnwindungen. Ein Spot für kleine Spielzeugtiere (Schleichwerbung) und des Krügers güldner Riechbolzen – dazwischen eine sichtbar verzweifelte Frau, die mir ein Traumlos andrehen will. Nachts konnte ich wegen ihr nicht einschlafen, ihr Blick ließ mich nicht mehr im Traum los.
Mit dem nächsten Morgen begann ein vielleicht perfekter Tag. Eines Tages würde ich diesen Tag finden. Eines Tages...

Pause

Es war Juli. Die aufgehende Sonne bot einen traumhaften Blick über das Meer, welches so blau war wie Wasser. Wenn die Gelsenkirchener Innenstadt die Hölle auf Erden ist, dann muss das hier der Himmel sein, dachte ich mir. Die Seychellen – ein Traum einer Insellandschaft. In den ersten Tagen hatte ich es, nach langen anstrengenden Wochen im Job, endlich mal wieder geschafft, meine Gedanken zu ordnen, um frei und klar denken zu können. Eine Last fiel in meinen ersten Urlaubstagen von mir, wie sie größer nicht hätte sein können. Meine Frau hatte bereits gestern Abend Frühstück bestellt, welches nun von einer kleinen asiatischen Servicekraft an unser Himmelbett gebracht wurde. Bunt glitzernde Kolibris umflogen die Delikatessen und sangen ihr schönstes Lied. Ein zahmer Tiger schmiegte sich an unsere Beine und obwohl wir direkt am Meer waren, roch es nicht nach verrotteten Fischbeständen eines kleinen französischen, halbverfallenen Fischerdorfes, sondern nach Liebe. Liebe riecht nach Palmenöl und Kokosnüssen, Ananas und Jasmin, Rosen und Popcorn aus dem Cinemaxx-Pärchenmenü, welches ich in meiner Jugend viel zu oft für mich alleine bestellt hatte. Heute hatte ich den stählernen Körper eines Hollister-Spastis, aber ich hatte Brusthaare – männlööööch! Unser Sohn kroch zu uns ins Bett und sagte, dass er uns lieb habe. Und wir hatten ihn auch lieb. Das Frühstück schmeckte hervorragend und der Start in den Tag kam einem Traum gleich. Mittags lagen wir am Strand und plantschten im wohltemperierten Wasser umher. Die Einheimischen machten sich extra für uns die Mühe, die örtlichen Korallenriffe etwas näher ans Land zu schieben, damit wir nicht so weit rausschwimmen mussten, sondern im hüfttiefen Wasser auf Tauchgang gehen konnten. Beim Verlassen des Wassers bot man mir an, die drei hübschesten Frauen der Insel zu heiraten, doch die waren alterstechnisch eher etwas für unseren Sohn. Abends gingen wir in die Stadt, wo wir in einem Restaurant festlich speisen konnten. Meine Frau schaute mich an: “Der Tag heute…““…ist perfekt.“, sagte ich. “Ich würde gerne den Abendgottesdienst besuchen.“, sagte ich meiner Frau. Ich küsste sie und drückte meinen Sohn an mich. “Wir sehen uns oben.“ – ich lächelte. Meine Frau nahm unseren Sohn an die Hand und ging mit ihm in Richtung unseres Hotels, während ich in die andere Richtung zum Gottesdienst ging. Der Priester predigte auch auf Deutsch, welches er in einem zweiwöchigen Crashkurs zuvor extra für meinen Besuch gelernt hatte. Er sprach über Liebe und Vergänglichkeit, den Tod und das Mindesthaltbarkeitsdatum von Milch – eine Metapher für ebenjene Vergänglichkeit, wie ich später herausfand. Er sprach auch über Vertrauen und Hass. Bald würde die Uhr Mitternacht schlagen und ich würde gen Himmel gehen – wie meine Frau und mein Sohn. Ich war glücklich. Doch dann schaffte der Priester es, in mir eine Erkenntnis zu wecken... Scheiße! Ich hatte den Ofen im Apartment angelassen.

Das Sterben nach Glück

Ich rannte aus dem Gottesdienst. Was ist nur in den letzten Stunden geschehen? Eben noch war ich ein glücklicher Mann, ein glücklicher Familienvater. Ich suchte mein iPhone, um meine Frau anzurufen. Diesen einen Anruf musste ich tätigen. Akku leer. Ich rannte durch die Kleinstadt, auf dem Weg zu einer Telefonzelle, an die ich mich zu erinnern meinte. Sie war nicht mehr da. Verzweifelt blickte ich mich um, doch die Straßen waren menschenleer. Der Zeiger am Kirchturm rückte eine Minute weiter, die Glocken läuteten. Es war Mitternacht. Und damit war es zu spät. Die Bewohner des Dorfes strömten aus der Kirche. Ich bat um ein Handy und rief meine Frau an. Es begann zu regnen. Niemand hob ab.
Ihr zwei seid gegangen. Und dabei kann ein Tag, an dem ihr sterbt, doch gar kein perfekter Tag sein…

Schreien.jpg
Drei Jahre später verfasste ich diesen Text.
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