1 x 1 Goldauszeichnung von MusterMax

Titus Taugenichts tragische Tristesse

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Keine alte Socke sondern dieser Strumpf wäre Titus gern.
An einem kalten und regnerischen Jännerabend trottete Titus Taugenichts, dessen bedauernswerte Gemütslage noch trister als das vorherrschende Wetter war, die Herrengasse, deren nasser Straßenbelag im schmutzigen Schein der Straßenbeleuchtung gelblich schimmerte, entlang, setzte lust- und freudlos, aber voller Frust und Gram einen Schritt nach dem anderen auf das rutschige Trottoir, während er in Gedanken damit spielte, sich das Leben zu nehmen. Wobei er gar nicht im Sinn hatte zu sterben, denn dem Tod, der einem tragischerweise allzu selten auf dem plüschigen Pony des angenehmen Dahinscheidens aus der Welt führte, haftete etwas unangenehm Endgültiges an. Vielmehr hegte Titus den Wunsch, aus seinem alten Leben in ein neues zu schlüpfen, so wie man eine löchrige Socke einfach wegschmiss, insofern man keine tiefe emotionale Bindung zum Kleidungsstück aufgebaut hatte, um in einem neuen Strumpf glücklich zu werden.

Nun wäre es ein Leichtes Socken zu kaufen, man kann sogar unter Beschränkung gewisser ethisch-ästhetischer Standards und auf ein eigenes Vermögen gestützt Forderungen an Form und Farbe stellen, aber ein neues Leben blieb unerreichbar, denn wenngleich man auf den Sklavenmärkten dieser Welt zu hunderten Schicksale kaufen, verkaufen und gegebenenfalls verschenken konnte, falls man jemandes Gunst zu erhaschen suchte, so waren diese erstens von miserabler Qualität und änderten zweitens auch nichts an der Tatsache, dass einem das eigene Leben nur der Tod abnahm.

Angesichts des Mangels irdischer Apellationsmöglichkeiten hatte sich Titus dem Transzendenten zugewandt, sprich er war in die Basilika Unserer Lieben Frau zu den Schotten, vulgo Schottenkirche, deren barockgeschwängertes, opulent-protziges Interieur katholischen Kitsch en masse ausdünstete, gegangen, wo er sich nach einiger Suche vor einem Bild des gekreuzigten Jesus‘ zu Boden warf, um etwaige bürokratische Hindernisse, die durch den Umweg einer Heiligenkonsultation vielleicht entstanden wären, zu umgehen, und begann seine Verhandlungen, bat höflichst um ein neues Leben, wobei er immer wieder hervorhob, dass er schon alles Irdisch-Mögliche getan hatte, was mit Rücksicht auf die menschliche Ohnmacht Fortuna gegenüber zwar keine Lüge aber genauso wenig ein Verdienst darstellte, und nun auf das Wirken eines allmächtigen Gottes angewiesen sei, der, obschon man ihm nicht immer, sprich nie den geforderten Gehorsam entgegengebracht hatte, in seiner Liebe und Gonorrhoesität, womit Taugenichts wohl Generosität meinte, einer verlorenen Seele sicherlich einen neuen Körper schenken würde, denn sonst bliebe nur der Suizid und dieser wäre doch eine Sünde, die Gott natürlich nicht gut heißen könne.

Doch als sich im Anschluss an dieses Bittgesuch, dem zur Verfeinerung eine Prise Erpressung beigegeben worden war, der Himmel nicht öffnete und keine blondgelockte Schönheit mit Augen aus Smaragd unter Fanfarenklängen zur Erde herabstieg, um durch einen Fingerzeig Erlösung zu spenden, sondern Christus weiter schielend am Kreuz döste, sich anschickte Titus‘ Flehen durch Schweigen zu negieren, wie er es ehedem durch die Auferstehung mit der römischen Jurisdiktion getan hatte, stand der ehemalige Butterkeksüberprüfungsbevollmächtigte Taugenichts vom steinernen Boden der Kirche auf, wobei er ein leichtes Ziehen im Rücken verspürte, richtete den Zeigefinger seiner linken Hand anklagend wider das dunkle Gemälde und schrie, dass Gott sich sein Paradies in den Arsch schieben könne, wenn er es genauso beschissen verwalte wie die Erde, wo die ehrlichen Menschen an ihrer Tugendhaftigkeit krepieren, während irgendwelche retardierten Hurensöhne zur Strafe im Glück ersaufen, vermutlich weil eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Gott reagierte auf diese Kritik – zumindest wird es Titus später so deuten – wie jede andere Autorität, nämlich indem er einen Angestellten, in diesem Fall einen Priester, schickte, der aus der Sakristei auf Taugenichts zustürmte und blökte:

„Schleich di, depperter Muselmann, aber Jennifer.“
„Schleich di, depperter Muselmann, aber Jennifer. Spreng di woanders in d’Luft, aber himmelherrgottnoamoi net vorm Jesus, sonst samma nimma roger in Kambotscha.“

Nachdem Titus die Schottenkirche verlassen hatte, um die aktuelle Lage in Kambotscha nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen, bleib ihm nur noch der Suizid, sodass er sich, während er beim Gang durch die Herrengasse eine erbärmliche Erscheinung bot, nicht mehr mit der Frage aufhielt, ob eine Selbsttötung von Nöten wäre, sondern sich nur mehr Gedanken machte, wie diese am besten auszuführen sei, denn der ehemalige Butterkekstester wollte nicht einfach sterben, sondern möglichst rasch und schmerzlos aus dem Leben scheiden, da er die nihilistische Leere zwischen Todesgewissheit und Tod, die im schlimmsten Fall von der Erkenntnis, dass all seine Probleme abgesehen von der Unabwendbarkeit seines Dahinscheidens doch lösbar seien, abgelöst werden würde, fürchtete und ein Meer peinsamer Qualen keine befriedigende Alternative darstellte.

Am liebsten wäre Titus Taugenichts einfach gestorben, tot zusammengebrochen, umgefallen wie ein Sack Reis ohne Emotion oder Reaktion und da er sich in desperater Verfassung befand, blieb er tatsächlich vor dem Palais Batthyány stehen und beschloss seinem Leben auf der Stelle ein Ende zu setzen, einfach Kraft seiner Gedanken tot zusammenzubrechen, doch er lebte weiter. Nach einigen Augenblicken der Ratlosigkeit ob der dreisten Befehlsverweigerung seiner Vitalfunktionen, holte Titus Taugenichts in der Hoffnung, dass seine Lungen dabei platzen würden, tief Luft und sagte mit fester Stimme, dass er nun tot sei, doch sein Körper nahm davon keine Notiz.

Das Herz schickte sich an wie bisher Blut zu pumpen, welches die Nieren nach wie vor reinigten und das durch die Lungen weiterhin mit Sauerstoff versorgt wurde, wenngleich der ehemalige Butterkekstester die Luft anhielt, was sich nach kurzer Zeit aber als peinsame und daher ungeeignete Todesart herausstellte. Angeregt durch den Rempler eines Passanten, der die Meinung vertrat, dass man als derangierter Trottel seine erbärmliche Existenz nach Möglichkeit nicht auf dem schmalen Trottoir der Herrengasse ausdünsten sollte, setzte Titus Taugenichts seine Reise fort.

Schlaf- und trostlos in Wien
Dieser Weg, der kein leichter war, sollte von der Schottenkirche in die süße Finsternis des Todes führen, die zumindest als entferntes Ziel, das nach Möglichkeit ohne Umschweife über ein peinsames Leben im Gefängnis seiner jämmerlichen Existenz erreicht werden sollte, angestrebt wurde, doch wie so oft im Leben wurde es fallengelassen, sprich der ehemalige Butterkekstester setzte sich beim Burgtheater nicht in die Straßenbahnlinie 71, die vom Zentrum zum Zentralfriedhof fuhr, wo er ausgestiegen wäre, um sich in der Hoffnung wie das Mädchen mit den Schwefelhölzern lächelnd in der Kälte zu krepieren in ein frisch ausgehobenes Grab zu legen, sondern verwarf diesen Plan, den er in aller Eile innerhalb weniger Schritte erarbeitet – oder präziser formuliert – herbeiphantasiert hatte, und beendete seine Exkursion an den Styx schon am Palais Ferstel, dem ehemaligen Standort der österreichischen Nationalbank sowie der Wiener Börse, wobei Titus nicht fürchtete, dass ihm der Charonsgroschen fehlen würde, denn mangels allgemeiner Kenntnis der griechischen Mythologie wusste er nicht einmal, dass selbst der Tod nicht von der Zahlungspflicht entband, vielmehr lockten die Schatten, die auf den weißen Vorhängen tanzten, welchen den Blick in die ehemaligen Räume der Warenbörse, in denen sich nun das Café Central befand, verschleierten.

Einige Minuten verharrte Taugenichts regungslos aber nicht ungerührt vor dem großen Fenster, glaubte das Gescheppere des Geschirrs zu hören, dachte den sanften Duft von Butter und Vanillesauce wahrnehmen zu können, war sich sicher das kalmierende Spiel des Pianisten zwischen dem Hufgetrappe der Pferde und dem Motorheulen der Automobile zu vernehmen, während er in Erinnerungen schwelgte, sich die unzähligen Abende ins Gedächtnis rief, die er mit seinem damaligen Bekannten Simon Kogitor, der zu diesem Zeitpunkt Philosophiestudent und daher reich an freier Zeit gewesen war, schachspielend unter den bemalten Bögen verbracht hatte, die zahlreichen Stunden, die er mit Marlene an den kleinen, runden Marmortischen gesessen war, kommemorierte.

Doch diese Reminiszenzen, die nicht nur wegen der Mehlspeisen, die in ihnen vorkamen, süß waren, wurden vom Winterregen unerbittlich weggespült, vom schneidenden Jännerwind ohne Gnade abgetragen, sodass der ehemalige Butterkekstester sich schweren Herzens abwandte, voller Wehmut die Herrengasse, deren prunkvolle Fassaden ihm benetzt durch den Regen, illuminiert durch das kühle Licht der Straßenbeleuchtung wie höhnische Grimassen erschienen, hinab zur Hofburg blickte und schon im Begriff war loszugehen, wenngleich er nicht wusste wohin, als etwas geschah, das Titus, der verzweifelt ein himmlisches Omen herbeisehnte, welches ihm hoffentlich die Last der Entscheidung abnähme, später ein göttliches Zeichen nennen würde:

Eine kleine Mariachigruppe, deren breitkrempige Sombreros und buntverzierte Westernstiefel nicht recht zur tristen Winterszenerie passten, fuhr in einem offenen, rosafarbenen Fiaker, das von einem schlanken Rappen und einem athletischen Atlasschimmel gezogen wurde, die Herrengasse hinauf, während sie eine mexikanische Coverversion von Mozarts Lacrimosa spielte. Tief getroffen von der pathosgeschwängerten Interpretation des Seufzermotivs durch den Trompeter und bis ins Mark erschüttert von der herzzerreißenden Stimme des Sängers, der, obschon er die Zügel in der Hand hielt, die nicht zum Rhythmus der Musik passende, spanische Translation des lateinischen Originals durch übertriebene Gesten aufzuwerten versuchte, sah der ehemalige Butterkekstester in der im Nebel verschwindenden Straße den Weg in die Endgültigkeit des Nichts, hielt die herausgeputzten Häuserfassaden für die unerklimmbaren Wände der Klamm der Verzweiflung, in der der Fluss des Lebens dem Abfluss des Todes entgegenströmte, sodass es ihm angesichts der unausweichlichen Unabwendbarkeit der Irrelevanz allen Seins gestattet schien, sich für einige Zeit ins Kaffeehaus zurückzuziehen; freilich nur um seinen Suizid zu planen.

Der Weg ins Glück Café Central.
Also ging er los, um sofort links abzubiegen und die Doppelschwingtür zu durchschreiten, über der vor dunklem Hintergrund in schlichten, goldenen Lettern stand: „Café Central“. Der längliche Gastraum, der von bunten Bögen überdacht und schmalen Säulen gegliedert wurde, war erfüllt vom Geschwätz und Geplaudere der Gäste sowie Geschepperre und Geklirr des Geschirrs, unter das sich das unprätentiöse Spiel des Pianisten mischte, der einen Strauss-Walzer erklingen ließ. Es duftete nach Butter, Vanillesauce, Kakao und Kaffee. Eine Melange, die süße Erinnerungen weckte, denen ein mit schwarzem Gilet und roter Krawatte gekleideter Kellner ein Ende setzte:

„Schön Sie wieder zu sehen. Spontanbesuch oder haben Sie reserviert?“ Gerührt durch die freundliche Begrüßung erwiderte Taugenichts enthusiastischer als es im Gespräch zwischen Gast und Bedienung üblich ist: „Spontanbesuch. Ich würde demnächst gerne das Leben hinter mir lassen, wo wenn nicht im Kaffeehaus kommen einem die besten Ideen?“ „Verständlich. Bei dem Wetter würde ich das auch gerne tun.“ „Wie bitte?“ „Urlaub wäre ein Traum. Ich mache meinen Job zwar gerne, aber ich hätte kein Problem damit, wenn ich morgen für zwei Wochen in die Karibik fliegen müsste. Sie wissen schon; für vierzehn Tage das Leben hinter sich lassen und der Kälte entkommen.“ „Ach so. Ich persönlich dachte an etwas Langfristigeres.“

„Nun sollten wir uns aber um den Tisch kümmern. Sie sind ja nicht zum Plaudern gekommen. Ich kann Ihnen einen Platz am Fenster anbieten. Wenn Sie mir bitte folgen würden,“ erwiderte die Bedienung und führte den ehemaligen Butterkekstester, der nichts gegen ein längeres Gespräch oder irgendeine andere Form der sozialen Interaktion, die zeigte, dass ihn nicht jeder, sondern anscheinend nur sein persönliches Umfeld verachtete, gehabt hätte, an einen kleinen, runden Marmortisch, der unweit des Fensters stand, durch das Taugenichts vor wenigen Minuten noch sehnsuchtsvoll geblickt hatte, dann fragte sie, nachdem der Gast Platz genommen hatte:

Der Innenraum des Café Central
„Wissen Sie schon, was ich Ihnen bringen darf oder wollen Sie erst einen Blick in die Karte werfen?“ „Ich war schon so oft hier, da sollte ich’s eigentlich aus dem Gedächtnis schaffen. Also: Eine klare Rindssuppe, dann das Wiener Schnitzel, aber aus den Petersilerdäpfeln machen wir lieber einen Erdäpfelsalat und zum Schluss eine Sachertorte mit Schlagobers.“ „Was darf’s zum Trinken sein?“ „Ein großes Soda Holunder bitte.“ Es war wie früher, nur dass sein Leben jetzt in Scherben lag, weshalb er nach kurzer Pause, die sich aufgrund ihrer Kürze wie eine stumme Silbe in seine Rede fügte und dadurch die Spontanität des kommenden Einschubs verschleierte, ergänzte: „Haben Sie auch Whisky?“ „Ja.“ „Dann bringen Sie mir bitte einen.“ „Welcher darf es sein? Johnny Walker, Chivas Regals-“ „Ersparen’S ma die Details. Die sam a wurscht. Was weiß ich? Bringen’S einfach einen Johnny Walker.“ „Also ein großes Soda Holunder und ein Whisky?“ „Ich glaube wir streichen das Soda Holunder und machen dafür den Whisky größer, wenn’s möglich wäre.“ „Kein Problem. Ich bringe Ihnen dann gleich Ihre Bestellung,“ sagte der Kellner und ließ Titus Taugenichts mit seinen Erinnerungen allein.

Es waren Erinnerungen an glücklichere Zeiten, in denen er motiviert durch die Illusion in der Welt dauerhaft etwas bewirken und sich so von der Schuld seiner Konsumsklaverei freikaufen zu können zwischen den Vorlesungen auf der Straße stand und die Leiden der nicht immer hilfsbedürftigen, aber immer mitleidswürdigen Menschen, deren zumindest in seinen Augen schreckliche Lebenslage der Brust des gefühlstrunkenen Philanthropen ein bedauerndes Seufzen entlockte, bewarb, um sich dann bei Mehlspeisen und Kaffee, denn die Hauptspeise – bevorzugt ein Wiener Schnitzel, aber gerne auch geröstete Leber oder Tafelspitz – schlang er getrieben von der Sorge, dass diese kalt werden könnte, meist eiligst hinunter, über die mitleidserregende Situation bestimmter Personen oder Gruppen zu echauffieren, insofern er nicht durch Wichtigeres eingenommen war, wie die Erörterung des neusten Katsch‘ mit seiner Freundin Marlene Schlossöffner oder einem hübschen Frauenlächeln, das seine Aufmerksamkeit einforderte.

Auch Salome, seine spätere Ehefrau, hatte der ehemalige Butterkekstester im Zuge eines Rendezvous, dem dritten um genau zu sein, in die Räumlichkeiten dieses Cafés geführt, wenngleich sie nie Gefallen an diesem Lokal gefunden hatte. Und so kam es, dass Titus Taugenichts entgegen seiner escapistischen Absicht angeregt durch die Reminiszenz jenes dritten Stelldicheins den Vorfall, der am Nachmittag stattgefunden und die Kulissen seines Lebens zum Einsturz gebracht hatte, Revue passieren ließ:

Titus hatte heute seine Arbeit früher als sonst beendet, um seine Frau, die Geburtstag hatte, zu überraschen. Ein kümmerlicher Strauß Tankstellenrosen, deren verwelkte Blüten zu schwer für die dürren Stängel waren, sowie ein Dutzend Lochkrapfen mit Zuckerglasur und Erdbeermarmeladenfüllung sollten auf ein romantisches Essen in einem kleinen, italienischen Restaurant einstimmen, doch seinen Plänen wurde ein jähes Ende bereitet, als er die gemeinsame Wohnung im elften Wiener Gemeindebezirk betrat und statt des vertrauten Gestammels des Fernsehers, das ihn an so vielen Abenden in den Schlaf geleitet hatte, die Arie „Vesti la giubba“ aus Leoncavallos Oper „Pagliacci“ vernahm, die von eigentümlichen Geräuschen begleitet wurde, deren Quelle im Schlafzimmer zu liegen schien, sodass sich Taugenichts darauf bedacht seine Ankunft nicht vorzeitig zu verraten leise dorthin schlich und die Tür öffnete.

Salome, deren feuerrotes Haar über die unbedeckten Schultern fiel, kniete fast nackt – nur die Latexschürze des Umschnalldildos, mit dem sie den Anus eines kleingewachsenen Mannes penetrierte, bedeckte ihre Scham – am Bett, stieß mit ihrem Becken, als würde sie keinen Sexualakt, sondern eine Tunnelbohrung vollziehen, gegen das Gesäß des passiven Partners, während sie mit nasaler Kopfstimme schrie: „Hoc tibi placet! Hoc tibi placet!“ was mit ekstatischem Grunzen quittiert wurde. Unschlüssig schritt Titus durch die Tür, betrachtete einige Augenblicke konsterniert den halberigierten Penis, der wie ein Glockenklöppel gegen den Damm klatschte, dann begann er zu singen:

Zum Geburtstag viel Glück. Zum Geburtstag viel,“ doch seine Stimme brach, Tränen erstickten das Lied, das nicht wie üblich im hypokritischen Jubel aufging, sondern mit dem dumpfen Aufprall einer Lochkrapfenschachtel, deren Inhalt sich wie für glasiertes Fettgebäck nicht ungewöhnlich lautlos und unspektakulär verstreute, einen unüblichen aber ästhetisch nicht minderwertigen Abschluss hatte.

Augenblicklich fand der Analverkehr in einer dramaturgischen und daher ursprünglich wohl nicht intendierten Klimax ein sexuell wie sozial unbefriedigendes Ende. Nur der Penis war sich des Ernsts der Lage nicht bewusst, sondern schwang noch einige Male fröhlich hin und her, ehe er die durch die Gravitation diktierte Ruhelage erreicht hatte. Sein Besitzer sah sich jedoch angesichts des moralischen Fehltritts genötigt, irgendetwas zu tun, um dieser unangenehmen Situation entkommen zu können, was keineswegs bedeutete, dass er sich bemühte den Dildo aus seinem Darmausgang zu entfernen, vielmehr beschränkte er sich darauf das Gesicht, das von einer Schweinsmakse bedeckt wurde, zu Titus zu drehen und mit eher überraschter als schuldvoller Stimme auszustoßen:

Jugendfreie Nachstellung der Ereignisse
Scheiße Titus! Das tut mir leid“, womit er erstaunlicherweise eine ambitioniertere Krisenbewältigung als Salome an den Tag legte, die sich damit zufriedengab, den Strapon abzunehmen und sich breitbeinig aufs Bett zu legen, als wäre ihre Vulva eine gelungene Kopie von Courberts „L’Origine du monde“, die allgemeinen Befall erheischen müsse, und kein weibliches Geschlechtsorgan, dessen allzu offenherzige Präsentation in der Regel sozial sanktioniert wird, vor allem wenn man gerade des Ehebruchs überführt worden war.

Stumm aber nicht lautlos, da Tränenflüssigkeit und Nasenschleim die Atmung hörbar erschwerten, verfolgte Titus wie sein bester Freund Karl, den er an der Stimme erkannt hatte, sich vom Bett erhob, ohne eine Hose anzuziehen oder die Maske abzunehmen auf ihn zuschritt, wobei ein unschuldiger Lochkrapfen, dessen rote Füllung in hohem Bogen durch die Luft spritzte, vom rechten Fuß zerquetscht wurde, und ihn länger als notwendig umarmte, während er säuselte:

„Das tut mir wirklich leid. Ich weiß, dass ich ein Schwein bin. Ich weiß, dass es falsch war. Aber ich bin auch nur ein Mann; ein Mann, der in den Arsch gefickt werden will und finde einmal eine Frau, die dich in den Arsch fickt. Die meisten wollen ja nicht einmal den Finger in den Arsch stecken, weil sie das für schwule Scheiße halten. Aber deine Frau, Titus, ist sich dafür nicht zu schade. Die fickt-“ „Glaub mir Karl, ich kenne das Gefühl von ihr in den Arsch gefickt zu werden nur zu gut.“ „Ich verschwinde dann besser einmal. Ihr beiden habt sicherlich einiges zu bereden.“

So zog sich Karl aus der Affäre, schloss die Tür und entschied sich ein Bier zu trinken, das er sich sua sententia nach dieser peinlichen Situation verdient habe. Taugenichts blieb ratlos zurück, wartete vergebens, dass seine Frau, die immer noch wie eine intoxikierte Nudistin auf dem Bett lag, mit der Rechtfertigung begann und um Vergebung flehte, wobei es ihm einerlei war, ob sie nun Asche auf ihr Haupt streuen oder Wäscheklammern an ihren Brustwarzen befestigen würde, die Reue stand im Vordergrund, doch diese Genugtuung blieb ihm verwehrt, Schweigen lautete die Antwort der Wahl, insofern es sich dabei überhaupt um eine handelte, sodass der Butterkekstester selbst das Wort ergriff:

„Salome“, doch Salome zog es vor zu schweigen. „Wie müssen reden.“ „Was willst du hören? Dass es mir leid tut? Dass es nicht das war, wonach es aussah? Natürlich, Titus! Nur zu gern! Es war nicht das, wonach es aussah. Ich habe Karl gar nicht gefickt, sondern in seinem Arsch nach Öl gebohrt und um meine Kleidung nicht zu ruinieren, habe ich mich splitterfasernackt ausgezogen. Gefällt dir diese Ausrede? Ich habe noch eine bessere: Karl arbeitet jetzt als Deckstute in einem Pferdezuchtbetrieb und hat mich gebeten, seine Rosette zu dehnen, damit die Hengstpimmel seinen Arsch nicht zerreißen. Ich habe ihn auch an meine Titten gelassen, denn für dich sind sowieso alle Männer, die sich etwas in den Arsch stopfen, Schwuchteln. Keine Konkurrenz für Titus Taugenichts. Du fandest es sogar geil, als du mich damals mit Bathseba erwischt hast. Karl war auch nur passiver Partner. Bist du beruhigt?“ „Es wäre ein Anfang, wenn du endlich die Clownmaske abnehmen würdest.“ „So, Ihr Whisky und einmal die Rindssuppe. Ich wünsche guten Appetit“, sagte der Kellner und entriss Titus damit den Erinnerungen.

Dieser murmelte einen Dank, zumindest würde der undifferenzierte Laut, dessen Klang einer Mischung aus weinerlichem Schluchzen und animalischem Grunzen glich, als solcher interpretiert werden, und fragte sich, ob die Suppe ausreichen würde, um sich zu ertränken. Einige Sekunden starrte der ehemalige Butterkekstester mit feuchten Augen auf den Tisch, dann griff er zum Löffel, schien Essen doch reizvoller als Sterben. Während er letscherte Frittaten und buntes Wurzelgemüse herunterschlang, wärmte die Suppe Magen wie Herz, sodass er sich in der Lage sah, die tragischen Geschehnisse des heutigen Tages anderen Personen zu schildern, ohne nach wenigen Worten in Tränen auszubrechen, und beschloss daher seine Eltern anzurufen.

"Ein Freund, ein guter Freund..."
Dieser Entschluss war nicht durch Sentimentalität, denn Titus hatte kein besonders inniges Verhältnis zu seinen Eltern, sondern durch eine gewisse Ratlosigkeit motiviert – Der ehemalige Butterkekstester entscheid sich einfach für den Anruf, weil er dachte, dass andere Menschen in seiner Position so handeln würden.

Überdies hatte er auch nur im Sinn mit seinem Vater zu sprechen, weil der Kontakt zur Mutter, die es nach eigener Aussage nicht verkraftete, dass ihr Sohn, nachdem sie ihm ihr Glück geopfert, sie durch eine Frau ersetzte habe, nach der Hochzeit abgebrochen war, aber der Vater wiederum hatte es nie überwunden, dass es letztendlich ein Junge und kein italienischer Sportwagen geworden war, was ebenfalls keine solide Basis für eine gute Beziehung darstellte. Nachdem Titus die Suppe gegessen hatte, fischte er sein altes Mobiltelefon aus der Sakkotasche und drückte nach kurzer Suche in der Kontaktliste die große, grüne Taste:

„Sohn, was gibt’s?“ „Kann ich nicht einfach nur so anrufen?“ „Von mir aus. Ist dein Geld. Also?“ „Wie geht es dir?“ „Bist du dir sicher, dass ich dir nicht wieder erklären soll, wie man einen Bohrkopf wechselt?“ „Das war einmal.“ „Einmal zu oft. Aber vielleicht hast du dir ja die Gebrauchsanleitung in die Fut gestopft, damit du’s nicht mehr vergisst, denn deine Frau fickt sowieso lieber in den Arsch.“ „Salome hat mich betrogen; mit Karl. Und noch dazu-“ „Scheiße, Sohn, ich habe dir so oft von den zwei Fs im Umgang mit Frauen erzählt: Ficken und Ferschwinden.“ „Verschwinden schreibt man mit V“ „Wenn du deine Nase weniger in Bücher und deinen Schwanz öfter in deine Frau gesteckt hättest, hätten wir den Schmarrn nicht.“ „Bitte, Papa, das ist nicht leicht für mich.“ „Tut mir leid. Hast du dir gestern den Slalom angesehen?“ „Du weißt, dass ich mir so etwas nicht anschaue.“ „Du hast nichts verpasst. Der Nebel hat’s ruiniert und am Ende ist auch noch die Piste gebrochen.“

Dann verstummte das Gespräch mangels gemeinsamer Basis für einen Augenblick, ehe der Vater des gewesenen Butterkekstesters etwas verlegen gestand: „Ich muss auflegen. Die Mikrowelle ruft. Schau einfach vorbei, wenn du in der Nähe bist, dann können wir gemeinsam ein Bier trinken:“ Doch momentan schaute Titus, der wie die meisten Menschen, obschon er wusste, dass ihm sein Vater – euphemistisch formuliert – nicht sonderlich zugetan war, die unbequeme Wahrheit in eine schwarze Kiste gesperrt hatte, um sich nie damit befassen zu müssen, sodass, als man ihm nun deren Inhalt wie eine Cremetorte ins Gesicht geschmissen hatte, der Schmerz ungemindert war, enttäuscht auf sein veraltetes Mobiltelefon, das keinen Internetzugang hatte, sprich weder therapeutisch wertvolle Katzenvideos, in denen der despotische Fellball unter allgemeinen Beifall in die Kartonage springt oder wie der Teufel persönlich auf dieser hervorkriecht, noch moralisch in irgendeiner Art und Weise verwerfliche, dafür aber praktisch leicht umsetzbare Suizidanleitungen bot, sondern es nur gestatte, Anrufe auszuführen, was bei einer Kontaktliste voller Personen, mit denen man nicht reden wollte, der Nutzlosigkeit gleichkam, dann glitt der Blick zur leeren Suppentasse, die die Qual noch steigerte, bis sich die Kellnerin erbarmte und dieses Fanal der ausgeschöpften Möglichkeiten wegtrug.

Gemäß den Gesetzen der Gestaltpsychologie wird ein Text, der sich in der Nähe einer schönen Frau befindet, ebenfalls als schön empfunden.
Tatsächlich spielte Titus mit dem Gedanken, seinem Vater einen Besuch abzustatten, hatte er doch nun Zeit, da er nicht mehr arbeiten musste, denn nachdem Taugenichts den Ehebruch seiner Frau aufgedeckt hatte, kehrte er in die Keksfabrik zurück, um in der Arbeit Trost zu finden, sprich den Kummer durch das Testen von Butterkeksen auf ihre Knackigkeit und Knirschigkeit zu verdrängen. Doch der damals noch regulär angestellte Butterkekstester kam nicht einmal in sein Büro, wo auf dem großen Eichenholzschreibtisch das Tellerchen mit dem Gebäck stand, denn als er sich bei seinem Vorgesetzten anmelden wollte, vergaß er zu klopfen und platzte in eine Besprechung, während sein Chef gerade einen Apparillo anpries:

„Der Buttercookietester 9999 ist nicht nur in der Lage zwischen ‚Hart wie das Finanzamt‘ ‚knackig‘ ‚nicht ganz so knackig‘ und ‚letschert wie ein Gummiringerl‘ zu unterscheiden, sondern kann die Kraft, die nötig ist, um einen Keks zu brechen, präzise messen und die Daten dann in einer bunten Kurve verwurschteln, sodass wir keinen staatlich konzessionierten Butterkeksüberprüfungsbevollmächtigten mehr benötigen.“

Leise, als würde er mit sich selbst sprechen, fragte Titus: „Heißt das, ich werde gefeuert?“ „Scheiße, Taugenichts, war machen Sie hier? Sie sollten doch bei Ihrer Frau sein.“ „Die betrügt mich.“ „Und nun sind Sie hier, um mir eine reinzuhauen?“ „Warum sollte ich das tun?“ „Für mich waren Sie immer schon ein Spinner, aber selbst Sie sind sicherlich nicht hier, um mir den Schwanz zu lutschen, nachdem ich selbigen in Ihre Frau gesteckt habe.“ „Sie auch?“ „Hat mich die Schlampe etwa betrogen? Sie hat mir gesagt, ich wäre der Einzige, weil zwischen Ihnen nichts mehr läuft, da Sie sich ja nicht in den – Nun ja, Ihr Privatleben müssen wir nicht in aller Öffentlichkeit bereden.“

Auch Taugenichts stand nicht der Sinn nach Reden. Stattdessen stürmte er los und riss seinen Vorgesetzte von den Beinen, um dann auf den am Boden liegenden einzuschlagen: „So, einmal das Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat,“ sagte der Kellner und entriss den ehemaligen Butterkekstester seinen Gedanken. Dieser verzichtete angesichts seiner desolaten Verfassung auf eine Reaktion, nachdem es mit dem Dank für die Suppe nicht funktioniert hatte, sondern starrte einfach auf das Schnitzel, das mit seinem goldenen Lächeln und sanftem Butterodeur die Speicheldrüsen kitzelte sowie den Gaumen frohlocken ließ. Erfreut stellte Titus fest, während er genüsslich auf dem panierten Kalbfleisch herumkaute, dass, obschon sein Leben in Trümmern lag, die Schnitzel genauso schmeckten wie früher. Die nussige, weichgeklopfte Oberschale fand in der im Butterschmalz herausgebackenen Panier ihren Seelenverwanden. Dieses ungleiche Paar, das den Vergleich mit Romeo und Julia oder Heinrich und Margarethe nicht scheuen musste, fußte in einer Harmonie, die in ihrer Perfektion transzendierte. Jeder Bissen war die Katharsis des Hedonisten. Doch diesem Glück war ein Ablaufdatum gesetzt.

Das Glück dieser Welt liegt in den Mehlspeisen.
Nachdem das Schnitzel gegessen und der Teller entfernt worden war, blickte Taugenichts auf die nackte Marmortischplatte. Gedankenverloren griff er zum ersten Mal an diesem Abend zum Glas, führte den Whisky an seine Lippen und verzog gleichdarauf das Gesicht. So sehr wie das Leid in seinem Herzen brannte, brannte die Spirituose in seinem Hals und ihm gefiel weder das eine noch das andere, doch es war erträglich geworden.

Einige Minuten blickte Taugenichts in den Gastraum, dachte nicht an Tod und Verzweiflung, sondern schwelgt in Erinnerungen, dann griff er zum Mobiltelefon, welches ihm vor wenigen Minuten noch nutzlos erschienen war, da es niemanden gab, der mit ihm reden hätte wollen, und drückte, nachdem er den Kontakt, von dem er sich erhoffte, dass er seine Leiden lindern würde, ausgewählt hatte, die grüne Taste. Einige Male war der Freiton zu hören, dann meldete sich eine weiche Frauenstimme: „Das ist die Sprachbox von Marlene Schlossöffner. Leider kann ich Ihren Anruf derzeit nicht entgegennehmen. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton oder rufen Sie später wieder an.“

Es tat gut ihre Stimme zu hören, denn wenngleich Marlene vor sieben Monaten bei einem Mopedunfall – sie hatte bei voller Fahrt eine Kollision mit einer Taube und als Folge auch noch eine mit einer Eiche gehabt – ums Leben gekommen war, war sie Titus immer eine treue Konfidentin gewesen, die ihn geschätzt und respektiert hatte. Die Kellnerin brachte Sachertorte und Schlagobers, was der ehemalige Butterkekstester nutzte, um eine Melange zu ordern. Für einige Augenblicke ließ Titus Taugenichts seinen Blick durch den Gastraum schweifen, fühlte den weichen Stoff der Bank, auf der er saß, lauschte dem Pianisten, der KV 485 spielte, dann nahm er den schmalen Löffel in die Hand und schöpfte etwas Schlagobers neben die Sachertorte, wissend, dass es im Café Central immer einen Tisch für ihn gab, insofern er rechtzeitigt reservieren würde.