Gelungener Artikel2 x 2 Goldauszeichnungen von Sky und Crazy Gangster

Diverses:Gunshow

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Typischer Prä-Montag.

Wenn ich so zurück denke:
Sonntage sind diese Prä-Montage, die mir schon immer wie der Rotz vor dem grippalen Infekt das Wochenende an sich versauen, ohne dass man eigentlich krank ist. Ich hasse Sonntage, meistens mache ich da doch eh nichts - und damit meine ich auch NICHTS. Höchstens in der Glotze N24 genießen, was ich allerdings nicht genießen kann, da ich mich tief im Inneren mit dem Gedanken herumärgern muss, dass ja am nächsten Tag Montag ist und ich auf Arbeit mal so überhaupt keinen Bock habe. Also kann ich eigentlich unerwähnt lassen, dass ich zu keinerlei Aktivität zu ermutigen bin. Weder mit Freunden, noch mit mir selber. Höchstens vielleicht Mila Kunis würde mich aus der Lethargie reißen können, wenn sie vor mir stände. Aber auch nur, da ich für diese Art von Arbeit das Bett nicht verlassen müsste - falls man versteht, was ich meine... Die meisten aber müssten an meinem Tagesprofil inzwischen gemerkt haben: Ich bin eigentlich Student, die Arbeit mache ich zum Geldverdienen nur nebenbei (wobei der Job als Dealer bei meiner aktuellen Arbeit ein weitaus erstrebenswerterer Beruf wäre).

Dieser Sonntag aber war anders. Schon vor vielen Wochen überredete mich ein guter Kumpel dazu (wobei das nach dem gefühlten 3-stelligsten 43er keine fairen Verhandlungsbedingungen mehr waren), zu dieser einen Bühnenshow da mitzugehen. Da sollten auch Stars wie Dennis Wolf auftreten, wobei ich keine schlüssige Antwort mehr geben konnte, ob das ein Mitglied von Tokio Hotel oder Cinema Bizarre war. Also ließ ich ihn einfach reden, während ich im Hintergrund weiter „Bettina, zieh dir bitte etwas an“ grölte, obwohl ich zu dieser Zeit keine Ahnung mehr hatte, wer Bettina eigentlich war, aber von mir aus hätte sie sich die Kleider auch vom Leib reißen dürfen, denn die Party war eh scheiße. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir schreiben den 1. September 2013, 13:35. Und ich musste schon aufstehen. Ist das zu glauben? Da ist mal nach gefühlten zwölf Dekaden ein Wochenende dabei und man kann trotzdem nicht ausschlafen. Völlig übermüdet schleppte ich mich zum Kleiderschrank und suchte mir einen Pulli raus, roch ein- bis zweimal dran und zog ihn über mein Unterhemd an. Die Jeans für die Woche hing über meinem Schreibtischstuhl. Ich schaute in den Spiegel, rubbelte einmal kurz durch die Haare und dachte mir: „Läuft.“ Für die Dosis Dusche sorgte das Axe, was übrigens bis heute einen festen Teil meiner selbst ausmacht. Hinzu kommt, dass man mich schon drei Kreuzungen vorher erriechen kann, was an unübersichtlichen Rechts-vor-links-Kreuzungen durchaus ein Vorteil sein kann. Zu schade, dass ich kein Auto besitze. Mit dem Fahrrad habe ich ja nämlich immer Vorfahrt.

Kurzer, leichenkräftiger Handschlag und ein schlanker Smalltalk. So begann das immer, wenn ich meinen Kumpel traf. Wobei, zu meiner Verteidigung: Während er mir mit seiner Hulk-Hand bei der Begrüßung sämtliche Finger zu einem Gesamtkunstwerk komprimierte, habe ich aus Platzmangel gar nicht die Möglichkeit gehabt, ausreichend Energie aufzubauen, um diesem entgegenzuwirken. Ja, mein bester Kumpel Henning ist aus dem hohen Norden und Baumfäller. In märchenhaften Sagen wird erzählt, dass er einst Polyphem bei der Begrüßung erlegte, jeden Dinosaurier zwecks Eiweißzufuhr aufgegessen hat und überhaupt alle Bäume mit Kopfnüssen fällt. Und so lange er meine Hand hält, was zugegebenermaßen grad echt total gay klingt, sehe ich keinen Grund, diesen Sagen nicht zu glauben.
„Hennig, altes Haus! Haste die Karten fürs Konzert?“
„Konzert? Vollidiot. Bin aber echt überrascht gewesen, dass du mitgehst.“
Ich zuckte mit den Schultern, jetzt war ich ja eh schon wach. Hauptsache der Scheiß ist schnell vorbei.

welcome to the gunshow

...stand dort groß auf einem Schild vor dem Eingang der Halle. „Die Sex Pistols?“, fragte ich halb witzig, halb ernst. „Platte, Ruhe! Deine Witze sind nicht lustig.“ Komisch, ich fand den gar nicht so schlecht. Aber es ist eh selten, dass ich Henning zum Lachen bringe. Wer uns sieht, kann sich zurecht fragen: Warum sind die Freunde? Unterschiedlicher könnten wir nicht sein. Aber vielleicht macht genau das die Freundschaft aus? Wir kennen uns schon seit wir im Sandkasten die anderen Kinder verkloppt haben... na gut, er hat sie verkloppt. Ich flennte, weil ich Sand in den Mund bekommen hatte. Aber trotzdem, unsere Freundschaft war geprägt durch das gegenseitiges Niedermachen. Okay, eigentlich machte nur er mich runter, baute mich aber dadurch immer wieder auf. Ach ja, und den Spitznamen "Platte" gab er mir, als bei mir leider schon mit achtzehn Jahren ein kreisrunder Haarausfall begann. Wenn Henning das sagt, stört mich das nicht. Könnte mich ja eh nicht wehren. Doch irgendwie wurden alle dadurch inspiriert und jetzt nennt mich jeder Spacko so. Egal, wir liefen also durch die Gänge zum großen Saal mit der Bühne und irgendwie wurde ich den Gedanken nicht los, dass das ein Portal nach Afrika war, selten hatte ich so viele gebräunte Menschen gesehen. Und ich ahnte natürlich, wohin mich Henning hier geschleppt hatte. „Ey Henning, DAS ist eine Gunshow?“ Er sah mich wie Twilight Sparkle an und konterte mit Starglace in den Augen: „Jep. Ist doch geil, oder? Dennis Wolf ist auch da. Guest Star. Heute trotz Off-Season Posing.“ Dennis Wolf? Off-Season Posing? Geil? „Sorry, Alter! Du hättest schon vorher sagen müssen, dass hier der Vorstand vom Sauna-Club auftritt. Aber ich hab's nicht so mit Männern, steh eher auf Bettinas mit Brüsten.“ Wobei Brüste hier bei den Männern nicht fehlten. Ich wollte aufstehen, als mich Henning mit einer Hand wieder in Stuhl drückte: „Jetzt flenn doch nicht gleich wieder rum und guck's dir doch einfach mal an.“ Ich wischte mir mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen und stampfte mit den Füßen auf: „Ich flenn überhaupt nicht, ich muss nur eben auf die Toilette.“
Ich quetschte mich durch die immer mehr werdenden Menschenmassen und kam mir dabei vor wie diese nervigen, kläffenden Schoßtölen, die immer zwischen den Beinen der Leute rumhüpfen und Gefahr laufen, von den Größeren zertreten zu werden. Doch kurze Zeit später erreichte ich die Toiletten und wollte gerade durch die Tür mit dem Gentleman-Schild gehen, als ich im Augenwinkel einen Typen ins Frauenklo laufen sah. „Bin ich jetzt bescheuert?“ Ich ging zwei Schritte zurück, sah auf mein Schild und kombinierte schnell: „Doch, ich bin richtig. Hier ist das Männer-Klo.“ Ich stellte mich ans Pissoir und ließ laufen. Neben mir pinkelte bereits ein anderer, kräftiger Kerl. Dessen Urin roch bis zur Tür nach Eiweiß und allein durch das Pressen schwitzte der schon. Ekelhaft. Nachdem ich mir die Hände gewaschen hatte (ja, das möchte ich nicht unerwähnt lassen, sonst heißt es wieder: Eeeeh, der wäscht sich nicht die Hände!), ging ich zur Tür heraus und stutzte nicht schlecht, als der Typ tatsächlich vom Frauenklo wieder herauskam. Ich entschloss mich als aufmerksamer Mitbürger, ihn auf seinen Fauxpas anzusprechen.
„Entschuldigen Sie, Sie werden lachen“, und wenn jemand mit einem solchen Satz beginnt, kann man darüber meistens so sehr lachen wie über Hodenkrebs im Endstadium, „aber Sie haben gerade witzigerweise die Damentoilette benutzt. Das Männerklo ist daneben, aber keine Sorge, ich erzähl es keinem. Zum Glück ist es ja nicht aufgefallen, haha!“ Ich glaube, ich grinste dabei und machte so lächerliche Schunkelbewegungen wie beim Oktoberfest nach der dritten Maß.
„Was willst du, du Spacko?! Verpiss dich.“ Wow, wieder so einen humorlosen Bastard erwischt, der danach hinter einer Tür verschwand. „He, sorry. Hab aber grad schon gepinkelt. Und sogar getroffen. Ich kann mich nicht verpissen.“ Naja, zum Glück hatte er den nicht mehr gehört, der war schlechter als jeder deutsche ESC-Kandidat.

Endlich wieder zurück am Sitzplatz, ging die Show auch schon wenig später los. Zu Beginn stürmten zwölf leicht bekleidete Damen auf die Bühne, tanzten und wackelten eigentlich recht ansehnlich für fünf Minuten, um das Publikum etwas anzuheizen. Dieses zeigte sich zwar nicht unbedingt begeistert, dennoch wurde applaudiert. Und während sich das Ganze so in die Länge zog, lief ein breiter Kerl in Smoking auf die Bühne und begann seine Rede. In Gedanken schweifte ich ab, hörte seine deutsch-englische Stimme nur noch wie im Traum hallen, während ich mich fast wieder ärgerte, dass ja Sonntag war. Ich weiß nicht, ob ich das schon einmal erwähnt hatte, aber ich hasse Sonntage. Wie dem auch sei, kurze Zeit später kamen immer wieder eine ganze Reihe von durchtrainierten Kerlen auf die Bühne und spannten die Arme und Beine und Köpfe und was weiß ich nicht alles an. Haute mich nicht wirklich vom Hocker. Ganz im Gegenteil zu Henning. Ja, der stupste mich sogar von der Seite an und meinte: „Alter, Nummer vierzehn ist heftig trocken. Der macht das Rennen. Guck dir mal den krassen Lat an!“ Ich grinste kurz: „Jo, krass! Aber sorry, ich versteh das nicht. Was ist so krass an denen? Bisschen ins Licht stellen und die Arme in die Luft reißen kann ich auch. Wo haben die was für die Gesellschaft erreicht?“ Henning sah mich an als liefe mir eine brasilianische Bananenspinne mitten durch die Visage. Und seinem Gesichtsausdruck nach zufolge war er durchaus bereit, mir diese mit viel Herzblut aus dem Gesicht zu boxen: „Bist du behindert? Weißt du, wie viel Arbeit das ist? Du hast absolut keinen Plan davon! Hab mehr Respekt vor der Leistung.“
„Keinen Plan? Natürlich kenne ich mich damit aus. Wenn ich will, könnte ich da nächstes Jahr mitmachen.“
„Du? Mitmachen? Wie arrogant kann man sein, so etwas zu glauben. Du kriegst ja nicht einmal dein Studium auf die Reihe. Jeder da vorne hat weitaus mehr Ahnung als du!“
Das wurde etwas persönlich, natürlich war ich nicht gut gebaut - zurzeit! Aber ich sollte dümmer (und das als Student!!!) sein als die da vorne? Breit grinsen, aufgepumpte Arme ins Licht halten und dann Applaus, Applaus. Na klar, und auch Paris Hilton ist wahrscheinlich total schlau. Nicht mit mir: „Pass auf Henning, du Gangster. Bei der nächsten Gunshow bin ich dabei, und dann applaudierst du!“
Henning grinste abfällig, schlug ein (brach mir dabei wieder halb die Hand) und meinte: „Okay, Platte! Wenn du die nächste Gunshow gewinnst, bekommst du von mir ein Jahr lang jede Party ausgegeben. Ansonsten andersrum - no risk, no fun.“ Jawoll, die Partynächte waren mir schon jetzt sicher!
Auf der Bühne lief die Show zwischenzeitlich natürlich weiter, als der Moderator die Bikini-Klasse der Frauen ankündigte. Ich fiel beinahe von meinem Sitz, als ich ein bekanntes Gesicht sah: „Ouuuh shit, die war auf der richtigen Toilette???“

#massephase #goinghard #gymlife

Montag, 15:59 Uhr und schon jetzt fühlte ich mich deutlich mehr "supreme" als zuvor. Alleine das Gefühl, heute ins Gym zu gehen und die Gewichte wegzuballern, das war für mich pure Vorfreude. Schon jetzt malte ich mir in Gedanken ein epochales Trainingsvideo mit mir als Hauptdarsteller aus, während im Hintergrund Richat von Mark Petrie durch die Boxen röhrt und jeder, der es sich ansieht, "goosebumps" wie eine frisch gerupfte Zuchtgans bekommt. Ich würde gerne Hennings Gesicht sehen, wenn ich ihn in den Schatten gestellt habe. So schwer würde das schon nicht sein. Ich hatte mich sogar bereits in einem GymLexikon über Begriffe wie Off-Season, Shredded, Bulking, Flexing und viele mehr informiert. Noch bevor ich überhaupt ins Studio ging, war ich schon top ausgebildet.

Im Internet hatte ich mich außerdem im Zeitraum meiner Arbeit schon über die verschiedenen Angebote aus Fitnessstudios informiert. Da gab es ProGym, FitForLife, Bodysteal, Gymstar, FastFit und Go-Hard-Or-Go-Home-Fucking-Work-For-It-Gym. Bei so viel Auswahl bedarf es einer ausgiebigen und genauen Untersuchung sowie das Abwägen von Vor- und Nachteilen bei Themen wie Ausstattung, Preis-Leistungs-Verhältnis und Betreuung/Beratung. Keine zwei Minuten später hatte ich die Fitnessstudios durchnummeriert und einen Würfel in der Hand. „Perfekt, es ist also das Go-Hard-Or-Go-Home-Fucking-Work-For-It-Gym!“ Kurz auch GHOGH*WFI-G. ALEA IACTA EST!

Pünktlich um 19 Uhr stand ich scheinbar vor dem Eingang des GHOGH*WFI-G und zoomte noch einmal bis auf fünfzig Meter in meiner GoogleMaps-App heran, ob ich denn wirklich richtig sei. Denn das, was ich so da aus den Gemäuern vernahm, klang viel mehr nach Schlachthof Gutfried in Produktionsphase. Also lief ich langsam die Betontreppen des spärlich beleuchteten Gangs hinunter. Das alles ähnelte viel eher einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, doch ich ging weiter. Am Ende erreichte ich dann doch tatsächlich den Eingang des Studios. Vorsichtig klingelte ich an der Glocke: „Hallo? Ist jemand da?“ Plötzlich, als wenn man sich in ein Rudel Wölfe schleicht, schauten nahezu alle Trainierenden zu mir her. Ich fühlte mich ein bisschen wie im Löwenkäfig, in dem man eingesperrt ist und versucht, die schlafenden Raubtiere nicht zu wecken, um dann - RUMMS - über eine Kiste mit BBQ-Flaschen zu stolpern (wer stellt sowas auch in den Löwenkäftig?) und sich damit einzusäuen. Mein Instinkt sagte mir: „Ey Boy, renn! Sie kriegen dich nicht, wenn du jetzt rennst! RENN! FUCKING! RENN!“ Der Typ, der hinter mir gerade aber zur Tür hereinkam, verhinderte den Plan: „Fluchtweg ausgeschlossen. Du endest als Proteinmahlzeit!“ Ein Mann mit dem Logo des Studios kam aus der Entfernung zu mir hergelaufen, es fühlte sich an wie in Zeitlupe. Ich dachte nur: „Sieh ihm nicht in die Augen! Nicht in die Augen gucken, das provoziert sie nur mehr.“ Plötzlich stand er vor mir und zerdrückte mir die Hand à la Henning-Griff: „Gutnabend. Suchst du was? Den Ausgang - hätte ich zumindest gerne gesagt. Stattdessen blieb ich mutig und versuchte, so souverän und selbstbewusst wie nur möglich zu wirken: „Jau, guten Abend. Ich wollte mal wegen einer Mitgliedschaft anfragen.“ Der Kerl musterte mich kurz und nickte mich dann in sein kleines Büro. Hier sah es genau so aus wie im Rohbau eines Ghetto-Gefängnisses, nur mit noch weniger sichtbaren Waffen. Ich nahm auf dem Stuhl platz, der Kerl musterte mich erneut und sagte dann:
„So so. Anfänger haben wir hier quasi keine. Hier bei uns trainieren nur die Veteranen, wenn man so will. Wie kommst du auf unser kleines Studio?“
Shit, das ist jetzt natürlich blöd. Die Blöße wollte ich mir trotzdem nicht geben lassen: „Najaaaa, also es ist so. Ich trainiere schon seit paar Jahren und suchte mir jetzt eine neue Herausforderung, da kam ich automatisch auf euch.“
„Wirklich? Tut mir Leid, wenn ich das sagen muss, doch du machst nicht gerade den Eindruck eines Bodybuilders.“
„Hab eher Laufen und so gemacht.“
„Und das Krafttraining geskipped?“ Gedanklich machte ich mir eine Notiz, "Skippen" nachzuschlagen. Ich musste souverän antworten. Nur die Harten kommen in den Garten... oder ins GHOGH*WFI-G.
„Zurzeit ist Off-Season.“
„Off-Season? Aaaah ja... okay. Lassen wir das mal. Und jetzt hast du dich... ähm... weshalb entschlossen zu uns zu kommen?“
„Ich habe gemerkt, dass ich eine neue Herausforderung brauche. Ich will etwas mehr Masse, aber mein altes Studio war mir da zu lasch, deshalb bin ich ja jetzt hier.“
„Wo warste denn vorher?“
Souverän bleiben, Bro - so dachte ich und war der festen Überzeugung, dass er meinen Bluff noch nicht durchschaut hatte. Ich erinnerte mich an meine Auswahl im Büro zurück: „Ehm... Im Gymstar.“ Der Kerl lachte.
„Haha! Ja, das kann ich verstehen. Ich höre von so vielen, die dort waren, dass das Equipment einfach richtig scheiße ist. Kurzhanteln bis 50kg? Stimmt das echt? Ich war nie da, aber wenn das stimmt, kann ich mir vorstellen, dass das letztens die Lappen waren, mit denen ich hier den Flur gewischt hab'.“
Volltreffer! Ich hatte seine Gunst: „Katastrophal, ey! Kurzhanteln gehen wirklich nur bis fünfzig Kilo. Für Anfänger ist das ja ganz ok da, aber bitte auch nur für die.“ Ich fühlte mich wieder supreme!
„Ja, ja. Egal jetzt. Bitte entschuldige die Fragerei, aber wir sehen Anfänger hier nur sehr ungern. Komm jetzt nicht mit Rassismus oder so, bloß wir wollen hier eben professionell und fortgeschritten trainieren, ohne lästige Betreuung und Begleitung von Anfängern. Fachlicher Austausch und eben ein professionelles Umfeld.“
Wow, ich hätte besser nicht würfeln sollen. Aber was soll's, die Maske des erfahrenen Athleten muss ich jetzt durchziehen, ansonsten ende ich wirklich noch als Post-Workout-Meal (wer von euch Noobies keine Ahnung hat, was das ist, bitte im GymLexikon nachschlagen).
Wir besprachen ein paar Details, was den Vertrag anging. Er bot mir derweil noch an, ein Probetraining zu machen. Ich könnte aber auch einfach mal in Ruhe durchschauen und mir ein Bild machen, um dann am nächsten Tag zu sagen, ob ich den Vertrag unterschreiben will oder nicht. Da ich vom Gefühl her für ein Probetraining nur spärlich ausgestattet war, entschied ich mich, nur einfach mal durchzuschauen.
Ich verließ sein Büro und lief durch den großen Kellerraum. Auf den ersten Blick sah alles nach Inquisition und Gerüstbauer-Meisterprüfung aus. Natürlich hat man so die klassische Vorstellung von Fitnessstudios, aber das war doch noch einmal eine andere Nummer. Die Typen waren teilweise eher fett als krass trainiert und schoben die ganze Zeit riesige Betonkugeln durch den Raum. „Wo willst'n hin damit?“, überlegte ich mir und dachte urplötzlich an die Nagetiere in den Hamsterrädern. Andere hingegen hatten breitere Arme als mein ganzer Torso dazu im Vergleich war. Es ist wohl kein Geheimnis, dass die Leute bis oben hin voll mit Tabletten sind. Das hatte ich schonmal im Fernsehen gesehen, die spritzen sich das Zeug irgendwo in den Arsch und werden dann halt breit. Und hätte ich diese Wette nicht abgeschlossen (man denke zurück, ich war sogar NÜCHTERN), ich würde mich nicht ansatzweise mit solchen Leuten auf eine Stufe stellen wollen. So viele da draußen bewundern die, aber super, mit Steroiden könnte ich das auch. Sobald die nächste Gunshow vorbei ist, könnte ich ja ein Buch herausbringen: Undercover bei den Tieren - Die Wahrheit über Muskeln, Kraft und Training. Ich sehe mich jetzt schon bei Hart aber Fair, wie ich eine landesweite Diskussion anfache und das brüchige Kartenhaus der Fitnessbranche in sich zusammenfallen lasse. Ja, es muss sich eben nur einer trauen, was zu sagen. Aber alles der Reihe nach. Erst einmal muss ich mich für die Gunshow in Form bringen. Und natürlich das Vertrauen der Tiere erlangen.

Ich stand einfach im Raum, Metal knallte durch die qualitativ eher suboptimalen Deckenlautsprecher und die Kerle grunzten bei jeder Bewegung. Ich war mir sicher, hier werde ich die nächste Zeit zwar nicht glücklich, aber es dennoch sein müssen. Ich verabschiedete mich bei dem Besitzer, sagte, dass ich eine Nacht drüber schlafen wolle und morgen noch einmal vorbeikäme. Vollbepackt mit neuen Einflüssen radelte ich nach Hause.

Wichtiges Equipment - das Smartphone. Nice to know: Ein Workout, ohne es zuvor auf Facebook zu posten, ist nur halb so anabol.

Das erste, was ich in einer etablierten Suchmaschine suchte, war das Wort "skippen". Yahoo (ja, Yahoo! - ich schwimme stets gegen den Strom, ihr Google-Jünger) spuckte gleich mehrere Ergebnisse aus. Geistig rupfte ich mir die Synapsen aus der Stirn, unfassbar, dass mir nicht aufgefallen war, dass es aus dem Englischen "to skip", also überspringen, kommt. In dem Zusammenhang bedeutete es folglich, dass ich Krafttraining stets übersprungen hätte? So ein blöder Hund! Etwas spät, aber besser als nie, echauffierte ich mich zunächst für fünf Minuten. Vor lauter Wut schob ich mir noch den Twix-Riegel in den Mund: „Aber morgen dann! Da achte ich dann auch aufs Essen!“

Am nächsten Tag stand also das erste richtige Training an, also mein wirklich erstes Training meines Lebens. Und das blöde war, dass ich mich da so hineingeredet hatte, dass ich jetzt so tun müsste, als wäre es mein 1001. Hals- und Beinbruch, dachte ich - im wahrsten Sinne des Wortes. Zum Training nahm ich meinen breitesten Pulli mit, den ich hatte. So verschleierte ich zumindest meinen dürren Körper ein wenig mehr als im T-Shirt. Alles Strategie.
Im Studio packte ich meine Tasche inklusive Inhalt in den Spint und begab mich für dieses Abenteuer auf das Schlachtfeld. Ein wenig überfordert wirkte ich schon, aber ich versuchte alles, um es mir nicht anmerken zu lassen. Stattdessen prüfte ich sämtliche Einrichtung mit einem strengen Blick und kontrollierte die Festigkeit aller Gewichte, die darin angebracht waren. Gut für mich, ein Typ musterte mich kurz, doch als er sah, wie ich die Geräte professionell in Augenschein nahm, dachte er sich wohl: „Ah, okay. Ein Profi, der sich auskennt.“
Ich muss schon sagen, alleine hier unten zu sein, ließ das Selbstbewusstsein wie Vulkangestein nach oben steigen. Es fühlte sich gut an, hätte ich gar nicht erwartet. Ich lief weiter und stand am Ende vor einem gewaltigen Spiegel, davor waren bestimmt hunderte von Kurzhanteln, von klein nach groß sortiert. Für jeden mit Zwangsstörung gesegneten Menschen ein Traum. Ich legte mein Handtuch auf die flache Bank ab und beobachtete den Typen vor mir im Spiegel, der mit 35kg-Hanteln ganz locker den Bizeps trainierte. „Gut“, dachte ich mir, „wenn der 35kg nimmt, dann sind für den Anfang bei mir die 20kg sicher kein Problem!“ Selbstbewusst lief ich zu den 20kg-Hanteln. Ich nickte dem Typen neben mir kurz zu, griff anschließend die Kurzhantel, doch zu meinem Erstaunen tat sich nichts. Ich spannte meinen Arm und Schulter etwas mehr an, doch die verdammte Hantel bewegte sich nicht aus ihrer Halterung. „Seltsam“, dachte ich, „wieso geht die da nicht raus!“ Ich untersuchte links und rechts von dem Ding die Einlagerung, aber da lag nichts im Weg. Ich rüttelte noch einmal etwas kräftiger daran, doch erneut tat sich nichts. Und wie ich befürchtete, der Kerl von eben lief zu mir rüber.
„Hi, suchst du etwas?“
„Ne, ne!“ Ich winkte lachend ab und buddelte mich stattdessen lieber noch ein bisschen tiefer ins Fettnäpfchen. „Ich finde bloß den Hebel nicht, um die Hantel aus der Halterung zu lösen.“
„Wat für'n Hebel? In welchem Studio warst du denn vorher, wo Hanteln mit Hebeln befestigt sind? Kann sein, dass es irgendwo festhängt. Einfach kräftig rausziehen, kannste nix kaputt machen bei uns. Übrigens, schön mal neue Gesichter zu sehen. Siehst zwar nicht so wie die Nasen aus, die hier sonst so trainieren. Aber wenn der Kalle dich hier machen lässt, wird das schon seinen Grund haben.“
Wow, und ich dachte, der würde mich beißen. Wäre ärgerlich gewesen, war ich doch noch nicht einmal gegen Tollwut geimpft. Einfach rausziehen. Haha, leichter gesagt als getan. „Okay, wollte am ersten Tag nicht irgendwas kaputt machen. Dann weiß ich's ja jetzt.“
„Jo, wennst bei 'nem Satz mal 'nen Spotter benötigst, einfach Bescheid geben! Bin übrigens der Dragon. Und wie heißt du?“ Spotter? Wieder machte ich mir geistig eine Notiz. Doch was mich grad viel eher aus dem Sitz prügelte: Heißt der echt Dragon? Er sagte es in deutscher Sprechweise, aber so klang das mehr nach Vampir, was den ganzen Laden noch zwielichtiger erscheinen ließ. „Platte“, schoss es aus mir heraus. „Also ich heiße nicht wirklich Platte, aber mich nennen alle so. Und irgendwie hab ich mich daran gewöhnt!“
„Okay, Platte! Willkommen in unserer kleinen Gemeinschaft. Hau dich rein, bis später. Ich muss weitermachen!“
Zugegeben, der klang so, als hätte er sich der zivilisierten Welt von heute gut angepasst. Nett war er so ja eigentlich. Darüber hinaus tat es richtig gut, in einer Gemeinschaft zu sein. Auch wenn es auf einem reinen Bluff meinerseits beruhte. Doch, who cares?
Die 20kg-Hantel rührte ich nicht mehr an, stattdessen lief ich eine halbe Stunde auf dem Laufband und schwitzte allein schon dabei wie ein Stoffwechselerkrankter. Danach marschierte ich zu Kalle ins Büro und unterschrieb den Vertrag. Letztlich hatte ich ja eh keine Wahl, ich musste aufbauen. Das wiederum konnte ich wahrscheinlich nur im GHOGH*WFI-G so richtig.

Dennoch, dass ich zu schwach für die 20kg-Hantel war, riss mich aus meiner Motivation, weiterzumachen. Auf einer alternativen Seite für Videos im Internet (also kein YouTube, ihr Lutscher) konsultierte ich sämtliche Videos für spezielle Übungen und Grundlagen-Training.
Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Doch ich hatte das Gefühl, immer besser hineinzufinden. Die meisten Übungen führte ich durch, wenn niemand hinsah. Obwohl ich eigentlich das Gefühl hatte, von der Ausführung gar nicht einmal so schlecht zu sein. Eigentlich machte es Spaß und meinte, meinen Alltag geregelt zu haben.
Am Prä-Montag jedoch, lag ich wie eh und je regungslos im Bett. Mir tat jeder verdammte Winkel im Körper weh. Der Toilettengang entwickelte sich zu einer Odyssee. Müsste ich meine Schmerzen in einem Buchtitel beschreiben, "Die Leiden des jungen Platte" wäre eigentlich ganz passend. Mit Müh und Not griff ich neben mich zu den Reiswaffeln. Um krass zu werden, muss man nur essen! Essen, essen, essen und nochmals essen! Das hatte ich aus einem Gespräch herausgehört. Ja, ich wusste schon, wie man das macht, mir brauchte da niemand Tipps geben. Erstens studiere ich und zweitens, aus der Welt bin ich ja auch nicht. Ganz viel Eiweiß, Kohlenhydrate auch und der Rest ist eigentlich egal. Hauptsache breit werden. Definieren könnte ich dann vor der Gunshow. Nennt man übrigens shredden (wer von euch Lümmeln das nicht kennt, bitte guckt ins GymLexikon).

#transformation #nevergiveup #eatclean

Ein Monat war vergangen und ich fühlte mich großartig. Hin und wieder habe ich die eine oder andere Übung mit Dragon gemacht, und er hatte nichts kritisiert, was für mich bedeutete: „Jau, ein Profi, der kennt sich aus.“
Natürlich gab es noch Momente, in denen ich kurz davor war, meine souveräne Maske zu verlieren. So fragte mich einer der Typen da mal, wer denn mein großes Vorbild sei. Völlig überrumpelt (da ich ja keine Sau kannte) fiel mir bloß David Hasselhoff ein (war der kein Bodybuilder?). Das Gelächter war so groß, auf fremden Planeten, in einer weit entfernten Galaxie, vernahm man das erste Signal der menschlichen Zivilisation. Im Nachhinein ärgerlich, hätte ich doch 50 Cent sagen können.
Mittlerweile hatte ich mich aber auch technisch schon angepasst. Kein Training ohne Zughilfen, Gewichtheber-Gürtel, Bein- und Handgelenksmanschetten, Handschuhe, Traininsplan und einem Go-Hard-Or-Go-Home-Trainingspulli. Ich hatte mir sogar ein Proteinpulver zugelegt. Ja, ich weiß, das ist schummeln. Aber jeder, JEDER nimmt das Zeug und diese Pulver machen halt 98% der Muskeln aus. Je mehr Equipment, desto besser der Bodybuilder. Klar hatte ich zu Beginn Schwierigkeiten, ist doch logisch, wenn man neu anfängt. Aber mehr als Gewichte bewegen ist das nicht. Und die 20kg-Hantel konnte ich inzwischen auch locker racken (die Leute, die das Gymlife nicht leben und keine Ahnung haben, was "rack the weight" bedeutet, bitte lest im GymLexikon nach).
Wenn ich in den Spiegel sah, konnte ich zu vorher schon einen deutlichen Unterschied festmachen. Aber ich wusste, das reicht nicht für die Gunshow. Ich brauchte mehr Masse. Und ja, ich wollte sie auch. Also suchte ich bei Yahoo! nach einschlägigen Internetseiten für sämtliche Supplemente jeder Art. Und unter "Mass Gainer" wurde ich auch gleich fündig. Zugegeben, die Auswahl war riesig. Und ein Gainer war besser als der nächste. Bei einem Angebot aber blieb ich hängen:
THE MFMG (Massive Fucking Mass Gainer)

  • Der wohl beste dopingfreie Mass Gainer auf dem gesamten Markt, der jemals hergestellt wurde
  • Unfassbar massiver Muskelaufbau spürbar innerhalb von nur wenigen Tagen
  • Unglaubliche Resultate wie bei den Profis
  • Perfekt für den Sommer geeignet, schwämmt nicht auf, baut keine unnötigen Fettpolster auf
  • Garantiert reine Muskelmasse
  • Haben wir schon gesagt, dass es der wohl beste fucking Mass Gainer auf dem Markt ist?
  • Boah, die Girls werden schreien vor Entsetzen, denn DU WIRST ZUM BIEST!
  • Alter, kauf dir einfach nur diiiesen Shit und steigere deine Leistung bis zu 200%
  • Kann Spuren von Nüssen enthalten


Natürlich war mir bewusst, dass 79,95€ für knapp zwei Kilo happig waren, aber Qualität hat nunmal seinen Preis. Dazu kaufte ich mir noch 'ne Packung Kreatin und fühlte mich schlecht. Dadurch, dass ich das alles erworben hatte, war ich im Prinzip genau wie die ganzen Spritzenfanatiker im Fitnessstudio. Mir fiel auf, dass ich mich krass verändert hatte. Also geistig. Ich bin in den negativen Kreis geraten, diese Abwärtsspirale, vor denen im Fernsehen, meist RTL-NEWS, immer gewarnt wurde. Einmal im Fitnessstudio, kommst du um den ganzen Stoff nicht mehr herum. Sie vernebeln dich und letztlich verkaufst du dich und deinen Körper für ein paar dickere Muskeln. Aber ich habe mich so entschieden, bis zur Gunshow musste ich in diesem negativen Zirkel kreisen. Danach in eine Entzugsklinik und im Anschluss die Reha, aber das kann ja Henning dann zahlen. Im Übrigen hatte ich mit ihm ausgemacht, dass wir uns nicht sehen. Weil ich weiß, dass er nur negative Kommentare für mich übrig hätte, was mich aus meinem positiven Flow bringen würde.

Die Zeit verging, vier Monate ist es her als ich angefangen hatte. Ich gehörte mehr oder weniger zu den alten Hasen da. Jeder grüßte mich. Und wenn man sich auf der Straße sah, zerdrückte man mir dennoch die Hand. Das kann aber daran liegen, dass ich genetisch gesehen nicht so viel Masse und Kraft im Unterarm aufbauen konnte wie andere. Sei's drum. Kein Tag verging ohne ein Selfie auf Instagram (Henning hatte ich geblockt, dem seine Kommentare würden den positiven Vibe zerstören), meine Twitter-Follower bekamen jeden Tag ein Update, welcher Day anstand. Meistens war es der #ChestDay und #LegDay, letzterer ist schon recht wichtig, weil sagen halt alle, nur die Non-Lifter haben keinen #LegDay, die wollen nur gute Arme und Brust haben. Aber da ich zur Riege der GymRats gehörte, benötigte es eben auch einen #LegDay (muss ich an dieser Stelle eigentlich noch das GymLexikon erwähnen?).
An dem Tag jedoch war #RestDay und ich dachte, es wäre zur Abwechslung ganz nett, in die Stadt zu gehen. Da ich relativ lange Zeit bereits #CleanEating gemacht hatte, stand heute mein #CheatMeal an. Für euch Non-Lifter: Irgendwas futtern, ohne auf Werte wie Eiweiß, Zucker und so weiter zu so achten. Wichtig sind ja eh nur die Makros (...GymLexikon). Ich ging zum McDonald's, bestellte mir zwei oder drei Menüs und setzte mich irgendwo hinten an einen freien Platz. Ich begann zu essen, sah mich dabei ein wenig im Raum um. Man echt, mich widern diese dicken Menschen an. Alle hier futtern das Zeug in sich rein, gehen danach nach Hause und futtern da weiter. Keiner denkt an Training oder Sport. Ich war richtig froh, nicht zu dieser Art Menschen zu gehören. Ja, als Bodybuilder bist du ein einsamer Wolf. Aber du bist etwas. Und so langsam verstand ich den Sport und den Hype dahinter, den die Personen, die es durchführten, immer beschrieben haben.
Doch meine Wut wurde größer, als ich das schlanke Mädchen durch die Tür laufen sah mit diesem leicht übergewichtigen Möchtegern-Großer-Bizeps an der Seite. Unfassbar, ich trainierte mir seit Urzeiten den Arsch ab und war immer noch Single, während sich dieser Altstadt-Zombie nur die Mütze auf seinem Wasserkopf nach hinten drehen musste, um angesagt zu sein. Wohin ist die Gesellschaft nur gesegelt? Vielleicht war die kleine Maus ja von ihm auch nur geblendet. Selfesteem ist low und dann schnappst du dir halt'n Typen, damit du nicht einsam in einem Meer der Tränen ertrinkst. Ich sah zu ihr und sie kurz mir, setzte sich aber dann mit ihrem 22er-Bizeps-Macker an einen Zweiertisch. Unfassbar, aber wahr. Der Typ hatte Minimum zwei Menüs vor sich, dazu noch eine volle Packung Chicken McNuggets. Widerlich. Sie aß ein kleines Eis, was ich ja ganz süß fand. Ich hätte wetten können, sie trainierte auch. Zumindest wie ich vor meiner #Massephase gemacht hatte, eben mit viel Cardio und so. Schätze, weil sie Angst hatte, dass wenn sie etwas Gewicht zunimmt, ihr Macker sie dann verlässt. Wie ich solche oberflächlichen Wichser hasse - bah! Da kam mir in dem Moment richtig die Galle hoch - und wenn ich nicht im Gym in den letzten Jahren diese innere Kontrolle gelernt hätte, nur Gott allein weiß, wohin ich diese Galle kotzen würde. Wahrscheinlich in seine 99-Cent-Wühltisch-Mütze aus'm Woolworth. SWAG stand da groß drauf... Sowas findet man Gott sei Dank nicht im GymLexikon.
Sie saß mit Blickrichtung zum Gang, also eigentlich optimal. Ich beschloss, es dem Typen so richtig zu zeigen. Ich zog meine Jacke aus und griff zu meinem Tablett. Langsam bewegte ich mich auf und schob den Stuhl zur Seite. JETZT! Sie sah zu mir. Unter meinem optimalen Griff der Tabletts verkürzte ich die Bizepssehne genau in einen etwas breiteren Winkel, so dass sich dieser durch das T-Shirt drückte. „Wow, hat der einen Oberarm“, wird sie sich wohl gedacht haben. Vielleicht - oder besser hoffentlich - wird sie es auch zu ihrem Macker geflüstert haben: „Also da musst du noch einiges machen, um an den ranzukommen.“ Am besten wäre aber, wenn sie sich gedacht hätte: „Ach fuck, wieso kann ich nicht so'n Kerl haben. Aber die sind ja eh meistens vergeben. Ich bleib wahrscheinlich ewig bei meinem hängen...“ Wobei, der Part, wo sie denkt, dass ich eventuell vergeben hätte sein können, ist scheiße. Weil dann wäre ich ja quasi weg vom Markt. Ich schob das Tablett in die Schubladen für die Rückgabe, streckte dabei aber meinen Lat nach außen. Nochmal stand ich auf, ging zu meinem Platz, nahm locker meine Jacke mit und beim Rausgehen wollte ich sie noch einmal anlächeln. Doch sie sah nicht zu mir. Selbst, als ich vermeintlich am Stuhl hängen blieb... keine Reaktion. Souverän lief ich weiter. Gerüchten zufolge können Mädchen ja einen Typen mustern, ohne hinzugucken. Einsam, aber dennoch irgendwo zufrieden, lief ich weiter. Ja, #OneManWolfpack dachte ich die ganze Zeit. Geh deinen Weg weiter, Platte. #NeverGiveUp und #FollowYourDreams. Mit geballten Fäusten in der Hose ging ich nach Hause, packte meine Trainingssachen und fuhr zum Gym. #NeverBeSatisfied, dachte ich mir. Kalle sagte mir nach dem Training, dass es meine beste Leistung war an dem Tag. Ich wusste, wo ich hingehörte.

Die Trainingstage wurden mehr, ich ließ sogar ab und zu die Arbeit ausfallen, um zum Training gehen zu können. Selbst, wenn ich mich nicht gut fühlte, ging ich ins Studio, um zu trainieren. Meine Leistung wurde stärker und besser. Dennoch, irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es nicht alles richtig ist. Monatelang aß ich alles, was mir vor die Beine gesprungen war - Hauptsache viel Eiweiß. Wenn jemand fragte, wie viel Gramm Eiweiß ich nach dem Training zu mir nehme, meinte ich bloß immer: „Alles.“ Wieso auch nicht? Es funktionierte. Warum blöd die Mahlzeiten aufteilen, hier abwägen und da abmessen. Ist doch scheißegal. Je mehr, desto besser. Doch eben genau, weil jeder es so penibel machte, fragte ich mich, ob es richtig sei, wie ich es machte. Ich hatte nur ein Problem... Seit zwölf Monaten trainierte ich mir den Arsch auf und alles, was ich getan hatte, tat ich aus voller Überzeugung. Doch was, wenn ich auf einem Irrtum gelebt hatte? Ich meine, ich habe gut aufgebaut - keine Frage. Doch was, wenn ich mir mehr Tipps hätten holen sollen? Ist das Ganze doch komplizierter als ich dachte? Eigentlich Schwachsinn. Doch jetzt im Internet nachzusehen, was richtig wäre, das traute ich mich nicht mehr. Denn dann wäre alles, wofür ich gearbeitet hatte, umsonst gewesen. Für die Katz'. Es musste einfach stimmen, dafür sah ich doch die Resultate. Nein, ich wollte einfach weitermachen und den Titel nach Hause holen. Downs sind normal, man muss sie zu Ups machen. #StayFocused, dann würde das schon klappen.

Gute Form. Perfekt und bereit zum Posedown.
#reality #gunsout #comebackstronger

Ja, wenn ich so zurück denke: Es war schon ein aufregendes Jahr. Doch jetzt stehe ich hier vor dem Vorhang der Gunshow. Henning hatte mich angerufen und mir gesagt, dass er sich in Sachen Anmeldung etc. um alles gekümmert hatte. Ich sollte mich nur auf mein Training konzentrieren. Coole Aktion von ihm, wir hatten immer mal kurz telefoniert, uns gesehen aber nicht. Er konnte es sogar verstehen. Es würde nicht mehr lange dauern, dann geht der Vorhang hier nach oben. All die Mühen der letzten Jahre oder gar Jahrzehnte sollten sich heute auszahlen, oder? Verrückt, das ganze letzte Jahr rauscht mir Detail für Detail durch den Schädel - in Sekunden. Während ich hier stehe und draußen die Zuschauer höre, wie sie von den zuckenden Mädchen auf der Bühne warmgeklatscht werden.
Links neben mir steht ein großer Spiegel. Ich will nicht hineinsehen. Ich atme einmal durch. Dann noch einmal. Ich drehe meinen Kopf zur Seite.

Es war mehr als ein Jahr. Und wenn ich die Tage zählen will, nur gefühlt, dann sind es Jahre. Ich glaube, das stärkste, was ich vollbracht habe, war meine Maske zu tragen. Denn sie ist mein eigentliches Workout gewesen. Doch dass ich ausgerechnet jetzt kurz vor dem Wettkampf sie nicht mehr halten kann, soll wohl kein Zufall sein. Wie naiv war ich? Bodybuilding ist die wohl mit Abstand schwerste Sportart, wenn man es als solche bezeichnen will. Es ist mehr als das. Es ist Kunst, die man an seinem Körper erschafft und harte, sehr schwere Arbeit. Fast schon unmenschlich und mein fehlender Respekt dem gegenüber ist in Worten nicht zu erklären. Vielleicht aus einem "low selfesteem" heraus? Ich sag ja, in Worten ist das nicht zu fassen. Links und rechts neben meinen Füßen tropfen die Tränen auf den Boden.
Ja, die Realität tut weh. Mein Körper ist scheiße, er hat sich verändert. Doch nicht positiv. Ich bin auf dem gleichen Level wie zuvor - nur halt auf einem anderen Level schlecht, habe mir das Gegenteil nur selber eingeredet. Ich habe versagt, auf ganzer Linie. Und der Preis dafür ist, dass ich genau dieses Versagen allen Zuschauern präsentieren muss. Der Ansager macht in feinstem Denglisch eine Ansage: „Und hier iiiiist unsere NUMMER EINS des Bodybuildings: HIER IST... PLATTE!!“ Die Zuschauer rasten aus. Doch hat er mich gerade allen Ernstes mit „Platte“ auf die Bühne gerufen? Das kommt davon, wenn man Henning die Anmeldung überlässt. Der Vorhang hebt sich, doch das Bild, was ich abgebe, hat mit Nummer Eins nichts zu tun. Apathisch stehe ich am selben Fleck wie zuvor. Ich kann mich nicht bewegen, doch dieses Mal sind es nicht die Auswirkungen des Leg Days. Dieses Mal ist es nicht das #NightWorkout, dieses Mal ist es mein Kopf, den ich nie benutzt habe. Der Ansager schreit in sein Mikrophon: „Das ist natürlich nicht unsere Nummer eins! Ein kleiner Gag am Rande - alles inszeniert. Die echte Show startet in wenigen Sekunden. Macht euuuuuch bereiiiiit!“ Die Menge tobt und im Publikum sehe ich sofort Henning ganz vorne jubeln und hämisch grinsen. Doch... was hat der Ansager da gesagt? Ein kleiner Gag am Rande? Natürlich bin ich nicht der Weltmeister im Bodybuilding, dennoch habe ich das letzte Jahr hart, sehr hart gearbeitet. Wenn auch nicht wissenschaftlich richtig, aber ich habe trainiert und an mich geglaubt. Und dann soll ich nur ein Gag am Rande sein? Will der mich verarschen? Geht man so mit Leuten um, die jeden Tag arbeiten, aber eben dabei Fehler begangen haben? Neben mir auf einem Pult liegen zwei Pistolen, die man anscheinend auch bei diesen 100m Läufen zum Startsignal benutzt. Mir eigentlich scheißegal, ich nehme das erstbeste, was ich greifen kann ich halte sie der Menge vor die Augen. Dem Ansager halte ich die andere ins Gesicht: „Gunshow? Ihr wollt eine Gunshow sehen? Hier habt ihr eine Gunshow! Ich bin vielleicht nicht der Beste, aber ich hab mit Herz und Schweiß alles versucht, ihr kleinen, unwichtigen Bastarde. Was, wenn ich dem Hurensohn hier neben mir eine Kugel in den Kopf knall, bin ich dann auch nur noch ein Gag am Rande? Dann steh ich in allen Zeitungen der Welt. Ihr wisst nicht, was es bedeutet, für einen Traum hart zu arbeiten. Dafür zu leben, obwohl keiner an dich glaubt. Obwohl jeder sagt, es bleiben zu lassen. Ihr habt es nicht so lernen müssen wie ich!“ Es dauerte keine weitere Sekunde mehr, da packen mich von allen Seiten Security-Männer. Hätte ich mehr Kreuzheben gemacht, ich käme sicherlich hoch. Doch mich erwischt ein Ellenbogen... und ich verliere das Bewusstsein.

Ich wache im Polizeiauto auf. „Oh Mann“, ist das erste, was ich aus mir herauspressen kann, „das waren doch keine echten Knarren!“ Der Polizist mustert mich argwöhnisch, sagt aber nichts. Ich rede weiter: „Das waren Startpistolen. Wie bei den Bundesjugendspielen früher. Wo ich immer voll verkackt habe.“
Endlich reagiert der Kerl: „Das weiß ich nicht. Vor solchen Spielen hat mich meine Mutter immer wegen Bauchschmerzen bei der Schulleitung abgemeldet.“ Überraschend ehrlich, wenn man bedenkt, dass er wohl glauben müsse, er spricht gerade mit einem durchgeknallten, schizophrenen Buben, der die harte Phase der Pubertät gerade voll durchlebt.
„Echt? Mich auch. Man sollte diese blöden Spiele abschaffen. Man fördert nur das Mobben der Schwächeren. Vielleicht haben du und ich mehr gemeinsam als man auf den ersten Blick denkt.“
„Das war ein Witz von mir!! Meine Mutter hat mich nicht zum Weichei erzogen. Außerdem, ich habe Ihnen nicht erlaubt, mich zu duzen!“
Wow, gedanklich hatte ich mir schon einen chilligen Männerabend mit Henning, diesem blöden Wichser, und dem Bullen hier ausgemalt - die beiden hätten sich überragend verstanden.
Mein Blick fällt dabei auch auf dessen Ärmel, dort protzt ein ganz schön ausgereifter Oberarm durch das T-Shirt. Wie eine Kanonenkugel. Und er spannt nicht einmal an. Ich hole Luft. Still ist es im Auto, als ich meinen Kopf in Richtung des Polizisten drehe und die Frage stelle, die ich eigentlich zu Beginn meiner "Reise" hätte stellen sollen:
„Wie viel Gramm Eiweiß essen Sie eigentlich so?“

#tobecontinued #questionmark

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Gelungen

Der Artikel Diverses:Gunshow ist nach einer erfolgreichen Abstimmung mit dem Prädikat Gelungen ausgezeichnet worden und wird zusammen mit anderen gelungenen Artikeln in unserer Hall of Fame geehrt.

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