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Diverses:Täglich grüßt das Rentier

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Es war früher Nachmittag, als ich am 27. November des letzten Jahres meinen Bioladen abschloss, um mit der Straßenbahn zum Bahnhof und anschließend mit dem Nahverkehrszug und dann noch mit dem Bus und ein Stück zu Fuß, nach Hause auf unseren Öko-Hof zu fahren. Am frühen Abend würde ich daheim sein.

Die Fahrt war recht kurzweilig. Ich las Peter Lustigs Ökologisches Manifest und diskutierte mit einem tschechischen Punk auf Englisch die Vorzüge eines alternativen Lebensstils im Zeitalter der postmodernen Konsumgesellschaft. Wir waren uns darüber einig, dass die Welt dem Untergang geweiht ist, sofern wir nicht alle grundlegend unser Verhalten ändern. Uns selbst eingeschlossen.

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Unseren Hof erreichte ich erst gegen 22.30 Uhr, weil der Zug Verspätung hatte und ich den anschließenden Überlandbus verpasste. Die anderen elf Mitglieder unserer Kommune schienen schon zu schlafen. Es brannte kein Licht hinter den Fenstern. Als ich den Flur betrat und das Licht einschaltete, begrüßten mich unsere vier Hunde und drei unserer sieben Katzen. Ich kochte mir einen Ingwer-Grünwurz-Tee und schürte das Feuer im Wohnzimmerkamin, das beinahe erloschen war. Die anderen konnten also noch nicht so lange im Bett sein. Ich fragte mich, wer bei wem im Bett lag und ob mich in meinem Bett auch jemand erwartete.

Die Anspannungen des Tages fallen lassend, ruhte mein Blick auf dem Kaminfeuer, während ich im Ohrensessel saß und an meinem Tee nippte. Die Hunde machten es sich zu meinen Füßen gemütlich. Die drei Katzen machten es sich auf den Hunden gemütlich. Und als auch die anderen vier Katzen nach und nach eintrafen, machten auch sie es sich zu meinen Füßen bequem und knoteten sich in das immer größer werdende Fellbündel ein.

Von oben hörte ich Geräusche. Als würde jemand Möbel verrücken. Sicher Kordula und Tristan. Wenn die beiden zusammen übernachteten, dann geht es immer ziemlich wild her. Einmal trieben die beiden es auf der Kühlerhaube des alten Traktors, der danach immer wieder Startprobleme hatte. Weiß der Teufel, was diese zwei Halbperversen mit dem armen Fahrzeug gemacht haben. Sie wollten es uns nie verraten.

Wieder Geräusche von oben. Und ein rieselndes Geräusch. Dann ein Kratzen und ein Ächzen. Das kam aus dem Kamin! Plötzliche kam eine gewaltige Russladung von oben herab und erstickte das Feuer im Kamin. Ein Husten drang aus dem Schlot.

"Bisschen früh für Weihnachten", sagte ich, mit Blick auf den Kalender, der den 27. November anzeigte. Das konnten also nur Einbrecher sein! Ich hob die unbefestigte Bodendiele an, unter der unser Gewehr lag. Ich lud die Waffe durch und richtete sie auf den Kamin. Die elf Tiere zu meinen Füßen wurden unruhig.

"Wrff", machte unser Bernhadiner Bongo leise.

"Schhh...", zischte ich.

Die Tiere blieben ruhig, während die Geräusche aus dem Kamin lauter wurden und mehr und mehr Ruß aus dem Schlott staubte. Kimme und Korn des Gewehrs bildeten eine Einheit. In ihrem Ziel wurden Füße sichtbar. Und dann plumpste der Einbrecher unversehens auf die erloschenen Scheite im Kamin und verursachte eine gewaltige Staubwolke. Ich machte mich zum abdrücken bereit, als die Stimme des Einbrechers mir Einhalt gebot.

"Ho, ho ho!", sprach der Eindringling. "Fröhliche Weihnachten!"

"Scheiß Junkie", sagte ich. "Keine Bewegung! Was willst du? Geld? Gold? Blei kannst du haben!"

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Mir fiel auf, dass die elf Tiere zu meinen Füßen nicht mehr zu meinen Füßen lagen, sondern sich feige hinter meinem Sessel versteckt hatten. Von denen konnte ich also keine Hilfe gegen den Einbrecher erwarten. Aber ich hatte das Gewehr und sprach: "Auf den Boden!"

Der Einbrecher gehorchte. Ich war genau so verblüfft wie Hasko, unser Labrador, der neugierig hinter dem Sessel hervorblickte. Der Einbrecher war von Kopf bis Fuß vom Ruß geschwärzt. Aber von der Form, der Kleidung und dem doofen Bart her, hätte der Junkie tatsächlich als Weihnachtsmann durchgehen können. Man konnte auch unklar einen roten Schimmer auf seinem verrußten Mantel und seiner albernen Zipfelmütze erkennen. Der Einbrecher hatte offensichtlich darauf spekuliert, dass er von Kindern, die durch seinen Einbruch aufwachten, als Weihnachtsmann anerkannt würde, um so gemütlich ganze Haushalte auszurauben. Das macht auch Sinn. Ein großer Anteil der Bevölkerung sind Kinder oder dumm oder beides. Die Chance, als Einbrecher erkannt zu erden, würde dabei um ungefähr 50 % sinken.

Während mir diese Gedanken im Kopf kreisten und ich zum Telefon greifen wollte, um die Polizei zu rufen, klingelte es an der Haustür. Niemand im Haus reagierte darauf. Es schellte erneut. Ich nahm die Liebesketten von der Wand und fesselte den Einbrecher damit. Dann ging ich zur Haustür, richtete das Gewehr darauf und öffnete sie.

Ein kleiner Wicht mit grüner Zipfelmütze und Bart stand vor mir.

"Entschuldigen Sie die späte Störung", sagte er höflich. "Der Schlitten vom Weihnachtsmann steht auf ihrem Dach und da dachte ich, er sei vielleicht hier."

Ich richtete das Gewehr auf den Wicht.

"Nicht schießen!", flehte dieser. "Schauen Sie selbst".

Er deutete aufs Dach und machte mir Platz. Ich trat aus der Tür heraus. Das Gewehr blieb dabei auf den späten Besucher gerichtet. Und tatsächlich. Auf dem Dach stand ein Schlitten mit Rentieren davor gespannt. Ich hatte ein Weihnachtswunder erlebt!

Der Wichtel entschuldigte sich für das Verhalten des Weihnachtsmanns.

"Der Weihnachtsmann ist alt und beginnt, dement zu werden. Seit Wochen fliegt er alle paar Tage durch die Welt und verteilt Geschenke, so fern er diese nicht am Nordpol vergisst. Wir sind vollauf damit beschäftigt, auf den Weihnachtsmann aufzupassen. Manchmal geht er uns aber leider durch die Lappen. Wie in Ihrem Fall. Ich bitte dies höflichst zu entschuldigen."

Ich nahm die Entschuldigung des Weihnachtswichtels an und er nahm den Weihnachtsmann wieder mit, der auf dem Beifahrersitz des Schlittens Platz nahm und unentwegt "Ho, ho, ho" rief.

Der Weihnachtsmann sollte bis Weihnachten noch ganze sieben Mal zu uns kommen. An Heiligabend selbst kam er aber nicht. Ein Wichtel teilte die Geschenke aus und entschuldigte sich für die Abkömlichkeit des Weihnachtsmanns. Er sei wieder mal ausgebüxt und fliege mit einem Schlitten voller Kartoffeln um die Welt.

~ Ende ~