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Diverses:Die nihilistische Irrfahrt des Mephistopheles Des Esseintes

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Mephistopheles Des Esseintes bei seiner zweitliebsten Beschäftigung: Elegant gekleidet sein.

In einer kalten Winternacht stand Mephistopheles Des Esseintes, der von seinen Freunden Mephisto genannt worden wäre, wenn er denn welche gehabt hätte, am Fenster einer kleinen Wohnung, die sich im 2. Stock eines niedrigen und schäbigen Gebäudes mit bräunlicher Fassade befand, das zwischen zwei stolzen historistischen Zinshäusern eingezwängt war. Das schmutzige Licht der Straßenbeleuchtung beschien das Handgelenk des Schriftstellers, auf dem er einer Uhr mit kunstvollem Ziffernblatt zu tragen pflegte, der er aber verlustig gegangen ist – vielleicht während der Opernvorstellung, die sehr zu seinem Missfallen die Unfähigkeit des Regisseurs offenbarte, vielleicht in der Bar, als er sie abnahm, um seiner neuern Bekanntschaft die Superiorität des Ästhetizismus gegenüber der Praktikabilität zu erläutern.

Unwissend ob es nun ein Nachtmahl oder ein Frühstück werden sollte, wandte sich Des Esseintes ab und schritt zum Kühlschrank, der ihm die Entscheidung abnahm, da er nur mit Joghurt, Tomaten und Schafskäse gefüllt war, aber in solcher Menge, dass nicht einmal mehr eine einzelne Tafel Schokolade Platz gefunden hätte. Diese Frugalität des Inhalts, die durch ihre absurde Form schon fast einem perversen Gigantismus glich, harmonierte vorzüglich mit der ästhetisch fragwürdigen Kücheneinrichtung, deren Schlichtheit die einzige außergewöhnliche Eigenschaft war.

Nur eine Flasche Macallan-Whisky, deren blaues Etikett in dieser Farbwüste aus eichenbraunen Schränken, weißen Wänden und schwarzen Arbeitsflächen fehl am Platze schien, stand im Widerspruch zur Unscheinbarkeit der restlichen Wohnung. „Du siehst mit diesem Trank im Leibe Helenen in jedem Weibe,“ Des Esseintes nahm die Flasche in die Hand, lachte leise zu sich selbst und fuhr fort: „Der alte Heinrich hatte nicht verstanden, dass es keines Hexentranks und Zauberei, sondern nur Weingeists und eines lüsternen Charakters bedarf, um Ethik und Ästhetik zu verleugnen.“

Er hatte im Sinn sich auf die Suche nach passenden Gläsern zu begeben, die es nach seiner Einschätzung der Küche sowieso nicht gab, als die Besitzerin der Wohnung den Raum betrat. Sie hatte pechschwarzes Haar, dessen Spitzen sich lockten und wie dunkle Seide auf die Träger des roten Negligés fielen, welches durch seinen Schnitt die zierlichen Brüste betonte und durch den halbdurchlässigen Stoff den Ansatz des schwarzen Schamhaars erahnen ließ. Ihre großen, dunkelbraunen Augen, die den Vergleich mit Bernstein nicht scheuen mussten, fixierten Des Esseintes. Die Flügel der zierlichen Nase bebten leicht. Trotzdem war es der Schriftsteller, der als erster das Wort ergriff:

Constanze, liebste Constanze, meine Retterin, sage mir, wo sind die Whiskygläser; und zwar auch deine liebreizende, unnachahmliche Art und Weise.“ „Ich heiße Laetitia“ „Um wie viel ist Laetitia doch schöner als Constanze. Endlich trägst du einen Namen, der deiner Ausstrahlung gerecht wird.“ „Dachtest du wirklich, dass mein Name Constanze ist?“ fragte sie mit leiser Stimme und stelle sich hinter einen weißen Küchenstuhl, auf dessen Rückenlehne sie sich abstützte. Ihre großen, braunen Augen blickten zu Boden, ließen die Enttäuschung erahnen. Auch aus den roten Lippen war jegliche Freude gewichen. Sie glichen nur mehr einem schmalen Strich. Des Esseintes erklärte sich zu beeilen:

Laetita war nicht sehr angetan. Ein Freund der derben Sprache würde sogar sagen, dass ziemlich angepisst gewesen sei.
Nomen non est omen. Namen sind nur Schall und Rauch. Es ist mir gleich, ob du Laetitia, Constanze oder Justus heißt. Es kümmert mich nicht welchen Namen dir Fremde gegeben haben. Ich blicke in deine Augen, lausche deiner Stimme, halte dich in meinen Armen und weiß, dass du es bist. Die Schönheit deines Gesichts, die Form deines Körpers sind mir eine Quelle der Freude. Dein Name mag mir entfallen sein, aber die Ästhetik deiner Erscheinung wird auf ewig einen Platz in meinem Herzen haben.“

„Denkst du, es hilft, wenn du mich auf mein Aussehen reduzierst? Ich will, dass man mich akzeptiert, dass man meine Wünsche respektiert und nicht, dass man mich für Dekoration hält. Du bist so ein Trottel, Simon.“ „Bitte entweihe deine Schönheit nicht, indem du mit der Zunge der Philister sprichst. Das ästhetische Moment ist göttlich. Ich habe dich Constanze genannt, obwohl du du Laetitia heißt; du hast mich Simon gerufen, obwohl mein Name Mephisto lautet. Das sind Trivialitäten, wenn man erkennt, dass das Ich nur eine biedermännsiche Illusion ist.“

Du heißt Mephisto?“ „Das ist nicht von Bedeutung, meine Liebe, denn ich bin nicht mehr der, der deine Wohnung betreten hat.“ „Spar dir deine pseudointellektuellen Phrasen – ich studiere ja nicht Psychologie, um mir solche Bären aufbinden zu lassen. Für mich ist es wichtig, ob du Mephisto heißt, denn ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass du dich als Simon vorgestellt hast, als du mich in der Pause zwischen 1. und 2. Akt der Don-Giovanni-Vorstellung im Teesalon angesprochen hast.“

„Nomen mihi Mephistopheles est. Liebhaber jener Macht, die stets das Schöne will und stets das Schöne schafft,“ führte Des Esseintes aus und verbeugte sich pathetisch, wobei er die rechte Hand, die den Whiskey hielt, hinter seinem Rücken barg. Laetitia tat einen Schritt nach vorne. Ihr Gesicht war vor Zorn und Scham gerötet. Die Nasenflügel bebten. Langsam streckte sie den Zeigefinger ihrer linken Hand aus, um ihn dann wider Des Esseintes zu recken:

Du bist ein Arschloch. Ich kann nicht glauben, dass ich auf deine Masche hereingefallen bin, auf die Masche eines misogynen Bastards. Ich bin so dumm!“ „Ich denke, Friedrich Nietzsches Worte sind vollkommen ausreichend für diesen Anlass `Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich Endlich gibt das Gedächtnis nach.` Es ist leider doch nicht so passend, wie ich dachte.“

„Du magst also Zitate? Vielleicht sollte ich dann den Götz von Berlichingen sprechen lassen. Du mögest mich am Arsche lecken.“ „Nein, Nein, Nein, mon amour, beschmutze deine Lippen nicht durch ein falsches Zitat. Vor Ihro Kaiserliche Majestät, hab ich, wie immer schuldigen Respekt. Er aber sag’s ihm, er kann mich im Arsch lecken.“

„Leck mich einfach am Arsch. Dieses Zitat stammt direkt und original von Laetitia Blanda.“ „Es mögen deine eigenen, leider unkreativen Worte sein, aber tragischerweise machen sie den Eindruck einer billigen Kopie des Originals.“ „Raus aus meiner Wohnung.“ „Es ist deine Wohnung? Ich dachte, dass du sie nur gemietet hättest.“ „Raus!

Des Esseintes hatte bei schönen Frauen keine Berührungsängste.
Laetitia unterstrich ihre Worte, indem sie mit dem gestreckten Zeigefinger zur Tür zeigte. Mephistopheles nickte knapp und entgegne lakonisch:

Welch trefflicher Vorschlag. Es begann sowieso etwas unangenehm zu werden.“ Dann nah er den Mantel vom Haken, zog ihn an und setzte den Hut auf, um hinaus ins Stiegenhaus zu treten. Ein letztes Mal wandte er sich um, strich über die Krempe seines Hutes und verabschiedete sich mit den Worten: „Au revoir, Madmoiselle.“

„Schmor in der Hölle, du Wichser!“ lautete die wenig charmante Antwort, ehe die Tür ins Schloss fiel. Mit einem Lächeln auf den Lippen stieg er die Treppe hinab, hatte der Abend doch ein gutes Ende genommen, nämlich mit einem köstlichen Whiskey in der Hand und der Erinnerung an ein hübsches Gesicht im Geiste. Sofort umfing ihn der eisige Hauch der Nacht, deren gestirnter Himmel sich durch eine dichte Wolkendecke vor den beobachtenden Blicken verbarg.

Mephistopheles hasste den Winter, diese unwirkliche und lustfeindliche Jahreszeit, in der Frauen aus reiner Bequemlichkeit lange Mäntel statt kurzer Röcke trugen, in der Eis nicht im Geschäft gekauft, sondern von den Fensterscheiben der Automobile gekratzt wurde, in der die Kälte in den Fingern stach, während sich auf der Brust Schweißperlen bildeten. Er hasse ihn so sehr, dass die Wut alleine ausreichte, um die Kälte aus seinen Gliedern zu vertreiben.

Die Tür fiel ins Schloss und Des Esseintes stand ratlos im eisigen Wind vor einem niedrigen Gebäude mit bräunlicher Fassade, obwohl, oder vielleicht auch gerade weil ein bekannter Meteorologe prophezeit hatte, dass eine Fönwetterlage mildere Witterungsverhältnisse bringen sollte. Er wusste weder, wo er war, noch wie spät es war und konnte sich nur mit Mühe daran erinnern, dass sein Auto in dieser Straße parkte. Mittlerweise hatte es begonnen zu schneien. Flocken fielen, zuerst vereinzelt, dann dicht, zu Boden, bedeckten die Dächer der Häuser und die Scheiben der Autos. Nur das gestreute Salz der Straße verhinderte, dass sich dünne Schneeschicht bildete. Des Esseintes knöpfte den Mantel zu und stellte denn Kragen hoch, dann entschied er sich auf gut Glück für eine Richtung und ging los.

Verschiedenste Autos standen dicht gedrängt am Straßenrand und zeigten eine erstaunliche Fähigkeit der Städter, nämlich die Fähigkeit sich in die kleinste Lücke zwängen zu können, wenn dies notwendig sei, aber derlei Unannehmlichkeiten und deren Ursachen sofort zu vergessen, wenn genug Platz vorhanden war; so parkte ein Kleinwagen der Marke Fiat in einer Parklücke, die fast doppelt so groß war wie das Auto selbst, während einige Fahrzeuge dahinter fast Stoßstange an Stoßstange standen.

Des Esseintes Maserati 3500 GT parkte am Ende der Straße, kurz vor der Kreuzung, und im Schein der Straßenbeleuchtung war ein Kratzer auf der Fahrerseite erkennbar, der auf eine eifersüchtige Buhlschaft zurückging, die gedacht hatte, dass ein Akt des Vandalismus‘ an einem Stück italienischer Automobilkunst wohl verdiente Rache bringen würde, doch der Schriftsteller hatte damals trocken konstatiert:

Maserati 3500 GT als Beispiel italienischer Automobilbaukunst: Er sieht bezaubernd aus, streikt aber mindestens einmal pro Woche.
„Carissima, es ist ein Leichtes den Kratzer aus dem Lack entfernen zu lassen, aber keine Macht der Welt, nicht einmal eine vis deorum, könnte dein Gesicht vor dem Alter retten.“

Beeindruckt von der furiosen Leidenschaft hatte er diese Schramme letztendlich doch nicht entfernen lassen, erinnerte sie doch an die Schramme, die er hinterlassen hatte und zwar im Herzen einer Schönheit. Des Esseintes legte den Whisky in den Kofferraum und schickte sich an die Fahrertür aufzusperren als ihm eine Frau auffiel, die am Trottoir auf der anderen Straßenseite in der Nähe einer Straßenlaterne stand.

Die Unbekannte war komplett in weiß gekleidet; weißer großkrempiger Hut, langer weißer Mantel, weiße Stiefel, weiße Handschuhe. Ihr Haar war hellblond und leicht gelockt. Es reichte über die Schultern, wobei einiger kurzgeschnittenen Strähnen bei der Schläfe keck unter dem Hut hervorlugten. Ihre hellgrünen Augen musterten Mephistopheles, wobei sich die Frau auf einen weißen Schirm stützte, dessen Griff sie in der linken Hand hielt. Die roten Lippen schienen Worte zu flüstern. Die rechte Hand winkte schwach, vollführte dezente Gesten, die aufforderten zu ihr zu kommen.

Des Esseintes aber blieb bei der Autotür stehen. Er kannte diese Frau, die ihn mit Unbehagen erfüllte, hatte ihr Gesicht schon gesehen. Der Schriftsteller stieg ein und startete den Motor, doch als er losfahren wollte, rollte der Wagen nur. Er verstärkte den Druck auf das Gaspedal, der Motor heulte auf, aber die Reifen drehten sich nur unmerklich schneller.

Nach einigen Metern stellte Des Esseintes den Wagen ab und stieg aus, doch konnte er nicht die Ursache der fehlenden Arbeitsbereitschaft erkennen. Er verstand nicht viel von Fahrzeugen und hatte sich auch nie sonderlich dafür interessiert, immerhin wusste er auch nicht, welche Farbe die Maler verwendeten, wenn sie malten, oder wie man eine Geige baut. Daher erschien es ihm auch sinnlos sich mit der Frage zu beschäftigen, wie ein Automobil denn funktioniere, denn es gab Menschen, die es bauten, und Menschen, die es warteten. Des Esseintes Aufgabe hingegen war es, sich an der Schönheit des Produktes zu erfreuen.

I don't give a shit about your "Floschn"
Der Schriftsteller bemerkte nach einigen Augenblicken, dass sein Wagen nicht nur den Dienst verweigerte, sondern auch im Parkverbot stand. Die unbekannte Frau war ebenfalls verschwunden.

Da Des Esseintes mitten in der Nacht in einer Straße, deren Namen er nicht kannte, bei einem Automobil, das nicht fuhr, stand, waren seine Handlungsalternativen eingeschränkt, sodass er sich entschloss das Abblendlicht aufzudrehen, um den Anschein zu erwecken als würde er nur kurz halten und demnächst das Parkverbot wieder verlassen, und ging dann zur Straßenbahnhaltestelle, die er von seinem im Parkverbot stehenden Maserati aus sehen konnte.

Doch auch hier war Des Esseintes das Glück nicht hold. Auf einem kleinen Blechschild, das unterhalb des Fahrplans hing, stand nämlich: WEGEN WARTUNGSARBEITEN AUSSER BETRIEB. Wütend trat der Schriftsteller gegen eine Flasche, die am Trottoir stand und im hohen Bogen davonflog.

„Heast Oida, bist deppert? Haben’s dir ins Hirn gschissn? Du koanst net einfach mei Floschn weg trimmern. Bist deppert, du Oarschloch?“ schrie ein entsetzter Obdachloser, der im Schutze einer kleinen Baumgruppe auf einer Bank saß. Mephistopheles antwortete amüsiert:

„Wie es scheint, leide ich auch an dieser Volkskrankheit, die man Idiotie zu nennen pflegt.“ „Heast Oida, wüsst mi veroarschen?“ „Wenn es so amüsant bleibt, dann scheint es ein lohnenswertes Unterfangen zu sein.“ „Bist wo ongrennt? Du koanst net einfach mei Lieblingsfloschn wegtreten.“ „Sie nannten Sie nur Ihre Lieblingsflasche, weil sie voll war.“ „Des is zwoar richtig, aber wurscht. I wül mei Floschn back.“ „Sie sollten mir wirklich dankbar sein. Es war vermutlich sowieso billiger Whisky. Da ist es besser zu sterben, als so etwas zu trinken. Aber ich denke, ich habe ein Angebot, dass Sie nicht ablehnen können. Wenn Sie mir sagen, wo die nächste U-Bahnstation ist, gebe ich Ihnen zwanzig Euro. Das sollte ausreichen um sich im billigen Whisky zu ertränken.“

„Sie san do net so a Oarschloch wie docht hob. Die Station is glei hier um d’Eckn, die erste links.“ „Wenn es wirklich so nah ist, dann sollte ich die zwanzig Euro vielleicht doch einbehalten,“ erwiderte Des Esseintes und ging los. Als er sich bei Kreuzung noch einmal umdrehte, sah er wieder die weißgekleidete Unbekannte, die dem Obdachlosen Geld gab.

Chromophobie vom Feinsten und nicht nur weil das Photo schwarz-weiß ist.
Die Station der Untergrundbahn, deren graue Betonverkleidung sich farblich kaum vom Asphalt schied, glich durch ihre wuchtigen und geraden Formen einem kubischen Monstrum, dessen Simplizität, die in Des Esseintes Augen ein Verbrechen am ästhetischen Anspruch der der Architektur darstellte, erahnen ließ welch freud- und lustlose Angelegenheit eine U-Bahnfahrt war.

Der Schriftsteller trat durch die hohe Glastür, schritt die breite Treppe hinauf und fand sich am Bahnsteig wieder. Auch hier manifestierte sich eine beharrliche Chromophobie: Die graue Kastendecke wurde von grauen Säulen getragen, die im grauen Bahnsteig fußten; selbst die Bänke waren grau. Nur die hellvioletten Hinweisschilder der Untergrundbahnlinie 2 passten nicht zu den 50 verschiedenen Grauschattierungen, die dieser gigantische Klotz offerierte. Der Wind fegte durch die Station. Schneeflocken tanzten in der Luft.

Des Esseintes schritt über den leeren Bahnsteig, genoss die für öffentliche Verkehrsmittel einzigartige Erfahrung der Einsamkeit, sprach in Gedanken von seiner Station, von seinem Bahnsteig, von seinem nicht mehr öffentlichen sondern privaten Verkehrsmittel. Mechanisches Rattern kündigte die baldige Einfahrt des Zuges an. Durchsagen erschallten. Die Türen öffneten sich und der einzige Zeuge dieses Spektakels war Des Esseintes, der in aller Ruhe den Waggon betrat und einen der unzähligen Sitze auswählte.

Doch nach wenigen Secunden wurde diese außergewöhnliche Erfahrung trivial. Die Züge waren immer noch grau, schaukelten und ruckelten wie gewohnt. Selbst die Sitze waren unbequem wie eh und je, ihre rote Farbe hatten sie auch nicht geändert, sodass die Garnitur immer noch eine tiefsitzende Antipathie gegen jegliche positive ästhetische Erfahrung expressierte. Im Gegensatz zu seinem Maserati 3500 GT, der aber nicht funktionierte.

Julia verkannte die Gefahren eines Schwangerschaft.
Der Gedanke, dass er mit angezogener Handbremse gefahren sei, glomm auf, wurde aber durch die Frage verdrängt, wer die Unbekannte sei, die gänzlich in weiß gekleidet am Trottoir unterhalb der Straßenlaterne gestanden, die dem Obdachlosen Geld gegeben hatte. Das Gesicht war ihm vertraut, den Namen dazu kannte er aber nicht.

Der Waggon blieb stehen, die Türen öffneten sich und eine junge Frau mit brünettem Haar und blauen Augen betrat den Zug. Die war dünn und von kleiner Gestalt, trug eines schwarze Daunenjacke, blaue Jeans und unscheinbare Stiefel. Ihre Augen waren verquollen, das Make-up verwischt. Sie nahm neben Des Esseintes Platz und begann mit zitternder, weinerlicher Stimme:

Ich weiß nicht, warum ich Ihnen das erzähle.“ „Mir sind die Ursachen genauso unbekannt, gnädiges Fräulein.“ „Wenn Sie wüssten, wie ich mich fühle, würden Sie Verständnis haben. Ich muss es einfach loswerden. Ich muss mit jemandem reden.“ „Ich bin geneigt Ihnen Recht zu geben, wobei Ihre Kombination aus Schweigen und Attraktivität ein Geschenk für die Menschheit wäre. Sie merken, wenn Sie mich kennen würden, wüssten Sie, dass Sie mit jemandem aber nicht mit mir reden müssen.“ „Heinrich ist so ein Arschloch.“ „In Anbetracht der Umstände bin ich gewillt mich dieser Einschätzung anzuschließen.“

Die junge Unbekannte, deren Freund Heinrich anscheinend ein Arschloch war, grub ihr Gesicht in die Hände, sodass beide hinter einem Vorhang aus brünettem Haar verschwanden und schluchzte:

„Sie haben so Recht. Ich meine, ich habe ihn so geliebt. Ich habe mich so gefreut, als ich dachte, ich wäre schwanger und der Hurensohn sagt nur `Weißt du, Julia´ – das bin ich, als ich heiße Julia – `ich habe keinen Bock auf ein Kind. Ich habe einmal eine Biene gekannt, die Magarete hieß und die hat mir auch versucht einen Braten unterzuschieben, also ist es vorbei.´ Dabei liebe ich ihn so sehr. Und jetzt bin ich nicht einmal schwanger.“

„Sie sind blind, verkennen Ihren Reiz. Sie sind eine Närrin, die Nichtigkeiten zum höchsten Gut erhebt! Ihre Ignoranz schmerzt mein Empfinden! Die Kunst der Verführung, auf die man sich früher so gut verstand, ist mehr als bloß vergnügliches Spiel, mehr als eine burleske Posse. Sie ist das Werben der Schönheit selbst. Der kecke Blick schöner Augen, das sanfte Hauchen roter Lippen, der liebliche Griff filigraner Finger sind für den objektiven, für den blinden Betrachten nur Gesten eines hübschen Frauenzimmers, doch für den Verführten ist es ein Ritual, an dessen Ende die Maximierung der Empfindung selbst steht. All dies hat seine Quelle in einer Tatsache:

Eine schöne Frau ist ein ästhetisches Phänomen par excellence. Wie nichts Zweites auf Erden schafft sie einerseits durch Reize, wenn sie sich wollüstig im weißen Meer der Decken rekelt, aber auch durch interessenloses Wohlgefallen, wenn sie im schönen Stoff am Tisch sitzt, zu gefallen.

Feminismus einmal anders: Die Frau als ästhetisches Phänomen par excellence.
Es ist keine sexuelle Gier sondern wahrhaftige Ehrfurcht die liebliche Gesichter, klare Augen und volle Brüste schön sein lässt. Sie aber haben diesen Zauber mit Füßen getreten, auf seinen Leib gespukt, als Sie sagten, dass Sie schwanger seien. Sie, meine Liebe, haben ein Discrimen aestheticae, eine ästhetische Krise, ausgelöst.

Schon der liederliche Terminus Schwangerschaft löste in meinen Gedanken eine Metamorphose Ihres Körpers aus. Ihr Bauch schwoll an wie der einer verwesenden Sau. Ihre wunderschönen Augen wurden glasig und es bildeten sich schwere Tränensäcke, die von lustlosen Nächten erzählten. Die Schwerkraft zog unnachgiebig an Ihren Brüsten; zog und zog weiter, bis sie ihre Form verloren hatten.

Und der Säugling erst. Die Hässlichkeit dieses narzisstischen Monstrums war abscheulich. Seine wenigen Haare waren zerzaust, die Stirn eingedrückt und er hob mit lauter Stimme an zu schreien. Es war schrecklich.“

„Aber Heinrich hat gesagt, dass er mich wegen meinem Charakter mag. Er hat immer gesagt, dass ich witzig und so bin. Er kann nicht so gedacht haben. Wir lieben uns. Die zwei Monate, die ich mit ihm verbracht habe, waren am schönsten in meinem Leben. Heinrich ist die Liebe meines Lebens.“

„Ich dachte zwar, dass er ein Arschloch wäre, aber derartige Überlegungen sind wohl nicht mehr relevant, denn niemals gab es ein so herbes Los als Julias und ihres Heinrich-os.“ „Das ist wahr. Meine Liebe zu Heinrich ist toll, aber ist auch so kompliziert. Ich will nicht, dass er geht. Ich liebe ihn, ohne ihn ist das Leben sinnlos.“

„Das ist so falsch, denn Heinrich reimt sich nicht auf Los. Julia, nutzen Sie die Chance, emanzipieren Sie sich von den Fesseln der bürgerlichen Gesellschaft. Liebe ist eine Narretei. Liebe ist für Narren, die den Sprung nicht wagen, und auf ewig in ihrer Moral eingeschlossen bleiben. Das Leben ist sinnlos, Liebe ist sinnlos, denn Staub sind wir und zu Staub werden wir zurückkehren. In diesem Chaos, das wir Welt nennen, hat die Wahrheit keinen Platz. Moral, Liebe und Freundschaft sind nur Illusion.

Denken Sie daran, Julia. Denken Sie daran, wenn Sie über das Leid der Menschen erfahren. Denken Sie daran, dass dieses sinnlos ist. Krankheit ist sinnlos. Armut ist sinnlos. Tod ist sinnlos. Wenn Sie davon hören, lachen Sie über dieses absurde Leid, spotten Sie dem chaotischen Werden und flüchten Sie in die ästhetische Erfahrung des Augenblicks, denn der Augenblick ist die kleinste Form der Ewigkeit,“ erläuterte Des Esseintes ekstatisch .

Speichel tropfte von seinen Lippen. Durch ausschweifende Gesten versuchte er einer Rede Nachdruck zu verleihen. Julia hingegen schwieg. Ihre Gesichtszüge hatten sich verhärtet. Mit blankem Entsetzen lauschte sie der nihilistischen Predigt und fand nur die Kraft ein einziges Wort zu entgegnen: „Aber-“ „Kein aber, meine Liebe. Der Mensch ist zur Freiheit verdammt. Tragen Sie diese Bürde erhobenen Hauptes.“ Der Zug blieb stehen und unter das Schluchzen der jungen Frau mischte sich das Zischen der öffnenden Türen.

Es war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen: Rauchend in der Bar zu sitzen und schönen Frauen die Lebenfreude auszureden.
Des Esseintes erstarrte als er in einiger Entfernung wieder die Frau erblickte, die er gesehen hatte, als er in seinen Maserati steigen wollte. Es war dasselbe blonde Haar. Es waren dieselben grünen Augen. Nur trug sie jetzt statt eines weißen Mantels und eines weißen Hutes eine schwarze Schaffneruniform.

Panik nahm vom Schriftsteller Besitz. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Es schnürte ihm die Kehle zu. Ruckartig erhob er sich von seinem roten Sitz und lief zum Ausstieg, wo er sich mit Mühe durch die schließende Tür zwängte. Sein Fuß blieb jedoch hängen, sodass Des Esseintes das Gleichgewicht verlor und auf den Bahnsteig stürzte, wobei sein Hut vom Kopf fiel und zum Aufgang rollte.

Am Boden liegend ließ er seinen Blick über den Zug gleiten, doch die Unbekannte vermochte er nicht zu sehen. Nur Julia saß weinend auf ihrem roten Sitz in einem grauen Wagen, an dessen Decke gelbe Haltegriffe befestigt waren. Während Mephistopheles sich aufrichtete, sagte er zu sich selbst:

„Den Teufel spürt das Völkchen nie und wenn er sie beim Kragen hätte.“

Da der nächste Zug erst in zwanzig Minuten gekommen wäre, verließ der Schriftsteller die Station der Untergrundbahn und trat hinaus in die Nacht. Es schneite immer noch, doch der Wind hatte nachgelassen, sodass die Flocken nahezu senkrecht zu Boden fielen. Zu seiner Linken stand die neugotische Votivkirche, deren prunkvolle Fassade durch ein schmuckloses Baugerüst verdeckt wurde, das ein Unterwäschehersteller zur Vermarktung seiner Erzeugnisse nutzte. Der Rasen im Park vor der Kirche war braun, die Bäume hielten Winterruhe. Zu seiner Rechten, in der Schottengasse, befand sich ein Taxistand.

Des Esseintes fuhr selten mit dem Taxi, denn die Fahrer waren meistens zu geschwätzig und insistierten Radio hören zu müssen und zwar bevorzugt einen Sender, der die ästhetischen Katastrophen der Musikindustrie der letzten fünfzig Jahre durch den Äther jagte. Erschwerend kam noch hinzu, dass die weiß-gelbe Lackierung der Taxis jeglichen Zuspruch der Ingenieure an die Schönheit der Form zunichtemachte. Mangels Alternative – Pferde stanken absonderlich, der nächste U-Bahnzug kam erst in zwanzig Minuten und sein Maserati hatte sich entschlossen parkend schön zu sein – überquerte der Schriftsteller dennoch die Ringstraße und näherte sich dem erstbesten Fahrzeug als ihm ein schwarzer Alfa Romeo 2600 SZ auffiel, der etwas abseits stand und nur durch ein kleines Hinweisschild am Dach als Taxi erkennbar war.

Nachdem Mephistopheles eingestiegen war und auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, fragte ihn eine Frauenstimme: „Wohin soll es gehen?“ „Gute Frage,“ entgegnete er und stelle fest, dass er nicht wusste wohin er sollte. Zwar hatte er vorgehabt nachhause zufahren, aber sein Fahrzeug stand mit eingeschaltetem Abblendlicht im Parkverbot, doch den Parkort seines Maseratis angeben konnte Des Esseintes auch nicht ohne weiteres, denn dieser war ihm völlig unbekannt. Nach kurzer Überlegung antwortete er:

Alfa Romeo 2600 SZ. Schönes Auto, schöne Frau und trotzdem ist Mephisto nicht glücklich
„U-Bahnstation Krieau.“ „Ich hätte zwar die U 2 genommen, aber es ist Ihr Geld,“ erklärte die Taxifahrerin und fuhr los. Aus dem Radio tönte die Arie aus Don Giovanni, in der die Statue des Commendatore Don Giovanni in die Hölle führte.

„Wenn Sie mich zur Station der Untergrundbahn gebracht haben, wird es Ihr Geld sein,“ kommentierte Des Esseintes den Einwand und warf einen Blick auf die Taxifahrerin. Sie trug eine hellblaue Bluse und dazu eine schwarze Hose. Ihr Haar war blond, die Augen grün. Einige Augenblicke starrte der Schriftsteller ungläubig in ihr Gesicht, betrachtete die lieblichen Züge ihres Antlitze, dann wurde ihm gewahr, dass er diese Person nur zu gut kannte:

„Sie sind es!“ „Ja, ich bin es, kann mich aber nicht daran erinnern, Sie jemals gesehen zu haben,“ erwiderte die Unbekannte lakonisch und konzentrierte sich wieder auf den Verkehr. Des Esseintes musterte nochmals das Gesicht, doch kein Zweifel kam auf, vielmehr nahm ihn Unbehagen ihn Besitz. Er hatte diese liebliche Schönheit schon gesehen und zwar nicht nur heute, sondern schon früher. Dieses Lächeln, diese Augen waren ihm mehr als vertraut:

„Ich lasse mich nicht durch Lug und Trug blenden. Wer sind Sie überhaupt und weshalb verfolgen Sie mich?“ Ohne weitere Auskünfte zu geben, deutete die Taxifahrerin auf ein unscheinbares Messingtäfelchen, das über dem Armaturenbrett angebracht war und auf dem stand: ES FÄHRT CONSCIENTIA TUA.

Des Esseintes konstatierte: „Welch vortrefflicher Scherz das alles ist. Erst verfolgt mich diese Dame, beschattet meine Taten und nun soll sie auch noch Conscientia heißen. Ei, ei, ei, das Leben ist doch Narretei!


Mephistopheles hatte einen harten Tag erwischt, jetzt schwatzte die Taxifahrerin sogar über Philosophie.
„Das klingt als hätten Sie einen schlechten Tag gehabt.“ „Ich habe keine schlechten Tage. Ich habe nur schöne oder hässliche Augenblicke. Jede weitere Deutung ist Teufelswerk der Philister, deren wächserne Flügel im Ganz des Lichtes meiner ästhetizistischen Sonne schmelzen.“ „Das wiederum kling solipsistisch.“

„Es ist noch viel mehr. Es gibt kein Ich, sondern meine momentane Empfindung, die Lust oder Unlust empfinden kann.“

„Sprach der Esel und fraß weiter sein Gras. Diese Argumentation erinnert an einen redenden Goldfisch, der in seinem Glas eingeschlossen ist und den Augenblick hochheben lassen muss, damit er nicht merkt, dass die Unendlichkeit seiner Welt nur durch das Fehlen von Ecken gegeben ist, sprich er in einer kleinen Kugel haust.“

„Das ist Blasphemie, die Zunge derer, die Angst vor der absoluten Befreiung durch die Schönheit haben,“ erwiderte Des Esseintes und ballte seine linke Hand zu einer Faust. Er hasste diese Rationalisten, die sich etwas auf ihre Vernunft einbildeten, die jegliche Emotionen töten, da sie Angst vor der Regung haben, und vor Schweiß.

Conscientia fuhr fort: „Schönheit als Idol?

„Ja, will ich vom ganzen Herzen schreien. Ja, sodass es nicht wahrer sein könnte.“

„Der große Nihilist, der hedonistische Possenreißer ist nicht mehr als ein Götzendiener. Hinterfotzig und im Schatten seines Stolzes hat er sich etwas Heiliges erschaffen. Es ist eine liederliche Flucht.“ „Bravo, Bravissimo. Ich liebe diese sophistische Rede, damit hätte ich auch Laetitia und Julia Glauben machen können.“

„Es stimmt, Sie hätten sie überzeugen können, dass Sie nicht der hedonistische Ästhet sind, für den Sie sich halten. Glück ist mehr als interessenloses Wohlgefallen und gefälliger Reiz. Fortuna, Beatitudo, Laetitia, Felicitas; es hat so viele Namen und noch mehr Voraussetzungen: Zufall, Erfolg, Liebe, Wissen, Spiel, Schönheit, Lust, Lustverschiebung et cetera. Doch zwei davon sind so essentiell, dass sowohl Professor wie Tagelöhner, Jüngling wie Greis, Narr wie Philosoph danach streben: Körperliche Zufriedenheit und soziales Glück. Für Sie sind Frauen nicht nur ein ästhetisches Phänomen par excellence, sondern mehr. Sie sehnen sich nach Geborgenheit, Liebe, einer Familie, aber aus Angst, dass es Ihnen verwehrt werden könnte, lehnen Sie es reflexartig ab. Eine gute Tag ist einem schönen Augenblick ebenbürtig.“

Des Esseintes starrte auf das Armaturenbrett, unfähig etwas zu sagen. Hatte er die wunderbare Schönheit wirklich als Götzenbild entstellt? Wurde aus der prima illusio wirklich die prima res ipsa? Der Wagen hielt und Conscientia ergriff noch einmal das Wort:

Wollte Mephistopheles Des Esseintes wirklich nur Liebe, eine Familie gründen, häuslisch werden und zum Abschluss Gurken im eigenen Garten pflanzen?
„So, wir sind da. Vielleicht noch ein letztes Wort zum Abschluss. Wer Hass säht, wird Hass ernten. Seien Sie einfach nett, es ist unglaublich wie positiv die Folgen sind. Denn es ist soweit: Don Ottavio, son morta!

Mephistopheles zahlte geistesabwesend und stieg aus dem Taxi. Es benötigte einige Augenblicke, bis er realisierte, dass vor seinem Maserati 3500 GT stand, dessen Abblendlicht jedoch nicht brannte. Irritiert öffnete er die Fahrertür und musste zu seiner Schande feststellen, dass die Handbremse angezogen war. Nachdem er diese gelöst und sich angeschnallt hatte, wollte er den Motor starten, doch abgesehen vom gequälten Röcheln des Anlassers tat sich nichts. Noch dazu bemerkte Des Esseintes, dass zwischen Windschutzscheibe und Scheibenwischer ein Strafzettel eingezwängt war.

Wütend stieg er aus dem Wagen und wollte mit dem Taxi zurückfahren, doch dieses war verschwunden. Er musste also mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Café Central gelangen. Missmutig stapfte der Schriftsteller zur Straßenbahnhaltestelle, doch die Tram war immer noch außer Betrieb, sodass er zur Station der Untergrundbahn musste.

Während er sich auf den Weg dorthin machte, schrie der Obdachlose: „Verschwind, du Oarschloch!“ und warf eine leere Whiskyflasche nach Des Esseintes. Da der Morgen schon angebrochen war, tummelten sich Pendler, Schüler, Studenten und Touristen in der Station, blockierten die Stiegen, verstopften die Lifte. Zu allem Überfluss hatte der U-Bahnzug wegen der schlechten Witterungsbedingungen auch noch einige Minuten Verspätung, sodass sich sogar noch mehr Menschen als sonst in die überfüllten Waggons zwängten.

Des Esseintes stieg in der Station Schottentor aus und lief in eine Fahrscheinkontrolle. Im Gegensatz zu einigen Studenten, die laut skandierten, dass der Staat die einzige kriminelle Organisation sei und dann versuchten sich durch Flucht der Strafe zu entziehen, zahlte der Schriftsteller die hundert Euro und trat hinaus auf die Ringstraße. Gemütlich schlenderte er durch die verschneite Herrengasse zum Café Central.

Sofort umfing ihn die heiße, trockene Luft eines überheizten Raumes. Das Café war gut besucht, die Leute lachten, schwatzten, aßen und tranken. Der Raum war erfüllt von den Stimmen der Gäste, vom Klirren des Geschirrs, den Schritten des Personals und dem Klang des Klaviers. Des Esseintes nahm seinen Hut ab und ging auf einen Tisch zu, als er von einer durch einen schwarzen Anzug gekleideten Kellnerin angesprochen wurde:

„Guten Tag. Wie geht es Ihnen?

„Ich fühle mich auf sonderbare Weise entspannt. Ein Tisch-“ „Ein Tisch für eine Person. Ich weiß, Herr Des Esseintes. Das Übliche?“ „Selbstverständlich.“ „So flexibel wie eh und je. Ich bringe Ihnen dann das Gewünschte. Nehmen Sie doch einfach Platz, Ihr Tisch ist frei.“

Dorothea sorgte sich um Mephistos Wohl
„Danke, Dorothea. Was würde ich bloß ohne Sie machen?“ „Sagen Sie bloß, Sie werden auf ihre alten Tage noch zum Charmeur.“ „Cui honorem, honorem,“ entgegnete der Schriftsteller, blickte Dorothea nach, die zwischen den Stühlen verschwand und setze sich an den Tisch, auf dem er normalerweise zu speisen pflegte.

Es war ein kleiner, unscheinbarer Tisch mit Marmoroberfläche, der bei einer der Säulen, die das Gewicht der Decke trugen, stand, in der Nähe des Klaviers und unweit der großen, hellen Fenster, die auf die Strauchgasse blickten.

Des Esseintes griff in seine Sakkotasche, um eine Zigarre herauszufischen, aber wenige Augenblicke später fiel ihm ein, dass es seit einigen Jahren dieses unsägliche Rauchverbot gab, das den Gast bevormundete, als wäre dieser ein verblödeter Trottel.

Doch anstatt sich über die Unsinnigkeit dieser Regelung zu echauffieren, bewunderte er die kunstvoll bemalten Bögen, die den Raum teilten. Unterbrochen wurde er in seiner Tätigkeit von Dorothea, die einen Mohr im Hemd sowie eine Melange brachte. Des Esseintes dankte höflich und die Kellnerin wandte sich zum Gehen, doch er begann:

Dorothea, wollen Sie vielleicht,-“ „Ist irgendetwas, Herr Des Esseintes?“ „Nein, meine Liebe, es eilt nicht. Ich werde es Ihnen sicherlich später sagen, sicherlich werde ich das tun,“ erläuterte Schriftsteller, führte die Melange an die Lippen und folgte Dorothea mit seinen Blicken, als er hörte wie die Frau auf dem Nebentisch zur ihrer Tischnachbarin sagte:

„Steffi, mein Mann hat mir heute erzählt, dass man eine Leiche aus der Donau gefischt. Ein ganz junges Ding und sie war noch dazu so hübsch. Das brünette Haar soll voller Plastik gewesen sein, weil die Donau so schmutzig ist, also Strauß würde nicht mehr von der schönen, blauen Donau schreiben, aber ich schweife ab. Wer macht so etwas? Warum stürzt sich ein junges Mädchen von der Brücke?“

Mephistopheles setze den Kaffee von den Lippen ab, starrte kurz in die Luft. Dann schüttelte er den Kopf und lachte über seine eigene Naivität. Es war einfach nicht möglich. Während er mit seiner Gabel in den Mohr im Hemd stach, betrat eine weißgekleidete Frau mit blondem Haar und grünen Augen das Café.
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