Brezel

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Die dilettantischen Brezelbäcker von Wikipedia haben ebenfalls einen Artikel zu diesem Thema.
Interpretation der Brezelarmhaltung durch Wikipedia.

Die Brezel (altjapanisch Bretzilla), dialektal auch Brutzel, Bratze oder Purzel, in Schwaben Bretzle, im Ulmer Raum Britschle, im Mannheimer Raum Brotschl und im neuniederhinterpommerschen Britzel, sowie von Peter Auerbach aus Dreis-Tiefenbach liebevoll Knotenkuchen genannt ist eine unendliche Backware aus Süddeutschland, wo sie als Brotersatz herhalten muss. Charakteristisch für die Brezel ist ihre horizontale Symmetrie und ihre perfekte Knotung, die wahre Meister des Handwerks erst nach dem Backen formen.

Nach den ästhetischen Vorstellungen der alten Welt ist die Brezel das schönste Gebäck überhaupt und früher war sie ein exklusives Lebensmittel für Menschen höheren Standes. Gesellschaftlich symbolisiert sie einen Menschen mit verschränkten Armen, also eine abweisende soziale Geste. Seit dem späten 17. Jahrhundert diente sie dem oberen Stadtbürgertum als Aufnäher für das Wams, der dem Bäcker die Brezelwürdigkeit des Gegenüber offenbarte. Die Kommunisten verbaten die Brezel im Sinne der sozialen Gleichstellung und machten sie durch Laugebäder ungenießbar, was das Gebäck durch seine delikaten Eigenschaften nur noch delikater machte.

Ursprung

Anders als die meisten Menschen annehmen, kommt das Wort Brezel gar nicht vom niederdeutschen hinbretzeln, das lediglich eine Herstellungsweise beim Brezelbacken bezeichnet, sondern vom lateinischen bracchium, was Arm bedeutet. Im Nürnberger Brezelbüchlein von 1483 sind die Brezeln mehrfach als ein bûk vohn braccialer Walt ausgewiesen, für den sich die Nürnberger Bäckermeister vollkommen aufopferten und teilweise ihre Hefe mit wilden Schreien und Gesten zum Aufgehen in gewagten Teigexperimenten zwangen. Ob hier jedoch lediglich die Armkraft der Bäcker der Brezel ihren späteren Namen gab, wird in der neueren kulturanthropologischen Forschung stark angezweifelt. Vielmehr existieren zwei allgemeinere Ansichten.

Die Ingelheimer Legende

Eine ältere Entstehungsansicht ist die Ingelheimer Legende von Heinrich Piscator aus dem frühen 13. Jahrhundert. Einer regionalen Erzählung zufolge hatte der erfolglose Bäckermeister durch ein glückliches Erbe eine Backstube von seinem Vater erhalten, die direkt am Marktplatz des Ingelheimer Fleckens gelegen war. Er war damit Neid- und Spottobjekt der dortigen Bäckerzunft geworden, die den gut gelegenen Marktstand für erfolgreichere Bäcker zu nutzen gedachte. Seine Kollegen mobbten und veralberten ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Das Ingelheimer Brezelloch.

Eines Tages erzählte Walbert Fleischwamp, der damalige Zunftvorsteher der Ingelheimer Bäckerzunft dem Magistrat von einer neuen köstlichen Speise aus Piscators Stube, die er extra zur "Erfrewung der hochwohlgeborenen Herren" gebacken hatte und verkaufe. Angekommen an Piscators Stube fand der Magistrat keine solche Speise. Die Stadtherren vermuteten böse Absichten beim Bäckermeister und setzten ihm unter Androhung einer Leibesstrafe eine Frist von zwei Tagen zur Herstellung der neuen Speise. Der unglückliche Bäckermeister stand unter hohem Druck, zumal er seit Tagen von Flöhen gebissen wurde, die ihm seine hinterhältigen Genossen auf den Rand des Donnerbalkens gelegt hatten.

Als Piscator über den Teig für seine neue Speise brütend mal wieder unangenehm auf dem Donnerbalken hin und her rutschte machte er eine großartige Entdeckung. Sein tagelang zurückgehaltener Schiss hatte sich durch die kreisenden Bewegungen zur charakteristischen Brezelform verschlungen! Sogleich sammelte er den Abraum vom großen Haufen auf und schob ihn in seinen Backofen. Als die Stadtherren wiederkamen, stellte sich ihnen Piscator mit stolz verschränkten Armen entgegen und präsentierte sein flammengehärtetes Enddarmprodukt. Die Stadtherren missdeuteten das und nannten die neue Speise in Hinsicht auf die Armform des Bäckers "Brezel", die sie wegen ihres eigenwilligen Geschmacks gleich als Fastengeschenk und Armenspeisung für Feiertage zurücklegten.

Multikausale Entstehungsfaktoren

Versaute Schmierereien auf einem antiken Bäckereischild. Ein Hinweis auf frühe Brezeln?

In der neueren mehr kulturwissenschaftlich ausgerichteten Forschung wird die Entstehung der Brezel einer Vielzahl von Ursachen zugeschrieben, die seit der Antike bestehen und im Zusammenspiel das heutige Produkt ergeben. Die Assoziation der Brezel mit der charakteristischen Armhaltung soll z.B. von den Betreibern der popinae, römischer Straßenbuden, ausgegangen sein, die der plebs immer, wenn sie bis auf einen Eimer widerlich schmeckender Altteigreste alles an die Patrizier ausgegeben hatten, mit dieser Haltung entgegentraten. Aus der Entwicklung resultierte das Problem des Wurstraubs auf den Straßen des römischen Imperiums, gegen den Kaiser Septimus Severus mit der lex lucanica hart vorging. Aber das führt vom eigentlichen Gegenstand ab...Jedenfalls ließen sich viele derartige Beispiele nennen, die sich wie ein roter Faden durch den Geburtskanal der römischen Esskultur ziehen.

Dialektal soll die Brezel im süddeutschen Raum vom vulgärlateinischen bracchioli abgeleitet worden sein. Das waren kleine frittierte Kinderarme, die die armen italienischen Bauern im etwas rückständigeren Hinterland einmal im Jahr zum Neumondfest aßen. Andere Varianten finden sich bei den sorbischen Brechzeln, lange Zeit für Kultfeste produzierte, absolut widerliche Teigexperimente und bei der in vielen Landen gebrauchten Brezza, einer armlangen Teigstange, mit der sich die Menschen nach dem Osterkuchen verprügelten.

Bäcker Hippels Wahnsinn

Der Bäcker Josep Hippel aus dem schwäbischen Altenriet behauptet seit dem Spätsommer 2009, er hätte die Brezel entdeckt, ein Monopol und ein Patent auf ihren Verkauf. Er erregte damit einiges Aufsehen in den Medien. Hippels Aufentshaltsort derzeit ist unbekannt. Er trägt einen Bademantel, Deichmann-Sandalen und einen napoleonischen Dreispitz. Bei Sichtungen bittet die Staatsanwaltschaft Stuttgart um Hinweise.

Geschichte

Auslage eines mittelalterlichen Bäckereigeschäfts aus Sicht des 19. Jahrhunderts

Die Geschichte der Brezel ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Aufgrund ihrer unklaren Anfänge ist sie zwar durchaus in den Quellen greifbar, dass es sich dabei tatsächlich um das charakteristische Gebäck handelt, ist in den seltensten Fällen zu klären. In der Zeit der karolingischen Hausmeier wurde eine „Bracchcelia“ als Ersatzgebäck für heidnische Backwaren eingeführt. Dort muss sie u.a. die Form von Eichen, Scheiben und drallen Dirnen gehabt haben.

Freilich gibt es Anzeichen für Erfindungen und Alltagsgegenstände, die auf eine charakteristische Brezel bereits im späten frühen Mittelalter schließen lassen. In Mittelengland löste die Brezel z.B. im späten 10. Jahrhundert das Stonehenge als Sonnenuhr ab (Sonnenstand im linken Loch für den Abend, im rechten für den Morgen). Die Wegwerfbrillen irischer Mönche sollen ebenfalls aus Brezeln bestanden haben...das alles ist leider keine Garantie für die Verwendung der Brezel als Nahrungsmittel.

Die frühesten Darstellungen der Brezel stammen aus einer deutschen Bilderhandschrift des 12. Jahrhunderts, wobei Mittelalterforscher seit Jahren streiten, ob es sich dabei nicht vielleicht um einen Telefonhörer oder eine Haarspange handeln könnte. Um 1557 malte der deutsche Maler Peter Prügel d. Gr. erste Verwendungskontexte von Brezeln in Fastenszenen. Besonders zur Karnevalszeit wurden demnach Brezeln als Konfekt von den Umzugsgerüsten geworfen. Meistens handelte es sich um ungebackene Teigformen, damit die Leute an den Straßen keine schweren Kopfverletzungen vom harten Gebäck davontrugen. Dass dies mehrfach geschehen sein muss, zeigt eine Nürnberger Steuerliste aus dem Jahr 1525, die unter den Kopfsteuerpflichtigen rund 23 % Brezeltote ausweist, darunter viele mit Schädel-Hirn-Traumata.

Gustav Adolfs Einzug nach Bayern. Hier von den misstraueischen Einwohnern anscheinend mit Brezelwaffen begrüßt.

In ihrer heutigen Form und Verwendung ist die Brezel erst im dreißigjährigen Krieg zweifelsfrei belegbar. Offenbar soll der schwedische König Gustav II. Adolf bei der Besetzung von München mehrere Brezelgroßbestellungen aufgegeben haben, um den bis dato unschuldigen Bayern mit dem Reinheitsgebot die schwedischen Speisegewohnheiten näherzubringen. Das heißt auch, dass Brezelbackstuben zu dieser Zeit schon existiert haben müssen. Als Nebeneffekt boomte die Bierherstellung und Bayern wurde langsam zu dem, was es heute ist. Freilich klingt es in den Ohren eines nicht Eingeweihten befremdlich, aber auch das oberbayerische Gebiet haben einst ordinäre Menschen bevölkert.

Doch neben der dekadenten bayerischen Verzehrform breitete sich das Gebäck lauffeuerartig unter den deutschen Kleinstaaten aus und drang besonders in die Adelskultur ein. Kunst und Philosophie entdeckten die Brezel für sich und Aufklärer forschten zur Zeitlosigkeit des Gebäcks, die es den Denkern durch seine Schleifenform nahelegt. René Descartes definierte mit seiner Betrachtung De Bracchiis ganz grundlegend das europäische Verständnis von der Unendlichkeit der Brezel, wie es in der westlichen Welt bis heute existiert. Gleichzeitig ließ er die Frage nach der Unmöglichkeit der Brezel offen, die ja, trotzdem sie keinen Anfang hat, doch entstanden sein muss. Demnach gehöre dieses Gebäck einer Sphäre an, die dort liegt, wo das unbegreifbare und begreifbare Wirken in dieser Welt zusammenkommen. Sie gilt somit als Symbol der Göttlichkeit. Das war vermutlich auch der Hauptgrund, warum im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts immer mehr Territorialfürsten den Brezelverzehr verbaten und allein dem höheren Stand ihren Genuss zubilligten. Die Brezelsymbolik verband sich tief mit der barocken Hofkultur. Selbst Ludwig XIV. soll statt Bundschleifen an den Kniehosen manchmal Brezelstrapse getragen haben.

Die mit der Brezel verbundene Reserviertheit außerhalb Bayerns und ihre Verankerung im Unberühbarkeitsdenken der Bevölkerung zeigt sich bis spät ins 19. Jahrhundert hinein. Noch im Historienroman "Max und Moritz" erinnert der Volkstumsforscher Willy Busch an die Zuchtstrafen für Brezeldiebe, die bei lebendigen Leibe eingebacken und dann an die Schweine verfüttert wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt war die altertümliche Brezel fast in Vergessenheit geraten, in den Backstuben des Deutschen Bunds wurde sie nicht mehr hergestellt, Metternich zensierte die Brezel in den 1830ern offiziell, als er sah, dass ein Freikorpsstudent in eine hineingebissen hatte.

Herstellung

Das moderne Verfahren zum Brezelbacken wurde Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt. Möglich ist, dass vereinzelt regionale Herstellungsvarianten existieren, die älter sind, aber mit dem standardisierten Brezelbackvorgang nichts mehr zu tun haben.

In der Zeit des Gründerkrachs nach der Gründung des Deutschen Kaiserreich von 1871 wurde die Lage für mittelständige Bäckereibetriebe der Reichsländer immer schwieriger. Otto von Bismarck ließ in Massen kostenloses Zuckerbrot produzieren, um die Arbeiterschaft der Rüstungsbetriebe damit zu beschenken und enger an den Staat zu binden, damit die mehr Peitschen gegen widerspenstige Franzosen produzieren. In diesen Gründerjahren wurde im Fürstentum Nassau das Mehl knapp und als es zu Rationierungen kam, drehten die ersten Bäckermeister durch. Ein Nassauer Bäcker fand da in seinem fast bankrotten Laden einen alten Eimer Brezelteig, ein letzter Rest von dem, was ihm noch geblieben war. Als er ihn zu einer länglichen Wurst gerollt hatte, kam ihm die eigentlich unsinnige Idee, den Teig in die Luft zu werfen, dann zu backen, danach zu essen und dann den Laden für immer zu schließen.

Wiener Walzer-Brezel, im Drei Viertel-Ofen gebacken.

Gedacht, getan, schnell flog der Teig ohne Plan und Rezept in der Backstube umher und landete durch Zufall in der Form einer Brezel. Als der Bäcker sah, wie der Teig gefallen war, wiederholte er seine Bewegungen, zwirbelte ihn an den Enden dünn und warf ihn im wilden Tanz kreuz und quer in der Küche umher. Unglücklicherweise wurde kurz darauf auch dieser Bäckerladen von unzufriedenen Nassauern geplündert und der Bäcker mit einer alten Lakritzschnecke erhängt. Allerdings hatte er seinem Überschwang einige Zeichnungen von seinem Getanze zurückgelassen. Diese Zeichnungen verwertete ein hessischer Unternehmer und baute eine erste Fabrik mit brezelbackenden Ausdruckstänzern, die im Drei-Schichten-System das Gebäck für den breiten Markt tanzten.

Schnell bildeten sich regionale Varianten aus. Die eher grobmotorig angelegten Schwaben stellten z.B. größere Brezeln mit dickeren Enden her, indem sie die gesamte Teigmasse mit den Füßen auswalzten und dann mit der Teigwurst über Kreuz Seil sprangen. So werden Brezeln in Schwaben traditionell immer noch hergestellt. Andere Bäcker, in pragmatischer ausgerichteten Regionen drehten die Brezelwurst zunächst an einem Schraubstock zurecht, den sie dann mit einem anderen Schraubstock drehten. Dieses Prinzip wurde später zur Brezelschlingmaschine weiterentwickelt.

Der Nassauer Bäckermeister hatte auch den Grundstein für einen neuen Variantenreichtum der Brezel gelegt. Als er nämlich bemerkte, dass er so gut wie kein Salz im Teig hatte, holte er ihn noch mal aus dem Ofen und bestreute ihn mit groben Salzkörnern. Damit brachte er die spätere Laugenbrezel auf den Weg. Tjaja, das war wirklich nicht der hellste...

Verwendung

Arten

Laugenvarianten

Köstliche Laugenbrezeln sind die am weitetesten verbreiteten Brezelarten. Sie wurden im kalten Krieg auf amerikanischer Seite als aerodynamisches Gebäck zur Aufrechterhaltung der Luftbrücke eingesetzt, weil Brote immer wieder in den Osten abgeweht wurden. Trotzdem landeten auch einige Brezeln in der DDR, wo man sie mit Natronlauge ungenießbar machen wollte, was aber nicht funktionierte, weil die in Verbrennungsanlagen gebackenen Brezeln nur braun wieder herauskamen.

Die braune Farbe wurde fortan zum Charakteristikum für alle breit produzierten Brezeln. Ihr Rezept gilt heute als hergebracht und wird in den Backablagen zahlreicher Supermarktketten verschiedenfach missbraucht und gestreckt. Meistens bestehen sie aus Malz, Weizenstärke und Wasser, vereinzelt wird auch Bärenstärke oder Dopamin als Ersatzstoff verwendet.
Junge Brezelfresse will seine Brezel fressen
Was aber alle Laugenbrezeln gemeinsam haben, ist ihr basisches Bad in hautaustrocknender extrem ätzender Lauge, um ihre goldbraune Farbe zu erreichen. Zugegeben, es ist kein Geheimnis, dass der gleiche Bräunungseffekt auch mit gewöhnlichem Wasser, UV-Licht oder Honig erreicht werden könnte, aber die umständliche chemische Verfahrensweise ist mittlerweile Tradition geworden. Wo sollte man auch sonst mit der Natronlauge hin, die im normalen Haushaltsbetrieb so anfällt?

Originale Laugenbrezeln kommen ledrig mit einer Hautstärke von etwa 1cm daher und können meistens nicht mit einem gewönlichen Gebiss durchtrennt werden. Echte Kenner lutschen den weichen Brezelteig im Inneren aus und lecken dann das zur Zierde aufgeklebte Kunstsalz von der Oberfläche. Dazu ritzen Bäcker auch eine Stelle in der Haut an, meist am Brezelbogen, die später aufplatzt und den Blick auf den fluffigen Teig im Innern preisgibt.

Schwäbische Brezelfressen und Neujahrsbrezeln

Ein Schwabe beißt zum ersten mal in seine Taufbrezel. Mhmmmm...

Die Brezelfressen sind an die etwas ungewöhnlichen schwäbischen Kopfformen mit ihrem natürlichen bäuerlichen Charme angepasst. Ursprünglich unter dem Gebot der Sparsamkeit gebacken, um eine Familie mit einer Brezel gerade so über den Winter zu bringen wurden die gesichtsgroßen Brezelfressen bald in den ländlichen Kultus übernommen. Besonders in Oberschwaben ist die Brezel ein Taufgeschenk anstelle einer Kerze, das junge Buben bis zu ihrer Erstkommunion aufzuheben haben. Dann können sie das erste mal von der Brezel kosten.

Die Bretzelfressen haben nichts mit den süddeutschen Neujahrsbrezeln zu tun. Zwar werden die auch auf individuellen Wunsch hergestellt, aber im Gegensatz zur christlich motivierten Brezelfresse sind sie nicht an die Kopfform des Käufers angepasst. Hier gilt vielmehr: Wer eine große Brezel hat, besitzt ein Statussymbol für Macht und Reichtum. Daher sparen badensische und schwäbische Familienväter oft jahrelang auf den Kauf einer besonders großen Neujahrsbrezel, die den Wohlstand des Hauses angemessen repräsentiert. Durchmesser von mehreren Metern sind keine Seltenheit, oftmals müssen die Käufer sogar auf der Brezel nach Hause reiten, weil das Geld für die S-Bahn fehlt. Eine Neujahrsbrezel wird auch nicht gegessen, sondern in der Stube über den Kamin gehängt und meistens auch über mehrere Generationen vererbt.

Kackbrezeln

Obacht!

Kackbrezeln sind kein Nahrungsmittel! Eigentlich. Allerdings soll es ja die speziellsten Interessen geben, daher ist lediglich die Empfehlung auszusprechen, den Verzehr von Kackbrezeln gut zu überdenken. Diese Art von innerstem Ausdruck für ein Gebäck soll angeblich in den Reihen der Wehrmachtsoldaten im Zweiten Weltkrieg entstanden sein, die besonders hungrigen Kollegen auf Freigang gerne mal "eine Brezel backten" ("ingelheimerten"). Heute ist diese Kunstform der Darmentleerung auch in diversen Schullandheimen und auf Konfirmationsfahrten anzutreffen, meist mit denselben schelmischen Hintergedanken.

Eine Besonderheit beim Verzehr von Kackbrezeln ist natürlich die Genusspassivität, denn der eigentliche Konsument hat ja kein Wissen darüber, dass der Schenkende mit dem Kackbrezelverzehr beschenkt wird. Ein schlechtes Gewissen sollte dennoch kein Schelm haben, wenn er eine hergestellte Kackbrezel verschenkt, weil die Personen, die damit beschenkt werden, meist eh schon beschissen sind.

Anders als ihre genießbaren Varianten werden gute Kackbrezeln überwiegend auf kaltem Porzellan gebacken, müssen meist jedoch noch einmal nachträglich gehärtet und gespült werden. Die Härte ist Voraussetzung für ihre Glaubwürdigkeit und Funktion. Professionelle Scherzartikelhändler bieten mittlerweile auch PVC-Brezeln an, die zwar täuschend echt aussehen, deren ursprüngliche Intention aber freilich verloren gegangen ist.

Perversionen

Ein abartiger Betrug der Lebensmittelindustrie

Weil ja hauptsächlich die Form der Brezel geschützt ist, versuchen seit einiger Zeit immer mehr Bäcker, besonders in Süddeutschland, die als ursprünglich geltenden Laugenbrezeln mit allem möglichen nachzuformen, was man in Natronlauge tunken kann. Die freche Verstümmelung des Laugenbrezelrezepts erstreckt sich von mit Salz bestreuten Blätterteig-Nussbrezeln bis zu mit Salz bestreuten Pfannkuchen- und Crackbrezeln. Bei Jugendlichen beliebt sind sogenannte Brezel-Pops, enorm süße Mixbrezeln, die mit gebackenem Mais und Butter bestreut werden. Experten warnen davor, dass man bei diesen Gebäcken den Salzgehalt gar nicht mehr richtig einschätzen kann.

Andere Perversionen finden sich in Baden und Bayern, die den höchsten BMI unter jungen Bäckermeistern aufweisen. Weil hier der Chef einer Bäckereikette oft zu faul und zu fett ist, um den traditionellen Brezeltanz zu lernen, werden Brezeln in Kuchen und Brötchenform angeboten und auf Wunsch sogar aufgeschnitten oder in Mortadellascheiben eingewickelt. Widerlich! Der Gipfel der Perversionen ist aber die Snackbrezel, eine Laugenbrezelvariante in Vorratstüten, von der Foodcoatch Christian Rach vor einigen Jahren in einer vierstündigen Enthüllungsreportage herausfand, dass es sich um ordinäre Salzstangen handelt.

Wie isst man eine Brezel?

Alte kulinarische Gemälde geben uns immer wieder (B)Rätsel über die Verzehrform auf.

Das Wissen darum, wie man eine Brezel isst, ist mit der Industrialisierung verloren gegangen. Der einst dem Adel vorbehaltene Brezelverzehr war eine spezielle Kunst, die besondere Drehungen und Windungen des Körpers und speziell gedehnte Bänder voraussetzte.

Mit ausrenkbarem Kiefer wäre es zwar möglich, eine Brezel im ganzen zu verschlingen, das ändert aber nichts an dem Problem, dass die Brezel als vollkommenes Gebäck keinen Anfang und kein Ende hat. Man könnte freilich den Mund eines Essers gleich mit in die Brezel einbacken, nur dann wäre der Mund Anfang und Ende der Brezel zugleich und wenn er ihrer Bahn beim Essen folgt, würde er zu sich selbst zurückkehren, stäünde also vor dem Problem, sich selbst zu verspeisen (und wo wäre der Mund dann?). Dieses Brezel-Mund-Paradoxon ist nicht abschließend zu klären. Faktum bleibt aber, dass die meisten Brezeln auch heute noch generell zum Verzehr geeignet sind und die alten unbekannten Techniken durch neue verdrängt wurden (wie die beschriebene Zutscheltechnik bei gemeinen Laugenbrezeln).

Keine dieser Anwendungsarten kommt freilich an die alten artifiziellen Verzehrverfahren heran. Teilweise beobachtet man ganz falsche oder brutale Zerlegungsarten von Brezeln. In westlichen Industrienationen ist der Wohlstand schon so weit gediehen, dass viele junge Mütter ihre Kinder dreimal in eine Brezel beißen lassen und den Rest entsorgen, obwohl der genauso gut ist und obwohl man den Brezelstrunken (über dem Bogen) auch mitessen kann.

Missbrauch der Brezel

Eine zweckentfremdete Kampfbrezel: Tödlicher als ein Wattebausch.

Brezeln gibt es wirklich überall, an jeder Ecke, in jedem Fußballstadion, selbst im Ausland werden Brezeln verkauft. Sogar zum Auftauen kann man Brezeln kaufen, um sie zu Hause selbst mit stark ätzender Natronlauge zu bepinseln. Ofenfertig sind solche Brezeln, wenn sieein gesundes grünes Leuchten zeigen.

Durch die Massenabfertigung mit Brezeln sind nur leider zahlreiche Unsitten entstanden, zu denen die Brezel in großem Stil zweckentfremdet wird. Die bekannteste ist noch das bayerische Brezelwerfen auf dem Oktoberfest, wo für den Preis von einer Maß Bier (umgerechnet ca. 25 Euro) Brezeln auf einen Stab geworfen werden sollen, wobei die erste hängengebliebene Brezel den Gewinner kürt. Besonders abergläubische Bayern hängen sich solche Glücksbrezeln über die Tür, um böse Geister zu vertreiben.

In vielen kleineren Tageszeitungen werden mittlerweile Kreuzwortbrezeln eingesetzt, weil den Rätselredakteuren die gewöhnliche Kastenform zu langweilig geworden ist. Das fatale daran ist, dass das Design von echten Brezeln abgepaust wird, um eine ideale Brezelform zu erhalten. Die Brezeln werden anschließend achtlos weggeworfen vollgeschmiert mit Druckerfarbe und mit Kuli bekritzelt. Auch in der Werbung wird zugunsten des Brotes immer mehr auf die Brezeln zurückgegriffen, wegen ihres griffigen satten Brauns. Jörg Pilawa, das alte Schwein, soll in der alten Rügenwalderwerbung Mühlenwurst aus dem Becher auf eine Brezel geschmiert und nach dem Dreh an seinen Hund verfüttert haben. Seinen Hund! Wenn das Joseph Hippel wüsste...

Erwähnenswertes

  • Tiefkühlbrezeln aus dem ALDI sind in Wahrheit gebrauchte Seemannsknoten.
  • Nach Auskunft fragwürdiger Optiker können Brezeln immer noch als Ersatz für Brillengestelle genommen werden. Zur Einstellbarkeit der Sehschärfe werden allerdings moderne Laugenbrezeln empfohlen.

Literatur

  • Peter Vielfraß, Verschlungene Backwaren, Essen 2004.
  • Timo Schönbach: Ein Quantum Toast, Essen 2003.
  • Max Riebling: Back an einem anderen Tag, Essen 2010.
  • Stieg Larsson: "Verbrezelt", Essen 2006.
  • Florian Florinsen: "Floristen und ihre Brezeln - Das Anfängerbuch", Pforzheim 2000.

Siehe auch