Diverses:Aus dem größten Loch der Welt zur Côte d'Azur

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Margarete saß da, auf "ihrer" Terrasse, im Angesicht des Dunkels ihres Gartens. Sie schrieb ihrer Mutter. Und das im multimedialen Zeitalter! Aber ihre Mutter hatte es noch nie mit dem Telefonieren gehabt. Das lag nicht nur an ihrem konsequenten Geiz und ihrer Schwerhörigkeit. Sie empfand alle für sie unnötige Technik als etwas Feindliches: das kalte, mit einer Kunststoffschale überzogene Etwas, dem sie Privates anvertrauen sollte? Ein Grund, über den sie lieber Stillschweigen bewahrte, um nicht als arrogant zu gelten, war dieses Luxusgefühl, nur dann auf nostalgische Art erreichbar zu sein und zu antworten, wenn sie es wollte. Nichts bekämpfte sie sonst mehr als Versponnenheit oder die Verstiegenheit in Statussymbole, stammte sie doch auch aus eher einfachen Verhältnissen, kostete aber stets mit heimlicher Freude an dieser Frucht ihrer eigenen Widersprüchlichkeit.

Margarete betastete mit der Linken ihr hochgestecktes Haar, ob es korrekt saß und war nur mäßig zufrieden. Sie saß da, irgendwie artig und gehorsam, aber auch eckig und verklemmt, neigte jedes Mal ihren kleinen Kopf, wenn ihr wieder etwas einfiel und die Hand über das Blatt zu huschen begann. Im Grunde war es ihr lieber so, wenn sie an die strengen Nachfragen im realen Vis-à-vis dachte, wenn sie genug Zeit fand, Formulierungen zu überdenken und Kritikpunkte zu antizipieren und so Unannehmlichkeiten so vorteilhaft verkapselt wie irgend möglich darzustellen. Ihre Mutter! Manchmal verzweifelte sie - im Grunde sei doch alles vergebens - Mutters scharfer Verstand gewichtete Tochters Argumente stets richtig und kontrastierte sie vor dem Hintergrund unumstößlicher Wahrheiten, mit einfachen Gedankenspielen aus Logik, genauer Objektivität und hoher Aufmerksamkeit. Mücken spielten gerade so unbefangen im Lichtteller der Lampe, die ihr in den Rücken, auf ihr Blatt schien. Sie empfand Neid auf das unkomplizierte Leben dieser Insekten, das nur aus Stoffwechsel und Fortpflanzung zu bestehen schien. Gerade in diesem Moment war sie froh darüber, dass die Gedanken frei sind, solange man sie niemandem anvertraut.

Karli, ihr Mann, hätte sie schon wieder missverstanden, aber sie hätte es ihm wohl nicht übel genommen. Das ihr geschenkte Kleid, ein einfaches Teil aus einem blauen, baumwollähnlichen Stoff mit weiß abgesetzten Unterärmeln, wollte nicht so recht sitzen. Immer wieder zupfte sie daran herum, mal am Saum, mal an den Schulterstücken, weil sie auch wieder nicht die richtigen Worte fand. Ständig fiel ihr ein möglicher, neuer Einwurf zu ihren Worten ein. Sie schüttelte zornig den Kopf, strich durch, schrieb drüber und hielt wieder inne. Nein, sie hatte alles richtig gemacht! Und zuletzt auch die richtige Konsequenz gezogen. Amerika ist nichts für sie. Henderson hatte in den letzten zehn Jahren zwar einen Bevölkerungsboom wie kaum eine andere Stadt in den USA auf das dreifache Niveau kennengelernt, doch war ein Wüstennest geblieben, ein besserer Vorort von Vegas. Hier sagen sich Wüstenfuchs und Springmaus gute Nacht. Marga erinnerte sich mit diesem Bild an die ersten Tage in Henderson, als es an den Besuch der wenigen Sehenswürdigkeiten gegangen war. Diese wie von einem Riesen aufgetürmten Baukörper der "Sunset Station" schindeten einen Eindruck des amerikanischen Südens der besseren Art. Und dabei war es für sie nur dieser weitaus kleinere Teil der Anlage, der sich mit einem genauso niedrigen Verbindungsbau der protzigen Hoteltrutzburg anschloss. Das Casino diente als architektonischer Gegenpart in Größe und Verspieltheit zu den strengen Fassadengliederungen des riesigen Hotelgebäudes. Einer der beiden Türme, die in einem seltsamen Mischstil mit historisierenden romanischen Arkaden und Renaissancegiebeln erstellt worden waren, war als Glockenturm ausgearbeitet auf das Plateau eines vieleckiges Erdgeschoss gesetzt worden, nur begrenzt von einem feinädrigen Gitter. Karli schaute vor dem Eingang mit den Kindern stehend gerade einer Limousine zu, die sich in die tangierende Straße geschlichen hatte.

Große Pläne waren hier nicht zu verwirklichen. Diese Provinzialität der Einwohner, die noch bei ihren Hamburgern sitzen, wenn draußen die Welt untergeht! Ihre Hand umgriff die komplette Mappe mit den einsortierten Blättern. Sie dachte an die ersten Wochen in Nevada. An die ersten Wochen mit wenig Geld. Abgesprungene Arbeitgeber - Pech! Warum lässt sich das einfache Leben in Deutschland denn nicht hier fortsetzen? Diese Frage teilte sie schon mit ihm, wie die Feststellung, seinen Enthusiasmus zu brauchen. Ihr Mann war aber auch derart begeisterungsfähig! Er dachte immer, dachte sie, dass man nur wollen müsse, um zu können. Und keiner konnte ahnen, dachte sie weiter, dass man mit ihm auch sehr aufgeschmissen sein kann. Dass auch alles immer so peinlich werden muss. Sie rümpfte die Nase.

Im geliehenen Bus eine Nummer zu groß, die US-93 S Richtung Phoenix stundenlang herunter, um auf die I40 und schließlich die weltberühmte "Route 66" zu kommen. Vier Stunden und mehr in größter Hitze, damit lassen sich alle Ausfallerscheinungen, selbst die von Karli für Außenstehende erklären, obwohl sie weiß, dass er solche Umstände dafür eigentlich nicht braucht. Vielleicht war es auch ihr Fehler, ihn in dieser fremden Sprache ausreiten zu lassen. "Jaja, er sagt ja, immer, dass es die Übung macht." Sarkasmus. Angekommen in einem kleinen Village namens Williams, die zwei Kinder waren brav geblieben. Die Sonne wurde nicht müde. Sie waren angehalten. "Meinst Du, dass wir falsch sind?" hatte Karli gefragt. "Besser wird es sein, wir fragen" "Soll ich?" fügte sie schnell hinzu. "Nein, nein, das mach ich schon - ich muss ja üben!" Sie lachte etwas. Er meinte, dass da noch jemand angehalten habe. Im Rückspiegel erkannte er, dass sich jemand aus der Reflexion des Sonnenlichts heraus pellte. Uniformen! "Klar, die fremden Nummernschilder! Das kann auch etwas Gutes haben!" lachte er. Sie dachte an die schrecklichen Morde an ausländischen Urlaubern in Florida, von denen sie gelesen hatte. Als sich einer der Polizisten vorsichtig genähert und an der heruntergefahrenen Seitenscheibe aufgebaut hatte, schlingerten Karlis Augen erwartungsvoll über jede breit ausgesprochene Silbe, die der Polizist aus seinem Mund quetschte. "Sir ... where ya come from .... License ....Papers!" Karli riss die Papiere aus der Innentasche seines lässigen Jacketts und hatte den Mann fast berührt. Dieser wich überrascht einen halben Schritt zurück. Karli schob gleich in seiner Art von frecher Jungenhaftigkeit, die sie eigentlich so liebte, vermischt mit seinem Hang zu blumiger Sprache feixend nach: "Da ya know where to go to a glory hole?" ... "Yes, with the kids! Sure!" Und das auch noch, wo das Schild Richtung Grand Canyon nur etwa 100 Meter weiter gestanden hatte. Man glaubt gar nicht, wie dreist amerikanische Polizisten sein können und wie scheißegal es ihnen ist, dass man fremd ist, die Sprache nicht so gut beherrscht und man noch so lange zu fahren hat. Viel später erst war es nach endlosen Erklärungen weitergegangen, da zunächst Karli als Interviewpartner genau die falschen Fragen bejaht hatte. Vielleicht hätte sie früher einspringen müssen. Aber sie war genauso geschockt wie die Polizisten wohl auch.

Heute würde ihr wohl nichts weiter gelingen, dachte sie. Diese dämliche Geschichte an der Route 66! Sie dachte an den Brief, den sie in dieser Zeit doch mit einiger Verzweiflung an ihre Mutter geschrieben hatte:


Liebe Mama!

Bitte mache Dir keine Sorgen, im Moment geht es uns wirklich gut! Karli muss im Moment sehr stark sein: für uns! Gottseidank hat er einen zweiten Job im "Burger King" gefunden! So schlecht ist der Verdienst nicht. Das heißt: es geht schon: Jamie und Wallace machen sich gut in der Schule, zuletzt konnte Wally dem Unterricht ohne Dictionary Wörterbuch folgen!! Ich bin vielleicht etwas aus dem Englischen raus, aber der Slang hier erfordert, die Sprache von Grund auf neu zu erlernen. Es ist schon nicht unkomisch, dass ich jetzt eine Anstellung im Haushalt einer deutschstämmigen Familie gefunden habe. Bald melde ich mich wieder - denk dran, die Anweisung richtig zu adressieren, sonst warten wir wieder wochenlang auf unser Geld, danke!

Deine Marga



Die Antwort kam recht schnell.


Hallo meine Liebe!

Du schreibst aus einem Hotel? Ich dachte, ihr hättet in Henderson eine feste Bleibe gefunden? Ich habe schon oft gesagt, dass ihr Euch euren Anspruch nicht leisten könnt. Es sei ja schlicht gewesen, schriebst Du! Oder hattet ihr die Miete nicht bezahlt oder ist "Hank" selbst eingezogen? Was ist passiert?

Deine Mama




Hallo Mutter!

Nein, es ist so, dass das Haus für längere Zeit, also grundlegend renoviert werden muss. Hank sah keine andere Möglichkeit mehr und das hätte die Feuerwehr und das Bauamt auch nicht verantworten wollen, obwohl wir es für übertrieben halten. Das Haus ist durchaus noch bewohnbar. Ich denke, sie haben letztlich auf das Wohl der Kinder abgestellt. Ich meine, das ist ja auch richtig so. Wer weiß, welche Auswirkungen angekokelter Verputz auf Kinder hat? Oh, es ist schon halb neun, also abends, ich lege jetzt Wally ins Bett, später muss ich zur Arbeit!

Marga




Hallo Marga!

Das ist also passiert! Ich bin entsetzt! Du schreibst nur von Wally?! Wie geht es denn Jamie? Antworte schnell!

Mama




Hallo liebe Mama!

Den Kindern geht es schon wieder ganz gut, Jamie muss noch etwas zur Beobachtung in der Klinik bleiben. Den Ärzten gefällt eine Brandverletzung noch nicht so richtig, sie wollen noch etwas abwarten. Du hättest einfach ein Pflaster draufgeklebt. Aber schön, dass Du auch nach Karli gefragt hast! Wir beiden sind nach einem kurzen Verhör wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er hat alles klar gestellt und kann eben auch wieder arbeiten. Wie geht es Dir?

Marga




Hallo Marga!

Wie soll es mir jetzt schon gehen? Was gab es denn klar zu stellen? Dass ihr nicht schuld daran seid? Wie kamt ihr denn in den Verdacht, das Haus angesteckt zu haben? Wenn ich nicht so eine Flugangst hätte! Ich hatte sogar versucht, Euch anzurufen, immerhin versteht Hank ja einiges an Deutsch, aber dieser dämliche Anrufbeantworter seiner Kneipe sprang andauernd an. Da fiel mir die Zeitverschiebung ein. Irgendwann hatte ich ihn dran, aber er hatte sofort wieder aufgelegt! Mehrfach!

Mama




Hallo liebe Mama!

Weißt Du, es hat alles mit dieser amerikanische Werbewirtschaft zu tun, von der ich als Kunsthistorikerin nichts verstanden habe. Was wir in Deutschland erst jetzt mit Texten wie "Kauf jetzt und Du zahlst die Hälfte" oder "Zwei für eins!" kennenlernen, ist hier schon lange Usus. Und Du weißt, wie die Kinder sind. Wir waren nach stundenlanger Fahrt von einem einwöchigen Ausflug zum Grand Canyon zurückgekehrt und mussten tanken. Immer wollen die Kinder mit in die Tankstelle hinein und möchten was gekauft bekommen! Karli nahm die beiden mit, wollte eigentlich nichts weiter kaufen, aber las an der Kasse einen Aufsteller mit dem Werbespruch - hier sagt man "Slogan" dazu: "Two for one!" (Zwei für eins) und hatte die Quengelei satt. Er machte ihnen eine Freude und kaufte die zwei Dinger halt. Wer hätte denn ahnen können, dass das schief geht? Sie sind immerhin acht und zehn Jahre alt! Da darf man schon etwas Vernunft erwarten. Und wir grillen ja immer viel. Ist hier auch total im Trend. Da waren kleine Scheinwerfer drin eingebaut, die richtig pulsierten. So etwas hast Du sicher noch nie gesehen. Na ja, meine Haare wachsen sowieso wieder! Es geht weiter!

Marga




Hallo Marga!

Deine schönen blonden Haare? Schreib nicht, dass es gerade an Weihnachten passierte! Man hört so oft von brennenden Weihnachtsbäumen und -kränzen. Ihr tut mir schon leid. Ich kann mir natürlich vorstellen, dass gerade auch in der Wüste Weihnachten sehr schön sein kann. Also normalerweise. Aber, Marga, wie oft habe ich Dir schon gesagt, dass Du einen Schuljungen geheiratet hast. Ich kann seinen Charme für Dich nachfühlen, kann verstehen, wie unwiderstehlich er damit sein kann, obwohl ich nach dieser Sache damals sicher nicht mehr mit ihm zusammen wäre. Du hast eben nicht zwei, sondern drei Kinder! So ist das eben. Und du hast das so für Dich gewählt. Du weißt, dass ich Dir immer helfen werde, so weit ich kann. Die Einliegerwohnung ist immer noch frei, ihr könntet wieder hierhin ziehen. "Alt und Jung in einem Haus" kann sich durchaus vertragen! Du weißt, wie gut ich mittlerweile gelernt habe, mich mit Vorwürfen zurückzuhalten!

Mama

PS: Schenke den Kindern nie wieder Feuerzeuge!




Hallo Mutter!

Ja, ich weiß...darum bleiben wir auch hier! Ich weiß auch, dass ich mich damals während Karlis "Eheurlaub" anders hätte verhalten sollen, aber ich dachte bis zuletzt, dass Ingo "nur" sein bester Freund ist. Karli hat mich nie betrogen und mir immer seine nächsten Schritte offengelegt! Ingo hat uns bei unserem Start hier mächtig geholfen! Du denkst zu altmodisch! Wo wären wir denn jetzt ohne ihn? Er hatte den Kontakt zu Hank hergestellt, der die kleine Art Finca (ich habe übrigens einige Bilder nach dem Brand beigefügt) vermieten wollte. Wenn wir den Verdienst aus Karlis Job in Hanks Gastwirtschaft nicht hätten!

Marga




Hallo Marga!

Ja, Marga, mit Deinem Studium warst Du aber durchaus für einen etwas anderen Lebensweg prädestiniert, als von einem kleinen Gehalt eines Mannes abhängig zu sein, der in einer - mit Verlaub - Schwulenkneipe arbeitet. Gut, ich will es nicht mehr zum Thema machen! Versprochen! Ich würde es noch nicht einmal Vater erzählen, selbst dann nicht, wenn er gerade jetzt zurückkehrte. Wie geht es Jamie? Kannst Du Dir wirklich nicht mehr vorstellen, zurückzukehren?

Mama



Gertrud raufte sich die Haare. Nach dem letzten Wort saß sie immer noch angespannt wie ihre schreibende Hand über ihren Wohnzimmertisch brütend. Im monotonem Takt tickte die alte Wanduhr die in einer Ecke stand. Es war ihr Hochzeitsgeschenk gewesen. Sie schweifte für Minuten ab, ihre Augen wanderten im Zimmer umher. Das Kreuz schmerzte. "Was soll nur aus dem Kind werden?" dachte sie. Die Gardinen spielten mit dem Luftzug, der durch die offene Terrassentür ins Haus ging. Sie fühlte sich froh, dass ihr Hans das alles nicht mehr miterleben musste, aber verwarf diesen Gedanken gleich wieder als etwas Perverses, da er den Tod ihrer großen Liebe als freundschaftlichen Umstand bedingte. Ihre Augen wanderten zum großen, zugemauerten Kamin, dem sie gegenüber saß. Von ihm stach nur noch die kunstvolle Umrandung aus einem dunklen marmorähnlichen Stein aus der Flucht der Wand hervor. "Nein", dachte sie und hob herrisch den Kopf, "mein Lieber, es IST doch besser so, glaube mir!" und lächelte in sich hinein.

Im Hintergrund des Bildes, dass Marga in der Hand hielt, sah man kalkweiße Wohnhäuser in klassizistischem Stil, die sich mit sparsamen Grundrissen hoch aufgeschossen an der breiten Straße säumen, die aus der Pont George V in Orléans mündet. Im Vordergrund stand sie, siebzehnjährig, eine Laterne auf dem Bürgersteig umarmend und etwas schief lächelnd. Die letzten Tage dort. Scheinbar hatte sie gerade im Moment des Fotografierens einen Windstoß von hinten erhalten, der ihr Kleid leicht nach oben hob, so dass ihre Knie zu sehen waren, die sonst verdeckt geblieben wären. Sie hatte ein paar Tränen in den Augen. "Ja, Vater!" dachte sie, "mit ihm hätten wir es wirklich einfacher gehabt! Er war so unkompliziert." Sie waren auf eine gewisse Art und Weise seelenverwandt. Er wollte sich nie wirklich fest binden lassen und auch ihr ist das Vertrauen zwischen zwei Partnern viel wichtiger, als oberflächliche Liebesbekundungen, und das selbst dann wahre Liebe nicht enttäuscht werden kann, wenn der Begriff von Partnerschaft viel weiträumiger verstanden wird als tradierte Konventionen es vorschreiben. Ein "Fremdgehen" kann es dann nicht mehr geben, wenn der eine über jeden Schritt des anderen Bescheid weiß. Man weiß, er wird immer zurückkommen! Immer hatte Vater auf seine gemeinsamen Touren mit besten Freunden, zum Fischen in Dänemark oder zum Wandern in den nahe gelegenen Wäldern bestanden. Er brauchte diese Zeiten, um wieder Kraft für die Familie zu tanken.

Sie erinnerte sich an eine Loire-Schlösser-Tour, zu der er sie mitgenommen hatte. "Vielleicht", kicherte sie, "tat es ihm auch leid, mich mitgenommen zu haben. Mama wusste, dass ich Tugendwächterin bei seinen unvermeidlichen Bekanntschaften spielen würde. Wie hieß sie noch? Ah ja, Madeleine! Sehr junges Ding! Gott, was war ich wütend auf ihn, als er diese Grapschereien nicht sein lassen konnte." Heute verstand sie ihn besser, auch seinen so gar nicht für einen kindlichen Kosmos verständlichen Charme, der auf eine ganz andere Weise funktionierte wie der Karlis. Allein Vaters Lachen! Das kam bei ihm alles automatisch. Seine distinguierte Art, die so natürlich wirkte. Und seine augenzwinkernde Höflichkeit. Ja, er war ein Lebemann und konnte nicht anders. Sie sah ihn vor ihrem geistigen Auge bei jeder Rückkehr zwar selbstbewusst und Vorwürfen trotzend, aber in seiner Physiognomie in sich zurückgezogen und leidend. Auf eine seltsame Weise hatte sie ihm verziehen, die Familie verlassen zu haben. Mutter hatte während ihres Studiums von einem Abschiedsbrief erzählt, in dem stand, dass er nicht mehr mit dieser Einengung klar käme. "Irgendwann wird Marga mich verstehen, Du mich aber nie. Es hat alles keinen Zweck mehr." stand da zum Schluss.

Marga schüttelte den Kopf. Ach, alles falsch konzipiert! Diesmal sollte sie das Zepter in die Hand nehmen und das letzte Drittel der vorab ratenweise ausgezahlten Erbschaft in das Land ihrer Leidenschaft retten! Frankreich! Nicht, dass sie die Sprache viel besser verstünde, als dieses Burger-Englisch, um vorweg alle Peinlichkeiten ausschließen zu können. Aber ungleich besser verstand sie die französische Seele. Sie hatte ihrem Mann mit leuchtenden Augen immer wieder gerne davon erzählt, wie französisches Baguette bricht. Es war nicht nur eine chaotische Abfolge kleiner und kleinster destruktiv klingender Geräusche, so wie in der Art, wenn ein Baumriese nach 200 Jahren ins Dickicht fällt. Es ist ein Vorspiel! Wie man mit wässriger Zunge diesem Spektakel lauscht und die Vorfreude auf diesen Genuss von knackiger Frische und Gemütlichkeit im Kaffeeduft in sich lautmalt. Warum der Aperitif, vielleicht ein Kir aus Wein und Crème de Cassis, unvermeidlich ist, um sich richtig auf stundenlange Geniessereien im Freien, im Schatten betäubenden Grüns vorzubereiten. Sie schwärmte dann immer. Karli steuerte dann immer eigene Darstellungen bei, auch wenn es nicht immer passte: "Merke - Rotwein braucht Wärme, darum hält man das Glas im Handteller, aber Weißweingläser mit den Fingern!"


Hallo Mama!

ich glaube, dieses mal hast Du Recht. Das Leben ist hier selbst mit Karli - ja, genau so meine ich es! - zu schwer. Und du trägst mit deinen Vorwürfen, Nachfragen und dieser unterschwelligen Kritik nicht wenig dazu bei. Jamie geht es gut, die Verletzungen heilen ab. Ganz ehrlich. Nimm es mir nicht übel, Du weißt, dass ich auf Dauer ohne Dich nicht sein kann. Ja, ich habe Dir auch viel zu verdanken, hast mich aus dem Kinderheim geholt und mit Papa mir eine Ausbildung ermöglicht, die niemand sonst bei meiner Vorgeschichte hätte erwarten dürfen. Ja, ich könnte jetzt weiterhin Hochschullehrerin für Kunstgeschichte sein, aber so wie mir die Promotion nicht geschenkt wurde, so lasse ich mir jetzt auch nichts vom Leben schenken! Ich weiß, was das Richtige für mich und die Familie sein wird. Wir gehen nach Frankreich! Karli und ich suchen schon seit Wochen jeden Abend im Internet nach einer passenden Existenz!

Marga



Anlässlich ihrer Magisterarbeit hatte sie die kunsthistorische Bedeutung des Laurentiusportals im Straßburger Münster einer eingehenden Untersuchung unterzogen. Dabei muss man wissen, dass unter Kunsthistorikern Themen um das Straßburger Münster bei den prüfenden Professoren in etwa die gleiche Attraktivität besitzen, wie Arbeiten zu einer für eine beliebige Industrie gültigen Produktions- und Kostentheorie unter Betriebswirtschaftlern. Wie bei kaum einem anderen Thema war die konzeptionelle Vielfalt des Münsters besser durchleuchtet, ihre Komplexität in der Vereinigung verschiedener Baustile von der Romanik bis hin zur Renaissance objektiver erklärt und seine Bedeutung für nachfolgende Bauten im mitteleuropäischen Raum reichhaltiger diskutiert worden. Ihr großer Bonus aber war gewesen, während einer Forschungsreise dorthin ein sehr gutes Verhältnis zu ihrem Professor, den sie begleiten durfte, aufgebaut zu haben. Beim plötzlichen Tod seiner Frau war sie ihm eine große Stütze gewesen und hatte schließlich mit besonders detaillierter und objektiver Betrachtungsweise auch das Wohlwollen der anderen Prüfer für ihre Arbeit verdient.


Hallo Marga!

Bis jetzt habe ich immer recht behalten. Ich will immer nur das beste für Dich und die Kinder! Und genau darum frage ich Dich, wie ihr euch das wieder vorstellt! Du kannst Dich mit Deinen "drei" Kindern nicht auf Dein Fachwissen verlassen, das hast Du schon in den USA gemerkt. Was mich beunruhigt ist die Art, wie Du davon schreibst, als ginge es um den Kauf eines neuen Autos!

Du kannst Dich immer auf mich verlassen, darum habe ich diese Gedanken. Darum bin ich so ungeduldig. Wir sind uns viel ähnlicher, als Du vielleicht zugeben möchtest. Ich muss zugeben, dass mich Deine Gelehrsamkeit damals beeindruckt hat, wie Du Dich verbissen durchs Studium gekämpft hattest und Dein Mut, in einem anderen Land eine eigene Existenz aus dem Nichts heraus zu begründen und Deine Kondition, mit der Du Deinen Weg mir gegenüber immer rechtfertigst. Wir sind trotz Deiner widerstrebenden Art ein verschworenes Team geblieben. Trotz alledem. Hast Du Dich denn je dabei ertappt, Angst zu haben, dass ich etwa Karli verraten könnte, dass "seine" beiden Kinder eigentlich französisch sprechen müssten? DANN müssten die Kinder von ihren Genen her ja tatsächlich die besten Voraussetzungen im neuen Wunschland haben. Jetzt werde ich sarkastisch. Das tut nicht gut. Wenn Du wirklich nicht zurückkehren willst - na gut. Nichts für ungut!


Mama



Im Kerzenschein hatten Marga und Karli die Köpfe zusammengesteckt. Zwangsläufige Romantik ist nicht immer romantisch. Seit gestern kein Strom. Sie erinnerte sich an eine Dokumentation, die sie vor Jahren gesehen hatte. Man berichtete über das seltsame Überleben der Welwitschien, Ungetümen von zweiblättrigen Pflanzen. Durch den sich absetzenden allmorgendlichen Tau und die Paarung von Beharrlichkeit mit der Filigranität der in große Tiefe vordringenden Wurzeln überleben sie 2000 Jahre und mehr am wohl lebensfeindlichsten Ort der Erde, der tagsüber bis zu 50°C und nachts Bodenfrost bringt. Sie schienen in ihrer Majestätik so erhaben über alle anderen Lebensformen, dass für Marga in jener Nachdenklichkeit nur ein Gefühl von Erbärmlichkeit einer Eintagsfliege, die auch noch am Morgen ihres Lebens gefressen wird, blieb. Sie trainierte sich zu mehr Aufmerksamkeit, steckte ihren Kopf näher zu dem Karlis und nickte eifrig zu seinen französischen Geschichten. Er sparte dabei pubertäre Begehrlichkeiten mit Cousin "Frère", wie er ihn nannte, wie auch eine "Café blanche"-Bestellung in einem Café aus, wie sie sich in ihren Erzählungen geschickt um diese Geschichte mit François herummanövrierte, die beinahe in Gruppensex geendet wäre. Irgendwie hatte man sich doch wieder gegenseitig schwindelig geredet, sie mit ihren gelehrig klingenden Einwürfen und er mit burschikosen Flachwitzen, die er aus einem Instinkt heraus noch vor kompromittierendem Sexismus rettete. Er rettete viel mit seinen Lachen, es war eine Sucht für ihn. Es begann mit einem kurzen Glucksen, einer Geste, als wolle man nichts weniger als nun heraus prusten, um nach einem Augenblick loszulachen. Sie war verliebt in dieses Lachen und davon angesteckt danach wie von Zweifeln geheilt noch inniger bei der Sache und kritikloser über die letzte Sackgasse hinweg gehoben worden. Man studierte eine zerknitterte Karte Frankreichs, die man aus Europa mitgebracht hatte und noch aus Margas Au-pair-Zeit stammte. Letztlich war man aber müde geworden und ließ sich Zeit, eine Nacht darüber zu schlafen. Marga fand aber keinen Schlaf. Diese komische Hotellösung wollte ihr selbst für die kurze verbleibende Zeit nicht passen, auch wenn Hank in Gutsherrenmanier als letzten Dienst für seinen ehemaligen Mitarbeiter die Miete für sie auf die Beteiligung an den Nebenkosten herunter gebrochen hatte. Sie setzte sich am nächsten Mittag auf "ihre" Terrasse. "Morgen kommt Jamie, mein kleiner Professor, wieder", dachte sie, "in Frankreich sind die Ärzte sicher genau so gut wie hier!"


Hallo Mama!

Er hatte es auch nie zum Thema gemacht! Ich weiß, dass Du ihn nur schwer dulden kannst...



Der Stift stockte - immer wieder diese immer gleichen Diskussionen mit der diffizilsten Art von Erpressung, der Ankündigung, nicht erpressen zu wollen! Gottseidank konnte sie immer sicher sein, dass Karli die Konversation mit ihrer Mutter mied. Nicht nur, weil er es nicht so recht mit dem Schriftlichen hatte, sondern aus einfacher Höflichkeit eines jeden Partners, der nicht in die Post des anderen schaut. "Hier, Deine Mutter wieder...", grinste er stets, wenn er wieder einen Brief von ihr im Briefkasten fand und zog sich zurück, wenn er sah, dass sie sich den Brief der Mutter auf dem Tisch zum Antworten bereit legte. Vielleicht tat er es nun auch aus einer Art angstvollen Respekts heraus, um die Aura nicht zu verletzen, aus die ein immerhin regelmäßiger Geldfluss quoll. Wallace war noch in der Schule und Karli holte Jamie ab. Ruhe. Sie schrieb weiter -


Er ist meine Mitte, immer wieder erdet er mich auf Dinge, die wirklich wichtig sind. Manchmal denke ich - dass Du - verstehe mich richtig - nur neidisch bist. Papa war für Dich doch genauso. Er hatte Dich aus diesem Metier herausgeholt und Dir neue Ziele aufgezeigt. Dich an eine Beziehung gebunden, deren biologischen Zweck Du bis dato allein nur kanntest. Klar warst Du jung und dumm, aber das heißt ja nicht, dass ich nicht dieselben Fehler machen darf, wie Du damals. Manchmal muss man Fehler machen, um das Leben überhaupt zu spüren. Ich finde immer wieder zu Karli zurück. Für ihn ist dieses Jobben dort auch nur ein Job! Stell Dir vor! Bald packen wir unsere Sachen. Ich möchte Dir erst kurz vor unserer Abreise die neue Adresse mitteilen, weil wir noch nicht so genau wissen, für welche der sich uns gerade anbietenden wir uns entscheiden sollen!

Marga



Sie liebte es, wenn er wie immer fast schüchtern wie ein verlegenes Kind, das eine Idee hat, ihre Hand ergriff. Im Flackern wirkte sein Gesicht wie ein loderndes Abbild der kleinen Flamme. "Wir sind so leidensfähig wie Welwitschien!" dachte sie. Er hatte zärtlich ihren Zeigefinger ergriffen und führte ihn immer weiter Richtung Süden der alten Karte...Paris...Orléans...Clermont-Ferrand...Cannes... Sie spielte hin und wieder mit dem bestrumpften Zehennagel des einen Fußes mit der Achillessehne des anderen. Sie lachte etwas.

"Wo willst Du noch hin? Da ist Frankreich doch zu Ende!" "Ach, Schatz..." Ein Kuss. "Schau mal diese Küste hier - sieht die nicht wie unser neues Zuhause aus?" Es war wirklich kalt. Nullgrade in der Wüste. Ab und an nahm sie trotz der Nähe zu ihrem Mann ihr Zittern wahr. "Ich glaube, ich muss Mutter eine neue Adresse mitteilen!" Karli gluckste und sprudelte wieder. "Ja, das musst Du! Aber verkaufe es ihr richtig! Dass Ingo mitfahren wird, brauchst Du ja nicht zu erwähnen!" Es schien ihm eine neue Idee gekommen zu sein. Er machte dieses typisch gepresste Gesicht kurz vor dem Ausbruch. Nun schien es etwas größeres zu sein, dass sich in ihm aufstaute. Er begann sich zu schütteln und bekam eine Lautstärke, dass sie sich irritiert Richtung Kinderzimmer umsah. Er konnte kaum reden:"Weißt Du, was ich gerade gelesen habe?" "Nein", sie schüttelte zaghaft den Kopf, mehr aus Freundlichkeit als wegen des Lachens mitlachend. "Na, da ist ja die Côte d’Azur!! Passt das nicht besser als irgendwas anderes zu uns und unserer Geschichte? Wir erleben nur Mist, kriegen täglich aufs Neue einen auf den Deckel und machst es für Deine Mutter zu Gold?" "Nun, ich behaupte uns, würde ich sagen", schob sie immer noch irritiert nach, weil sie nicht sah, worauf Karli hinaus wollte, was eher selten war. Sie dachte an das letzte Drittel der Erbschaft und ihre ellenlangen Positionskämpfe, ihre verbitterte Standortbehauptung gegenüber der Mutter. "Naja, Schatz, ich finde schon, dass die Gegend dort viel zu teuer ist..." "Nein, es ist genau richtig, frei übersetzt heißt es doch himmelblaue Scheiße!" Nun lachte sie im Brustton des Verstehenden. Sie hatte ihn endlich eingeholt.