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Diverses:Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verstarb

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Die Sonne schien bereits durchs Fenster, als Sören Sjöström erwachte, exakt fünf Stunden, nachdem er auf die Minute genau einhundert Jahre alt geworden war, denn Sören Sjöström war vor exakt einhundert Jahren und fünf Stunden in aller Hergottsfrüh, nämlich schon um vier Uhr morgens, geboren worden und damit genau fünf Stunden früher, als er die darauf folgenden einhundert Jahre aufzustehen pflegte. Sören Sjöström hatte seit frühester Kindheit einen gesegneten Nachtschlaf, und ein gesegnetes Alter kam hinzu, allerdings noch nicht während der Kindheit und auch nicht in seiner Jugend, sondern wesentlich später, als es sich bereits eingestellt hatte, dass er ein liebenswürdiger und leicht wunderlicher Mann geworden war, der langsam aber sicher in die Jahre zu kommen schien, dessen gesegnetes Alter dem gesegneten Nachtschlaf jedoch glücklicherweise nicht abträglich war.

Sören Sjöström schloss aus seinen Überlegungen sehr zutreffend, dass jener Tag einschließlich des Morgens, den er bereits verschlafen hatte, sein Geburtstag sein müsse, und zwar genauer gesagt sein einhundertster Geburtstag. Sören Sjöström erhob sich aus seinem Bett, in dem er die letzten zehn Stunden gelegen hatte, stieg in seine Pisspantoffeln und ging zum Telefon, das gar nicht klingelte, doch da er wie bereits erwähnt inzwischen ein wenig wunderlich war (wenn auch sehr liebenswürdig dabei), hob er trotzdem ab und meldete sich, wie er sich über dreißig Jahre gemeldet hatte, wenn das Telefon klingelte, und fast dreißig weitere Jahre, wenn es nicht klingelte: „Firma Sören Sjöström und Söhne, Sören Sjöström am Apparat!“ Sören Sjöström war, wie er sich lebhaft erinnerte, denn neben seinem gesegneten Nachtschlaf hatte er sich auch seinen Geist bewahrt, der ab neun Uhr morgens sehr wach war, Gründer der gleichnamigen Eisenwarenfirma Sören Sjöström, in die später seine zwei Söhne Stellan und Sture einstiegen, ein Umstand, dem die Umbenennung der Firma in „Sören Sjöström und Söhne“ Rechnung trug, der aber auch dazu führte, dass die Arbeit, die Sören Sjöström, der damals noch gar nicht wunderlich, aber durchaus schon sehr liebenswürdig gewesen war, langsam aber sicher ein bisschen zu viel geworden war, nun auf sechs Schultern verteilt werden konnte statt nur auf zwei, so dass er seinen beiden Schultern, die damals zwar noch nicht halb so alt waren wie jetzt, aber trotzdem schon älter als die vier Schultern seiner zwei Söhne zusammen genommen, endlich die schwersten körperlichen Anstrengungen ersparen konnte, um sich stattdessen ins Büro zu setzen, wo er in den darauf folgenden dreißig Jahren recht oft saß und fast ebenso oft telefonierte.

Der imaginäre Anrufer erwies sich wenig überraschend als guter Kunde der Eisenwarenfirma Sören Sjöström und Söhne und verlangte allem Anschein nach, dass Sören Sjöström umgehend persönlich bei ihm aufkreuzte. Fast hätte man meinen können, dass Sören Sjöström absichtlich einen Kunden mit genau diesem Wunsch erfunden hatte, denn es traf sich einfach zu gut, dass er ohnehin wenig Lust hatte, seinen Geburtstag auch dieses Jahr im Altenheim zu verbringen, und da kam es natürlich sehr gelegen, wenn er geschäftlich außer Haus musste. Zu seinem Leidwesen hielten seine Pfleger erfahrungsgemäß sehr wenig davon, wenn er sich ohne Einwilligung und auf eigene Faust davon machte, so dass er nicht einfach zur Tür hinaus spazieren konnte. Also öffnete Sören Sjöström kurzentschlossen das Fenster, bewunderte noch dessen gusseisernen Rahmen und beäugte mit fachkundigem Blick den kunstvoll gearbeiteten Verschlussmechanismus, stieg auf das Fenstersims und sprang recht leichtfüßig in den moosbewachsenen Vorgarten.

Die frische Luft belebte seinen Geist, der ja ohnehin recht wach geblieben war für sein Alter, und er erinnerte sich daran, dass er vor drei Wochen das Zimmer gewechselt hatte, so dass er nun nicht mehr im Hochparterre wohnte, wie er zum Zeitpunkt seines Sprungs angenommen hatte, sondern im fünften Obergeschoss, und ein bisschen ärgerte sich Sören Sjöström nun über seine eigene Nachlässigkeit, die ihn nun höchstwahrscheinlich das Leben kosten würde, denn sobald er unten angekommen wäre, würde er sich wahrscheinlich alle Knochen brechen. Sören Sjöström dachte kurz darüber nach, ob er es aus der Luft noch zurück in sein Zimmer schaffen könnte, denn er war ein Stückchen nach oben gehopst und hatte sich wirklich noch nicht lange in der Luft befunden, so dass er jetzt zwar den Scheitelpunkt seiner Flugbahn bereits hinter sich gelassen hatte und sich somit im freien Fall befand, mit demselben jedoch noch nicht weit gekommen war und sich insgesamt wieder auf der Höhe wiederfand, aus der er wenige Augenblicke zuvor abgesprungen war, nur etwa zwanzig Zentimeter weiter vorne. In diesem Moment geschah es jedoch, dass ein sanfter Windstoß, vermutlich derselbe, der eine Sekunde zuvor seinen wachen Geist mit frischer Luft versorgt hatte, seinen langen weißen Bart ergriff und diesen so gründlich um den kunstvoll gearbeiteten Schließmechanismus des Fensters wickelte, dass er sich hoffnungslos darin verfing, und Sören Sjöström, der sich inzwischen damit hatte abfinden müssen, dass er aus eigener Kraft wohl doch nicht mehr zurück in sein Zimmer finden, sondern unaufhaltsam in die Tiefe stürzen würde, nun doch noch in seinem Fall aufgehalten, wenn auch nicht im eigentlichen Sinne gerettet wurde, denn nun drehte sich sein Genick mit einem ziemlichen Ruck in eine Position, die seinem gesundheitlichen Wohlergehen auf fatale Weise abträglich war, ihm aber immerhin noch genug Zeit ließ, um zur Einsicht zu gelangen, dass diese Art von Unfall im Hochparterre ebenso gut hätte passieren können und dass es somit doch eigentlich überhaupt keine Rolle spielte, dass er sich bei seinem Sprung ein bisschen geirrt hatte. Und so starb Sören Sjöström zwar mit gebrochenem Genick und entsetzlich zerzaustem Bart, aber in Frieden mit sich selbst.

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